Fehlender Respekt

Kritik an Iran: Bruder des Absturz-Opfers dankt für große Anteilnahme

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Beiden ist es wichtig, ihren Dank für die Unterstützung zum Ausdruck zu bringen, die sie von den Werlern erfahren haben: Mirza Hossein Khavari (rechts), der Bruder der jungen Werlerin, die mit ihren beiden Kindern im abgeschossenen Flugzeug saß, und der Lebensgefährte seiner Schwester, Mahadi Alizada (36).

Werl – Tiefe Trauer, Wut, aber auch Dankbarkeit, sind die Gefühle, die Mirza Hossein Khavari bewegen. Der 36-Jährige ist der Bruder der jungen Werlerin, die mit ihren beiden Kindern in dem ukrainischen Flugzeug saß, das über dem Iran abgeschossen wurde.

Khavari empfindet Trauer über den noch immer unbegreiflichen Verlust seiner geliebten Angehörigen, Wut über den mangelnden Respekt, der seiner Familie im Iran entgegengebracht werde und Dankbarkeit gegenüber den vielen Werlern, die ihn und den Lebensgefährten seiner Schwester in dieser schweren Zeit unterstützt und die mit ihm getrauert haben. 

Im Iran hätten die Medien einen großen Unterschied gemacht zwischen den gestorbenen Iranern, die als „Helden“ bezeichnet wurden, und den anderen ausländischen Opfern, berichtet Khavari. Seine Eltern und seine noch im Iran lebenden Geschwister hätten bis heute von offizieller Seite nichts gehört. In Werl hingegen habe sich sofort der Bürgermeister bei ihm gemeldet. Das Team des Integrationsprojekts „Garten der Kulturen“ habe Hilfe angeboten und eine Trauerfeier organisiert, zu der sehr viele Werler gekommen seien. Auch dem Team der Norbertschule und der Kita Werl-Nord und seinen Arbeitskollegen möchte Khavari für die Unterstützung und die Anteilnahme danken.

Eskalation der politischen Lage war nicht absehbar

Als Khavari, seine sechs Jahre jüngere Schwester, seine Nichte (8) und sein Neffe (5) Mitte Dezember in den Iran flogen, um ihre Familie zu besuchen, konnten sie nicht ahnen, dass sich die politische Lage in der Region derart zuspitzt, dass die USA einen hochrangigen iranischen General töten und die Iraner wiederum Vergeltung üben werden. Sie wollten nach langer Zeit einfach nur ihre Eltern und Geschwister wiedersehen. Seine Schwester war zuletzt vor zwei Jahren im Iran, Khavari vor drei Jahren. Gemeinsam waren sie seit ihrer Flucht im Jahr 2013 nie bei ihren Eltern gewesen. Khavari reiste zwei Tage früher an und deshalb auch zwei Tage früher wieder ab. Zwei Tage, die den Unterschied machten zwischen Leben und Tod.

Eltern flohen in den 1980er-Jahren aus Afghanistan

Seine Eltern waren in den 1980er-Jahren vor dem Krieg aus Afghanistan in den Iran geflohen. Khavari und seine Schwester wurden im Iran geboren, blieben aber als Flüchtlinge afghanische Staatsbürger. Als solche seien sie im Iran „nichts wert“ gewesen. Sie seien ausgeschlossen worden von Ausbildung und Studium, durften zum Beispiel auch keinen Führerschein machen. Zwar werde in beiden Staaten Persisch gesprochen, doch am Akzent seien sie als Afghanen zu erkennen und häufig der Schikane von Behörden ausgesetzt gewesen.

Hossein folgte seiner Schwester nach Europa

Als seine Schwester vor sieben Jahren den Entschluss fasste, zu fliehen, zögerte Khavari zunächst, machte sich dann aber auch auf den gefährlichen und beschwerlichen Weg nach Europa. „Wir wollten unseren Kindern eine bessere Zukunft bieten“, so Khavari. In Deutschland wurden sie zunächst getrennt. 

In Werl fanden sie ihr Glück

Doch 2017 zog seine Schwester mit ihren Kindern nach Werl. Hier fanden sie ihr Glück. „Ich weiß jetzt, was Freiheit bedeutet“, habe seine Schwester einmal gesagt. Auch Hossein Khavari war begeistert von den Möglichkeiten in der neuen Heimat. Endlich konnte er eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker beginnen – sein Traumberuf. „Und niemand hat sich dafür interessiert, ob ich eine etwas dunklere Hautfarbe habe.“ Endlich hätten sie den Respekt erfahren, den sie im Iran vermissten. 

Natürlich seien die Eltern traurig darüber gewesen, dass ihre Kinder nun weit weg wohnten, sie hätten sich aber auch mit ihnen darüber gefreut, dass es ihren Kindern nun besser geht. Khavari und seine Schwester waren angekommen in ihrem neuen Leben. Sie hatten vielen Widrigkeiten getrotzt. Und für seine Schwester, die schon im Iran Flüchtlingskindern Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht hatte, schien sich tatsächlich ihr größter Wunsch zu erfüllen: Sie konnte ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten. 

"Ich will nicht aufgeben"

Khavari bewunderte sie dafür, wie sie neben Familie und ihrer Ausbildung immer noch Zeit fand, sich für andere einzusetzen, anderen zu helfen. Auch für sie möchte er seine Lehre zu Ende bringen. Die Trauer wird ihn so schnell nicht loslassen. Doch er will kämpfen: „Ich will nicht aufgeben.“

Trauerfeier in der Moschee

Das Team des Integrationsprojektes „Garten der Kulturen“ hatte bereits am Sonntag zu einer Trauerfeier an der Overbergschule eingeladen. Eine weitere Trauerfeier, zu der die Angehörigen einladen findet am Freitag, 17. Januar, ab 16 Uhr in der Werler Moschee statt. Auch zu dieser Feier sind alle eingeladen, die sich von der jungen Frau und ihren beiden Kindern verabschieden möchten. Die Beisetzung findet auf Wunsch der Eltern im Iran statt.

Um die drei Werler Opfer des Flugzeug-Abschusses, bei dem 176 Menschen ums Leben kamen, trauerten mehrere hundert Menschen. Und auch in Schulen und Kitas wurde getrauert. 

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