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Auch im Kreis Soest: Zahl der Lkw-Fahrer sinkt dramatisch

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Von: Klaus Bunte

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Auf der B63 in Hilbeck reiht sich Lkw an Lkw
Auf der B63 in Hilbeck reiht sich oft Lkw an Lkw. Dennoch fehlen der Logistik-Branche Fahrer, die diesen Job machen möchten. © Uta Müller

Deutschland gehen die Lkw-Fahrer aus, allein in NRW gibt es laut Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) 15 000 offene Stellen. Werl und der Kreis Soest bleiben davon nicht unberührt.

Werl - „Wenn wir hier irgendwann Verhältnisse bekommen wie in England“, wo deshalb Supermarktregale und Zapfsäulen leer bleiben, „dann prost Mahlzeit“, meint Dirk Valerius, Geschäftsführer der Spedition Werneke Logistic.

Ihn plagen Nachwuchssorgen: „Als ich das Unternehmen vor elf Jahren übernahm, hatten wir noch zehn bis 14 Auszubildende im Betrieb. Zuletzt waren es noch acht oder neun. In diesem Jahr sind es nur noch zwei.“ Insofern hat sein Kollege Torsten Kulle keinen Schwund, er bildet stets zwei Azubis aus, genau so viel hat er derzeit, „und die laufen richtig gut mit“, lobt er die jungen Fahrer. „Aber der Fachkräftemangel macht sich in allen Bereichen bemerkbar, im Nah- und Fernverkehr und bei den Rangierfahrern, die nur auf den Betriebsgeländen arbeiten.“

Mit ihren Nachwuchssorgen sind sie nicht allein, das gleiche Bild zeichnet Angela Rademacher, Ausbildungsberaterin bei der IHK Arnsberg: „Alle Berufskraftfahrer im Kreis Soest und im Hochsauerlandkreis werden am Soester Bördeberufskolleg unterrichtet. Das waren zuletzt immer über 30, verteilt auf zwei Klassen. In diesem Jahr ist es nur noch eine.“

Im Wesentlichen sind für die aktuelle Situation vier Ursachen festzumachen. Die eine ist der Beruf als solcher (oder seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit), der zweite ist der internationale Wettbewerb, der dritte ist der demografische Wandel, der vierte Corona. „Während der Pandemie ist die ganze Berufsorientierung entfallen“, bedauert Rademacher. Sprich, die Berufsbörsen an Schulen oder in Sälen wie der Werler Stadthalle, wo die Schüler in Kontakt zu den Berufsschulen, vor allem aber den Ausbildungsbetrieben kamen, fielen lange aus. Rademacher: „Da zeigt sich, wie wichtig diese Veranstaltungen sind. Denn viele haben sich dann einfach entschieden, weiter zur Schule zu gehen. Corona hat dort für eine gewaltige Lücke gesorgt.“ Immerhin: Der Aktionstag Arbeit und Ausbildung in der Stadthalle soll am 26. und 27. Oktober wieder stattfinden.

Ein anderes Thema ist das Berufsbild. Kulle führt das auf die Medien zurück. Unlängst habe er eine Anfrage vom Fernsehen erhalten. Ein privater Nachrichtensender habe eine Doku über die A 2 drehen, sie mit einem seiner Fahrer entlangfahren und diesen danach befragen wollen, wie stressig der Job sei. Da sei ihm ein wenig der Kragen geplatzt: „Dieser Stress ist kein Thema, wenn man sich an die gesetzlich vorgegebenen Fahrt- und Ruhezeiten hält.“

Es sei den schwarzen Schafen der Branche zu verdanken, die versuchen, diese Vorgaben zu umgehen, dass der Job so einen negativen Ruf erhalten habe, „er wird schlecht geredet, und daraus ergibt sich eine Abwärtsspirale. Sicher gibt es zu wenig Parkplätze, aber das darf keine Ausrede sein, sich nicht an die Zeiten zu halten. Denn mittags ist an den Raststätten alles frei. Und abends, da kann man im Zweifelsfall zusehen, dass man sich beim Kunden hinstellen kann. Wer solche Arbeitgeber hat, dem kann ich nur entgegnen: Auf einen Radius von 800 Metern bekommen Sie in Werl acht Jobangebote.“

Angela Rademacher weiß weitere skurrile mediale Auswirkungen: „Auf solche Situationen reagiert das Fernsehen sofort. Das ist schon kein Zufall, dass der Sender Kabel Eins ausgerechnet jetzt ein Format wie die ,Trucker Babes‘ ausstrahlt.“ In der Sendungen werden Lkw-Fahrerinnen porträtiert – bevorzugt solche, deren Fotos sich ihre männlichen Kollegen auch in ihrer Schlafkabine aufhängen würden.

Nein, „Lkw-Fahren ist geil“, ist Kulle nach wie vor Feuer und Flamme für den Job. Vor allem für Technikbegeisterte sei er ideal, denn in den Trucks werde Pionierarbeit geleistet: „In einem brandneuen Modell steckt eine Technik, die erst deutlich später in einem Pkw landet. Wenn wir von unserem zweiten Standort Scheidingen nach Werl fahren, dann weiß der Lkw, wo der Kreisverkehr kommt, der Tempomat geht automatisch auf 28 km/h runter. Um mit diesen Entwicklungen Stand zu halten, müssen unsere Fahrer dauernd zur Nachschulung. Sonst können die solch neue Modelle gar nicht fahren.“

Dennoch, weiterer Parkraum sei dringend erforderlich, um die Lage für die Fahrer zu verbessern, pflichtet Valerius bei: „Sie landen sonst wer weiß wo, ohne Zugriff auf Duschen und sanitäre Anlagen. Der Ausbau der Raststätten ist da ein Tropfen auf den heißen Stein, denn der Verkehr nimmt zu.“

Der hat dann aber meist ein Autokennzeichen aus dem Ausland. Denn Mitbewerber aus dem osteuropäischen Raum, die ihren Fahrern nur Niedriglöhne zahlten, die Preise drückten, die heimischen Unternehmer da irgendwie mithalten müssen, was sich auch auf die zahlbaren Löhne auswirke, die aber immer noch deutlich über denen in Osteuropa liegen: „Aber das ist ja der Grund, warum derzeit jeder zweite Lkw auf unseren Straßen von dort kommt.“

Übrigens auch viele Fahrer, denn aus lauter Not werben auch die Deutschen mittlerweile von dort ihre Fahrer an, „was für mich aber nicht infrage kommt,“ meint Torsten Kulle, „ich möchte den deutschsprachigen Raum mit deutschsprachigen Fahrern bedienen können.“

Valerius fällt noch ein weiterer Faktor ein: „Früher, als es die Wehrpflicht noch gab, hat die Bundeswehr den Fahrern noch den Führerschein bezahlt.“

Kulle sieht hier ein hausgemachtes Problem der Branche, „die hat da einiges verschlafen, indem sich viele Betriebe zu lange darauf verließen, dass der Staat uns diese Aufgabe abnimmt – und die Qualität dieser Ausbildung zeichnet sich in der hohen Zahl von Unfällen ab.“ Die Lage wird sich mit dem Altern der Fahrer noch verschärfen. Es werden deutlich mehr Fahrer in den Ruhestand gehen als nachkommen.

Dirk Valerius sieht sich dennoch derzeit noch gut aufgestellt: „Wir sind zum Glück nicht an einen Großverlader gebunden, der 30 Prozent unserer Fracht ausmacht und daher unsere Preise drücken kann.“ Doch der Mangel habe auch seine gute Seite: Um den Beruf schmackhaft zu machen, müsse man zwangsläufig die Löhne anheben, sieht Valerius zumindest hier ein Licht am Ende des Autobahntunnels.

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