"Menschen lassen Frust aus"

Schluss mit Schwanensee: Zweites Tier im Werler Kurpark verschollen

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Der an seinen schweren Verletzungen gestorbene Schwan ist noch in Warendorf in der Wildtierklinik. Von der Schwester fehlt jede Spur.

Werl - Schluss mit Schwanensee im Kurpark? Das zweite Tier ist verschollen, Mitarbeiter der Stadt suchten es am Montag vergeblich. Nach dem Tod eines Schwans denkt die Stadt ohnehin darüber nach, die verbliebene Schwester auszusiedeln, um sie zu schützen.

Denn Attacken von Menschen auf Tiere habe man immer wieder beobachten müssen – bis zum Weitwerfen von Küken. Das sagt Werls Umweltbeauftragter Andreas Pradel. „Viele Menschen lassen ihren Frust an Tieren aus“, sagte er auf Anfrage. Und so seien Übergriffe auf die Wildvögel – neben den Schwänen auch auf Enten und Gänse – schon häufiger vorgekommen. „Wir haben da immer wieder mal verletzte Tiere“, sagt Pradel. 

Eine Drahtschlinge um den Schwanenhals, ein verletzter Flügel beim Tier, auch durch die Gegend geworfene Entenküken sind schon geschildert worden. An Dramen um getötete frühere Schwanenbabys und gestohlene Eier erinnert der Umweltbeauftragte zudem. Hinzu kämen zu Tode gebissene Küken durch frei laufende Hunde, die die Besitzer der Hunde lapidar zur Kenntnis genommen hätten – all das sei „leider Alltag“, so wie Treffen von Gruppen in den Abendstunden, „Das ist leider Fakt und nur schwer in den Griff zu bekommen.“ 

Da waren sie noch zusammen: Leser Ulrich Reiter machte vor wenigen Tagen dieses Foto vom Schwanenpaar im Kurpark.

Ein Problem: Die Tiere, auch die Schwäne, sind zutraulich. Weil immer wieder passiert, was eigentlich verboten ist: Kurpark-Besucher füttern die Wildvögel – und das meistens mit ungeeignetem Futter. „Brot, Nudeln und Tortillas gehören nicht auf den Speiseplan von Wildtieren.“. 

Es gebe immer „einen reich gedeckten Tisch. Und die Ratten tanzen Samba“, sagt Pradel zu den Folgen. Denn vor allem die unerwünschten Nager holen sich die Reste. Das Fütterverbot werde schlicht ignoriert. Aber die ungesunde Fütterung hat weitere Folgen: Sobald die Vögel im Kurpark Zweibeiner sehen, kommen sie angeschwommen oder angelaufen und gehen auf die Menschen zu. „Der natürliche Fluchtinstinkt geht verloren.“ 

Die Frage, ob es Tierquälerei war, bleibt wohl ungeklärt

Das macht die Tiere anfällig für Übergriffe. Ob auch der nun letztlich tödlich verletzte Schwan Opfer einer Tierquälerei geworden ist, vermag Pradel nicht zu sagen. Es gebe keinerlei Hinweise auf einen derart gewaltsamen Übergriff, der für die schwere Verletzung nötig gewesen wäre. Aber naheliegend sei das „leider“ schon, insbesondere vor dem Hintergrund früherer Attacken. „Das ist schlimm, was da passiert ist.“ 

Die lange Geschichte der Schwäne im Kurpark mit der Abgabe des verbleibenden Schwanen-Weibchens zu beenden, wäre „natürlich schade“, sagt der Umweltbeauftragte. Zumal viele Kurpark-Besucher gerade den Schwänen immer gerne zugesehen und die Existenz von Schwänen auch eine lange Tradition in Werls grüner Lunge haben. 

Schutz des Tieres geht vor

„Und wir wollen den Kurpark ja auch für Menschen attraktiv gestalten.“ Letztlich aber müsse man den Schutz des Tieres, dem ein natürliches Rückzugsgebiet fehle, nach vorne stellen. „Eigentlich ist das kein Platz für Schwäne.“ Vielleicht hat das Tier aber auch von sich aus schon das Weite gesucht: Am Montag fehlte von ihm jede Spur.

Toter Schwan war schon geschwächt

Der an seinen schweren Verletzungen gestorbene Schwan aus dem Werler Kurpark war schon geschwächt. „Als Nebenbefund konnte noch eine ausgeprägte Grasverstopfung im unteren Schnabel und Kehlbereich gefunden werden, die Kondition des Tieres war also vermutlich bereits vor der Verletzung etwas reduziert“, sagt die Warendorfer Tierärztin Dana Ströse, die den Schwan noch notoperierte. Hinzu kam, dass die Wunde bereits durch Erreger hochgradig infiziert gewesen sei.

 „Dies passiert unter normalen Gewässerbedingungen leider schnell.“ Ob das Tier einem Tierquäler oder doch einem Unfall zum Opfer fiel, werde sich kaum noch klären lassen, sagt die Tierärztin, die den Kadaver noch in ihrer Obhut hat und auf Meldung der Stadt wartet, was damit passieren soll. Sie könne nur hoffen, dass hier nicht Menschen am Werk waren, so Dana Ströse. 

„Eine solche Brutalität würde mir wirklich Angst machen.“ Für den verbleibenden Schwan im Kurpark sei die Situation nun schwer. „Diese Tiere sind gern gemeinsam unterwegs.“ Ein Alleinsein sei nicht artgerecht.

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