Prozess gegen 38-Jährigen

Werler baut 180 Cannabis-Pflanzen in seiner Wohnung an - und landet vor Gericht

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Werl/Soest - 180 Cannabispflanzen und damit eine Gesamtmenge von mehr als 1300 Gramm Marihuana: Dafür musste sich ein 38-jähriger Werler jetzt vor dem Schöffengericht in Soest verantworten. Er war angeklagt wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Die Plantage war im März vergangenen Jahres im Rahmen einer Durchsuchung in der Wohnung des verheirateten Vaters von fünf Kindern gefunden und durch die Polizei sichergestellt worden. Was schon zu Prozessbeginn feststand: Der Angeklagte züchtete das Cannabis nicht, um damit zu handeln. Er leidet seit 1998 an mehreren ärztlich diagnostizierten Krankheiten, darunter auch Morbus Crohn, eine chronisch-entzündliche Magen-Darmerkrankung. 

Nachdem keine der bislang versuchten Behandlungsmethoden Erfolg gebracht hatte, haben die Ärzte ihm empfohlen, die Schmerzlinderung durch verschriebenes Cannabis zu erreichen. Ohne dieses Medikament sei für seinen Mandanten keine Teilnahme am sozialen Leben möglich, erklärte der Verteidiger. Zu den Symptomen gehören unter anderem Muskelschwund und starke Verkrampfung, so dass der 38-Jährige ohne Behandlung nicht sprechen könne. 

Versicherung entscheidend

Zunächst bezahlte die private Krankenversicherung die Medikamente, später wechselte der Angeklagte aufgrund einer veränderten Berufssituation zur gesetzlichen Versicherung, die die Zahlung von 2350 Euro monatlich nicht mehr übernehmen wollte. Bei einem Netto-Einkommen von etwa 1300 Euro im Monat war der Werler allerdings nicht dazu in der Lage, das nötige Geld aufzubringen – er entschloss sich Ende 2017, die Pflanze selbst anzubauen. 

Eine Sondergenehmigung zum Besitz hatte er zu diesem Zeitpunkt schon, sein Antrag auf Einfuhr oder den Anbau von Cannabis wurde seitens der Regierung aber abgelehnt – obwohl die Bundesopiumstelle bereits Grünes Licht gegeben hatte. Dennoch entschied sich der Angeklagte dafür, entgegen dem Gesetz privat Cannabis zu züchten. Dazu besuchte er im Vorfeld ein entsprechendes Seminar und besorgte sich die benötigten Materialien im Baumarkt sowie im Internet. 

Mehr angebaut als benötigt

Die gesundheitliche Situation stelle für seinen Verteidiger „einen rechtfertigenden Notstand“ dar. Sein Mandant habe durch den Anbau niemandem Schaden hinzugefügt. Seine Frau wusste von der Plantage im eigenen Haus, die Kinder hatten keinen Zutritt zu dem Kellerraum. Auf dem Dachboden züchtete der 38-Jährige weitere Mutterpflanzen. 

Was das Gericht stutzig machte: Die angebaute Menge war höher als der eigentliche Bedarf. Laut Genehmigung waren dem Angeklagten 150 Gramm pro Monat erlaubt, er baute bei seiner ersten Serie hingegen etwa 600 Gramm konsumfähiges Marihuana an – damit also vier Monatsdosen, genehmigt waren lediglich drei. 

"Verdammt gutes Zeug"

Eine kleine Arznei-Diskussion wurde gestern bezüglich der Wirkstoffmenge geführt: Laut Anklage und Gutachten hatte die Plantage einen Anteil von 175 Gramm THC, der Wirkstoffanteil lag teils bei circa 19 Prozent. „Ohne das loben zu wollen: Das war schon verdammt gutes Zeug“, sagte Richter Marc Gährken. Ärgerlich nur, dass gleich die erste Serie aufgeflogen war. Nach der Beschlagnahmung mithilfe von Spürhund „Rambo“ verschaffte sich der Angeklagte das Mittel über den Schwarzmarkt. 

Bereits zwölf Vorstrafen wies der Angeklagte bis gestern auf – darunter zigfaches Fahren ohne Führerschein, aber auch Beihilfe zum Drogenhandel sowie schon ein vorheriger Anbau, für den er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. 

Die Staatsanwältin forderte schließlich eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. Für sie wäre der „legale Weg zweifelsfrei möglich gewesen“. Das Handeln des Werlers sei ganz klar rechtswidrig gewesen. Sie forderte als zusätzliche Auflage eine Geldstrafe von rund 2500 Euro. 

Bewährungsstrafe

Der Verteidiger plädierte auf Freispruch: „Mein Mandant ist schwer krank und eine Verurteilung würde der Sache nicht gerecht. Es ist kein krimineller Besitz von Drogen, sondern nur von leichten Betäubungsmitteln.“ 

Fakt ist jedoch, dass auch die vermeintlich „weiche“ Droge Cannabis in Deutschland verboten ist. Somit entschied das Gericht auf eine Haftstrafe von anderthalb Jahren – ausgesetzt zur Bewährung. Die Begründung: „Finanzielle Gründe reichen für den Anbau nicht aus. Es hätte die Alternative gegeben, wieder in die Privatversicherung zu kommen.“ 

Mildernd wurde das Geständnis berücksichtigt, schärfend vor allem die Vorstrafen und die Produktion einer „deutlich höheren Menge“ als nötig.

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