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Afghanische Ortskräfte aufgenommen

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Von: Martin Hüttenbrink

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Fünf Menschen in einem Büro
Die in der Gemeinde aufgenommenen afghanischen Ortshelfer waren ausdrücklich mit Foto und Namensnennung einverstanden: v.l. Birte Deigmann, Martin Michalzik, Mir Nahil und Vater Mir Sadat sowie Gholam Wafa. © Gemeinde Wickede

Stunden, Tage und Wochen des Bangen liegen hinter ihnen. Immerhin waren sie Helfer der Taliban-Gegner, jener Militärkräfte auch aus Deutschland, die Mitte 2021 Afghanistan nach 20 Jahren verließen. Würden die als Ortskräfte bezeichneten Helfer ihrer Heimat unversehrt entkommen können, wenn jetzt die Taliban wieder uneingeschränkt herrschen? Sie haben es geschafft – und wohnen nun in Wickede (Ruhr).

Wickede – Ungeplant und ungewollt mussten sie mit ihren großen Familien ihre Heimat, aber auch zahlreiche Verwandte verlassen. Immerhin haben die beiden afghanischen Ortskräfte, die jetzt im Zuge der Ausflugaktionen der Bundeswehr nach Deutschland gekommen sind, ihre Liebsten bei sich und somit in Sicherheit.

Mir Aminullah Sadat ist mit seiner Ehefrau Mahera, einem Baby und drei weiteren Kindern zwischen vier und 16 Jahren vergangene Woche in Wickede angekommen. Und auch Gholam Wafa und seine Frau Amena müssen für sich und vier Kinder zwischen zwei und fünfzehn Jahren ein neues Leben in einem Land aufbauen, das ihnen in allem fremd ist.

„Beide gehören zu den Menschen, die im Grunde als Unbeteiligte ins schicksalhafte Räderwerk von Krieg, Politik und Fanatismus geraten sind“, erläutert Bürgermeister Martin Michalzik nach einer Begegnung mit den Männern. Dabei habe keiner der beiden in einer herausgehobenen Position seine Arbeitskraft für die Bundeswehr und zivile Hilfsorganisationen eingebracht, „vielmehr war Herr Sadat als Mitarbeiter in der Hauswirtschaft und Herr Wafa als Busfahrer im Einsatz“, erfuhr er im Gespräch. „Doch für die Taliban in ihren Heimatorten nahe den ehemaligen deutschen Stützpunkten Masar-i-Sharif und Kunduz, beide im Norden Afghanistans, gelten damit beide als Feinde und wurden mit dem Tod bedroht.“

Sie mussten sich zunächst Verstecke in Kabul suchen, wo sie jeweils nur zwei bis drei Nächte bleiben konnten, um Verrat und Verhaftung zu entgehen, erläuterten die Männer im Rathaus. Dann wurden die Familien über Islamabad nach Deutschland ausgeflogen. „Ob dies auch dem volljährigen Sohn von Herrn Sadat, der mit seiner Frau ebenfalls die Ausreise beantragt hat, bald gelingt, wird mit Bangen erwartet“, erfuhr der Bürgermeister bei der Begegnung.

Michalzik hatte die ehemaligen Ortskräfte, die jetzt der Gemeinde zugewiesen wurden, zu dem Gespräch eingeladen. Er bedankte sich für den Dienst bei den internationalen Truppen und Organisationen und äußerte sein Mitgefühl zu dem damit jetzt verbundenen Schicksal. Im Anschluss an den Austausch über Herkunft, frühere Tätigkeiten und Fluchterfahrungen stellte er die Gemeinde Wickede (Ruhr) als neuen Heimatort kurz vor.

Er selbst sei 2011 nur kurz mit dem damaligen Landtagspräsidenten Uhlenberg zu einem Besuch bei Polizeieinheiten aus NRW und der Bundeswehr im afghanischen Masar-i-Sharif gewesen, könne sich aber vorstellen, wie enorm schwer die Umstellung auf ein Leben und eine Perspektive in Deutschland falle, berichtete der Bürgermeister nach dem Austausch.

Das gelte gerade auch für die Kinder und Jugendlichen, die den Verlust von Heimat, Freunden und Plänen noch schwerer verstehen könnten.

Viele Menschen in Wickede seien sicher aufgeschlossen dafür, ihnen einen guten Start und Weg hier möglich zu machen. Auch der Mentorenkreis für Geflüchtete stehe bereit, nach Abebben der aktuellen Corona-Welle bei der Integration zu helfen, so der Bürgermeister.

Wie in dieser Woche berichtet, sind beide Familien zunächst gemeinsam und übergangsweise in Räumen der ehemaligen Westerheideschule untergebracht. „Das unwirtliche Wetter vor Ort trägt dazu bei, das Ankommen nicht leicht zu machen. Hinzu kommen die zahlreichen, jetzt notwendigen Behördengänge, um das Netz der Integrationsleistungen zu aktivieren: Krankenkasse, Integrations- und Sprachkurs, Konto für die Zuweisungen zum Lebensunterhalt, KiTa- und Schulaufnahme für die Kinder und vieles mehr“, beleuchtet Michalzik die anstehenden Schritte.

Engagiert kümmere sich im Fachbereich Soziales des Rathauses Verwaltungsmitarbeiterin Birte Deigmann um die wichtigsten ersten Schritte für die neu angekommenen. Zudem hat sich eine bereits angesprochene Wohnungsoption verfestigt. „Für eine Familie ist eine Wohnung im Zentralort bereits angemietet und steht ab März zur Verfügung“.

Damit wird neben zwei Mutter-Kind-Plätzen in der Wohnung über der Engelhardschule und den restlichen vier Plätzen für Männer in der Erlenstraße auch wieder Platz für die Unterbringung einer Familie frei, für die der erste Stock der ehemaligen Westerheideschule hergerichtet wurde. Das Rathaus will auch weiterhin auf die Möglichkeit von Zugängen vorbereitet sein: „Es ist durchaus möglich, dass uns weitere Geflüchtete zugewiesen werden“.

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