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Neue Idee für kalt erwischte Kirche: Gemeindeleben im warmen Kindergarten

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Von: Gerald Bus

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In der Propsteikirche wird es im Winter bitterkalt sein - und in Gemeindehäusern muss aufwendig gewärmt werden. Der Kirchenvorstand in Werl macht sich darüber Gedanken.
In der Propsteikirche wird es im Winter bitterkalt sein - und in Gemeindehäusern muss aufwendig gewärmt werden. Der Kirchenvorstand in Werl macht sich darüber Gedanken. © ak_Schoplick, Anne

In den warmen Kindergarten statt ins kalte Gemeindehaus: Lutz Langschmidt weiß, dass er mit solchen Ideen nicht unbedingt offene Türen einrennt. Schon gar nicht Kirchentüren. Aber in Zeiten, wo Kirche kalt erwischt wird von Energiekrise & Co sieht sich der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands der Propsteigemeinde durchaus in der Pflicht, sich auch über auf den ersten Blick nicht für alle Gläubigen attraktive Lösungen Gedanken zu machen.

Werl – Wohin steuert, wohin geht die Kirche? Gerade vor einem kalten Winter stellen sich diese Fragen. Dabei könne es sinnvoll sein, einen größeren Teil des Gemeindelebens in Kitas zu verlagern, die ohnehin warm sind (und sein müssen) und tagsüber belegt werden.

Es ist allemal besser, als Gemeindehäuser abends für eine Veranstaltung aufzuheizen.

Lutz Langschmidt, stellvertretender Vorsitzende des Kirchenvorstands der Propsteigemeinde

Diese Räume in den Abendstunden für das gemeindliche Leben zu nutzen und damit auch die Wärme dort, dem kann Langschmidt etwas abgewinnen. „Es ist allemal besser, als Gemeindehäuser abends für eine Veranstaltung aufzuheizen.“ Zudem diene das der Integration von Kirche in andere Lebensbereichen. „Vor dem Hintergrund extrem hoher Energiekosten muss der Kirchenvorstand sich auch darüber Gedanken machen, wie wir sparen können“, sagt Lutz Langschmidt auf Anfrage.

Gottesdienst bei fünf Grad

Zumal ganz frisch aus dem Erzbistum eine Empfehlung gekommen ist, dass Kirchen nicht wärmer als fünf Grad sein sollen. Das sei sicher eine Grenze, die manchen vom Kirchenbesuch abhalten könne.

Orinetierung an Kirchenberater Erik Flügge

Mit seinen Überlegungen fußt Lutz Langschmidt auf einen Vortrag, den der Politik- und Kirchenberater Erik Flügge jetzt vor dem Gemeindeverband Mitte/Soest gehalten hat. Dort hat der Referent genau das thematisiert: Kirche binde in Beton, Stein und Grundstücke zu viel erstarrte Energie, drehe sich zu oft nur um sich selbst und das, was sie bei zurückgehender Gläubigenzahl vermeintlich verliere – statt sich auf den Weg zu machen, „erfolgreicher“ zu werden.

So viel Katechese können wir gar nicht betreiben, wie wir da an der richtigen Stelle haben

Erik Flügge, Kirchenberater

Die Kita in kirchlicher Trägerschaft sieht Flügge als Mittelpunkt einer Gemeinde. „Und Kirchen haben nie so viele Mitglieder erreicht wie in Kitas.“ In Kirchen fänden sich kaum junge Leute, während die Kita nebenan rappelvoll und überbucht ist. Eine Trennung, die Flügge als „doof“ und „unambitioniert“ bezeichnet. Eine Kita biete eine große Kontaktoberfläche zu Familien, Eltern, Kindern – „so viel Katechese können wir gar nicht betreiben, wie wir da an der richtigen Stelle haben“, hieß es in dem Vortrag. Letztlich sei also eine Verzahnung schlauer, effizienter, günstiger.

Und gerade jetzt zum Herbst hin könne es sich die Katholische Kirche gar nicht leisten, Menschen keinen warmen Raum anzubieten. „Aber die Kirche wäre bescheuert, wenn sie den Gottesdienst-Raum dafür nutzt, den größten und am schwierigsten zu heizenden Raum“, sagt Flügge. Auch sei es nicht schlau, dafür das kalte Gemeindezentrum zu nutzen mit oft schlechten Heizungen. Aber ohnehin warme Kitas abends zu nutzen, um darin Gemeindeleben stattfinden zu lassen, „das ist schlau“.

Insgesamt müsse Kirche sich reorganisieren und mit dem Jammern darüber aufhören, dass sie weniger wird, und „einsteigen in den Gedanken, wie man mit Weniger Dinge besser machen kann“.

Gedanken, denen Langschmidt etwas abgewinnen kann. „Ob ich das alles gut finde, ist eine ganz andere Geschichte. Viele notwendige Fragen besonders auf unsere seelsorgliche Arbeit lässt dieser Vortrag offen.“ Die Propsteigemeinde müsse andere Möglichkeiten des Gemeindelebens hinsichtlich der aktuellen Situation in den Blick nehmen. Langschmidts Fazit: „Wir müssen das nutzen, was wir haben – und nicht das, was uns nicht hilft.“

Stadtwerke-Gespräch

„Ganz wichtig“ wird laut Lutz Langschmidt nun zunächst der Gaseinkauf für die Propsteigemeinde. Kurzfristig werde es ein Gespräch mit den Stadtwerken darüber geben, auf was die Gemeinde sich einstellen müsse. Wenn man bedenke, dass allein für die Kirche St. Peter zum Beispiel mehrere Tausend Euro Kosten für Energie im Jahr anfallen und das nun noch deutlich steigen wird, mache das die Notwendigkeit neuer Wege noch deutlicher.

Der Link zum Vortrag von Erik Flügge: https://m.facebook.com/fluegge.glaubenskommunikation/

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