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„Deluxe Outlet“ im Kreis Soest - Motto: Verkaufe viel für wenig Geld

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Von: Klaus Bunte

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zwei menschen in einer lagerhalle
„Hanadi’s Marken Welt“ nennen Hanadi Hammoud und Mohammed Chakroun ihre Facebook-Gruppe, über die sie im großen Stil Restposten verkaufen – aus ihrer Garage in Wickede heraus. © Bunte, Klaus

„Hanadi’s Marken Welt“ nennen Hanadi Hammoud und Mohammed Chakroun ihre Facebook-Gruppe, über die sie im großen Stil Restposten verkaufen – aus ihrer Garage in Wickede heraus.

Wickede – Wirklich luxuriös sieht das „Deluxe Outlet“ gar nicht aus. Wer die postalische Adresse ansteuert, glaubt erst einmal, er habe sich verfahren, denn es handelt sich um ein zwar großes, aber von außen doch eher unscheinbares Wohnhaus in Wickede im Kreis Soest (NRW). Aber die Adresse, auf die es ankommt, ist schließlich eine ganz andere. Die „Straße“ heißt www, die „Hausnummer“ lautet Facebook. Teil des Hauses ist eine wirklich sehr große Garage. Autos fänden hier dennoch höchstens als Matchbox-Modelle Platz.

Sie ist randvoll mit Restposten und Kartons, die sich mit Kundennummern versehen in Schwerlastregalen stapeln. Man sieht Bekleidung von Nike oder Adidas, Düfte von Gucci oder Uhren von Michael Kors, zig Shishas, irgendwo stapeln sich Pfannen. Auch im Wohnbereich ist alles voller Kartons, selbst in ihrer Sauna kommen die Bewohner nur noch dann ins Schwitzen, wenn sie dort Kartons rein- und wieder rausschleppen.

„Deluxe Outlet“ in Wickede - Motto: Verkaufe viel für wenig Geld

„Solche Uhren der Marke Cluse hier“, meint Hanadi Hammoud und zieht eine kleine Schachtel aus einem Regal, „kosten normalerweise im Schnitt 120 Euro. Wir kaufen davon 10.000 Stück und verkaufen sie für je 20 Euro. Manche kaufen da gleich zehn Stück, um sie zu verschenken. Unser Motto lautet: Verkaufe viel für wenig Geld.“

Was sich in diesen Räumen entwickelt hat, ist eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte und ein Musterbeispiel dafür, wie man aus einer Not eine Tugend macht. Nachdem er seine Shisha Lounge in Werl aufgrund der Pandemie schließen musste, spielte der gelernte Kfz-Mechatroniker Mohammed Chakroun zunächst noch mit dem Gedanken, in der Garage seines vor drei Jahren gekauften Hauses seine eigene Werkstatt aufzuziehen. Doch der 31-Jährige hatte nicht mit der Kreativität und dem Verkaufstalent seiner Partnerin Hanadi Hammoud gerechnet, die in den eigenen vier Wänden ihr eigenes kleines Shopping-Imperium aufzog.

„Dabei fing alles damit an, dass ich einfach nur alte Sachen von unseren drei Kindern im Internet verkaufte“, amüsiert sich Hanadi Hammoud über den Wink des Schicksals. Jeder andere hätte die Brocken bei Ebay eingestellt. Oder auf einem Trödelmarkt verramscht. Und hätte sich über einen Erlös von ein- bis zweihundert Euro gefreut. „Der Betrag lag irgendwo zwischen drei- und fünftausend Euro. Das wollte mir mein Freund erst gar nicht glauben.“

„Hanadi’s Marken Welt“ - Laden nur virtuell auf Facebook

Denn die attraktive und somit hochgradig telegene junge Frau hatte den Verkauf im Stil des Teleshoppings auf Facebook gestreamt – quasi QVC in klein aus einer Wickeder Garage. „Aber das Teleshopping richtet sich ja eher an Leute deutlich jenseits der 30“, meint Mohammed Chakroun. Über das Internet hingegen richten sie sich an ein jüngeres Publikum, jenes, das weniger auf lineares Fernsehen ausgerichtet ist als auf Internet, Social Media und Streaming-Anbieter.

Das Paar erkannte das Potential und baute eine eigene Facebookgruppe auf, nannte sie „Hanadi’s Marken Welt“, nach zwei Stunden hatten sie bereits 3 000 Mitglieder. Aktuell sind es 16 400 Mitglieder, ein Viertel davon gilt als Stammkunden. Auf Instagram haben sie 16 100 Follower. Eine eigene App ist in der Entwicklung. „Dabei kam mir anfangs noch zugute, dass ich häufig Spendenaktionen organisiert und mir somit einen großen Kreis an Kontakten aufgebaut hatte“, so Hanadi Hammoud.

Das Paar nahm Kontakt auf zu Großhändlern, begann, im großen Stil Restposten aufzukaufen. „Für alles, was wir hier verkaufen, haben wir Rechnungen“, betonen sie, dass nichts davon „vom Lkw gefallen“ ist und sie alles frei an den Endverbraucher weitergeben dürfen.“ Die Waren werden nicht nur über die Video-Livestreams verkauft, denn nicht jeder kann zu jeder Zeit einschalten, sondern im Wesentlichen über normale Foto- und Textbeiträge. Die Kunden bestellen per Kommentar.

Hanadi Hammoud und Mohammed Chakroun: „System selber aufgebaut“

„Das System habe ich mir selber aufgebaut, das gab es in der Form vorher gar nicht“, erzählt die Jungunternehmerin. „Vielmehr haben mittlerweile tausende andere es kopiert, aber betreiben das nicht in diesen Dimensionen wie wir.“ An sie verkaufen sie wiederum das, was eventuell übrig bleibt.

An dem System zeigen sich aber auch die extremen Gewinnspannen der Hersteller, wenn das Paar eine Designeruhr zum Sechstel ihres normalen Verkaufspreis verkauft und es dennoch einen satten Gewinn macht. Und die generierten Umsätze seien sehr hoch. Doch sie haben auch ihren Preis: „In der Regel schlafe ich vier Stunden“, meint die 28-Jährige, „ich fange morgens an und mache um 5 Uhr Feierabend“, mehr Zeit bliebe ihr neben der Arbeit und dem Hüten ihrer Kinder nicht – und das obwohl etliche Familienangehörige und Freunde bereits mitanpacken.

„Wir wechseln uns ab mit dem Schlafen“, meint ihr Partner, auf den das Unternehmen eingetragen ist, er pendelt dauernd zwischen Wickede und den Logistikzentren der Post in Werl und Hagen: „Wenn wir die Pakete bei uns abholen lassen, das hat die Erfahrung gezeigt, braucht es eine Woche, bis sie ankommen. Dann gehen sie erst nach Wuppertal, von dort nach Hagen und erst von dort zum Empfänger. So aber haben die Kunden ihre Ware schon am folgenden Tag.“ Wenn sie es wollen. Denn wer Porto sparen will, kann einen Monat lang alle Bestellungen sammeln, dann wird alles auf einen Schlag versandt. Daher die vielen Kartons in den Regalen.

Doch der hohe Arbeitsaufwand sei nötig, um am Markt erfolgreich zu bleiben, meint Mohammed Chakroun: „Wir haben mit nichts angefangen, also kann jeder andere das auch. Und es gibt genügend Menschen, die durch Corona ihre Existenz verloren haben und auf der Suche nach Alternativen sind.“ Weshalb die Pläne zur Aufstockung des Hauses schon fertig, die Bauanträge bei der Gemeinde bereits eingereicht sind. Wickeder, die nicht so internetaffin sind, können sich aber auch vor Ort in der Garage umsehen – es gibt zwar keine Öffnungszeiten, doch ein Anruf zur Terminabsprache reicht.

Kontakt: Kurzlink zur Facebookgruppe. Telefon: 0176/24245365.

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