240 Kilometer bis Santiago de Compostella

Werler Alexander Pleuger wandert den Jakobsweg

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Werler Alexander Pleuger wanderte von Portugal aus 240 Kilometer bis Santiago de Compostela.

Werl - Der Werler Alexander Pleuger ist vor einer Woche von einer zweiwöchigen Reise entlang des Jakobswegs zurückgekehrt – er wanderte von Portugal aus 240 Kilometer bis Santiago de Compostela.

Für einen vollen Sammelpass bekommt man hierzulande in der Regel Aktionsware oder Küchenutensilien. Ganz anders in Santiago de Compostela. Da erhält man dafür eine Urkunde. Aber um die geht es denen, auf deren Namen sie ausgestellt werden, nicht einmal. Zumindest nicht im Falle von „Alexandrum Pleuger“.

So jedenfalls steht sein Name auf dem auch sonst komplett auf lateinisch gehaltenen Schriftstück. Die sogenannte Compostela bescheinigt ihm, 240 Kilometer ab Porto in Portugal zu Fuß gegangen zu sein. Als Pilger hat der 29-Jährige gerade sein Debüt erlebt. Nach zwei Wochen auf dem portugiesischen Jakobsweg ist er vor wenigen Tagen aus Spanien zurückgekehrt.

Menschen aus aller Welt kreuzten Alexander Pleugers Weg – hier zum Beispiel in Matosinhos nahe Porto, dem Startpunkt seiner Reise.

„Für mich war so etwas das allererste Mal“, berichtet er. „Als Betriebswirt arbeite ich im Büro und habe sonst auch eher einen Strandurlaub gemacht. Ich habe so viele Menschen gesprochen, die sagen: Den Jakobsweg zu begehen, das klingt nach einer spannenden Idee. Aber keiner davon würde seinen Urlaub dafür opfern. Mir war auch nicht klar, ob ich das überhaupt durchhalte.“

„Richtige Schuhe sind das Wichtigste“

Denn ein trainierter und erfahrener Wanderer war er bis dahin nicht. Aber vorbereitet hatte er sich: „Das Wichtigste ist zunächst einmal das Thema Schuhe und Rucksack, die sollte man nicht einfach im Internet bestellen. Dazu muss man schon in ein Fachgeschäft gehen, alles anprobieren und sich vernünftig beraten lassen, vor allem aber die Schuhe vorher einlaufen. Sonst sind Blasen an den Füßen vorprogrammiert.“

Paderborn hat einen Wegweiser. Und was ist mit Werl?

Dazu ging er auf Wanderteststrecken im Arnsberger Wald, „aber später vor Ort ist die Situation dann ganz anders, obendrein läuft man dort wirklich jeden Tag – das kann man mit dem, was man daheim trainiert hat, nicht vergleichen. Hier ist man zudem jederzeit abgesichert, kann immer abbrechen und nach Hause gehen.“ Und gerade dazu hätte sich jederzeit ein Grund ergeben können, denn der junge Werler ist seit einigen Jahren an Diabetes erkrankt. Um nicht dauernd den Rucksack abnehmen zu müssen, trug er seine Medikamente eigens in einer Bauchtasche mit sich.

Bleibende Kontakte in alle Welt

„Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, aber ich bin überzeugt, dass jeder Mensch, der ein Handicap hat, dennoch in der Lage ist, zumindest bis zu einem gewissen Grad mehr zu leisten, als man zunächst glauben würde“, beschreibt Pleuger seine Motivation. Religiöse Aspekte hätten dabei keine Rolle gespielt: „Jeder, den ich unterwegs kennengelernt habe, hat seine eigenen Gründe. Viele wollen dem Hamsterrad des Alltags entfliehen, neue interessante Orte sehen, Menschen aus anderen Ländern kennenlernen und erleben, dass Menschen auch mit ganz wenig zufrieden und glücklich sein können.“

Am 9. Mai überquerte Pleuger die Grenze zu Spanien.

Deshalb diente sein Smartphone auch nur zwei Zwecken: Als Notfallhandy und als Fotoapparat. Doch ansonsten vermied er den Kontakt zur Außenwelt, wollte sich ganz auf die Strecke und sich selbst konzentrieren: „Wenn man 32 Kilometer läuft bei gefühlt mehr als 30 Grad im Schatten und sich dann unterwegs im Nirgendwo an einem Obststand einen Apfel kauft – das war so wertvoll an dem Tag, man kann es nur nachvollziehen, wenn man es erlebt hat.“

Am ersten Tag ist natürlich noch alles in Ordnung: „Da ist die Motivation riesig und man glaubt, man kann alles schaffen, denn man hat noch keinerlei Schmerzen. Am zweiten und dritten Tag kommen die Wadenkrämpfe und die Zerrungen, alles was dazu gehört. Ich habe mir auch direkt einen Sonnenbrand an den Waden zugezogen – ein klassischer Anfängerfehler“, blickt er zurück, „daran hat man zu knacken.“

Am dritten Tag jedoch begann das linke Knie, ihm gehörige Probleme zu bereiten: „Aber zum Glück lernte ich während meiner Etappe einen Russen aus Moskau kennen, der bestens ausgerüstet war mit allerlei Verbandsmaterial, womit ich mein Gelenk bandagieren konnte. Wir sind uns unterwegs immer wieder begegnet und haben uns immer wieder gegenseitig geholfen und motiviert. Zumindest hilft der eine Schmerz, den anderen zu vergessen oder nicht zu bemerken. Andererseits ist es auch eine große Erfahrung, zu sehen, was der eigene Körper zu leisten imstande ist.“

Es soll nicht bei diesem einen Mal bleiben

Die Nächte verbrachte er in spendenfinanzierten Unterkünften. Fünf Euro die Nacht in einem Mehrbettzimmer, oft in Etagenbetten – schlichter, aber auch preiswerter geht es wohl kaum. Manchen Wanderer traf er hier immer wieder, abends ging man gemeinsam essen, „und ich habe bestimmt 40 bis 50 Menschen aus aller Welt kennen gelernt, habe acht Handynummern zum Beispiel aus Moskau, Los Angeles und Vancouver von Menschen, die mir künftig bei sich Übernachtungsmöglichkeiten anbieten – und umgekehrt haben sie die bei mir auch. Uns alle beschäftigen auf dem Weg die gleichen Dinge, wie zum Beispiel Wasserrationen auffüllen und Übernachtungsplätze sichern, jedoch nicht die Arbeit oder andere Baustellen daheim. Hier ist man in einer anderen Welt mit ganz eigenen Problemen und Herausforderungen.“

Die Unterkünfte sind sehr schlicht, aber dafür preiswert.

Schließlich kam er in Santiago de Compostela an, knapp 50 Stempel zierten seinen vollen Pilgerausweis da schon, „und das Schönste ist, wenn man dann auf dem riesigen Platz vor der Kathedrale eintrifft und sieht, wie glücklich und zufrieden alle sind, dort angekommen zu sein. Manche sind ja 800 Kilometer gelaufen, so wie Hape Kerkeling.“ Viele Wanderer gehen noch ein Stück weiter, also über Santiago de Compostela hinaus circa 90 Kilometer zum westlich gelegenen Kap Finisterre an der galizischen Westküste, „einer der schönsten Orte, die ich je gesehen habe“, so Pleuger.

Reizvolle Architektur gibt es unterwegs in Hülle und Fülle.

Ihm selbst blieb keine Zeit mehr für den Fußweg, er nahm den Bus, will diese Strecke aber noch nachholen. Auch die bekannteste Route, den Camino Francés, zu laufen, ist für ihn nicht ausgeschlossen, nur kommt ihm da doch wieder das Hamsterrad des Alltags in die Quere: „Dafür braucht man, wenn man es entspannt machen will, fünf bis sechs Wochen, die man Urlaub nehmen muss. Die kann man nicht mal eben so nehmen. Manche laufen das in Etappen. Dann jedoch verliert man unterwegs das ganze Gefühl oder Menschen, mit denen man gegangen ist. Aber ich bin auf jeden Fall angefixt und werde es in naher Zukunft wieder machen.“

Alexander Pleuger ist hier am Ende – dem der Welt. So die Übersetzung von „Finisterre“.

Pleuger schließt: „Da ich zu meinen bisherigen Erzählungen über meine Pilgerreise durchweg positive Resonanzen erhalten habe, möchte ich weiteren Interessierten hiermit die Möglichkeiten bieten Fragen, zu beantworten und Tipps zu geben. Dafür habe ich die E-Mail-Adresse alex-jakobsweg@gmx.de eingerichtet.“

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