Wie Werler Kunden und Geschäfte mit umstrittenen Plastiktüten verfahren

Kampf dem "Hemdchenbeutel"

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Ins Netz gegangen: Edith Voß verzichtet jetzt auf Plastikbeutel für Obst.

Werl – Edith Voß hat dem reinen Umdenken soeben Taten folgen lassen. Statt im Rewe am Langenwiedenweg ihre Handvoll Äpfel in eines der kostenlosen Plastiktütchen zu stopfen, hat sie zu einem Doppelpack der höherwertigen Gemüsenetze gegriffen. Im Gegensatz zu den Plastiktütchen kosten sie zwar Geld, doch dafür kann man sie immer wieder neu verwenden.

„Sonst habe ich die Äpfel bereits lose mit zur Kasse genommen“, meint sie, „denn es gibt Dinge, die muss man nicht verpacken. Und es gibt Produkte, da ist einfach zu viel Verpackung im Spiel“, deutet sie auf das Regal mit den Müslischachteln – außen Karton, innen Plastik. 

Die Tütchen aus den Obst- und Gemüseabteilungen der Supermärkte, aufgrund ihrer langen Griffe, mit denen sie an Unterhemden erinnern, gerne auch als Hemdchen- oder Knotenbeutel bezeichnet, sind derzeit in aller Munde, im Gegensatz zu ihrem Inhalt allerdings nur sprichwörtlich. Zum Verzehr sind sie freilich nicht geeignet, aber auch sonst nicht zu viel, weshalb sie in aller Regel direkt in den gelben Sack wandern – sofern der Kunde mit der Mülltrennung überhaupt etwas am Hut hat. Und selbst wenn: Laut einer in der Vorwoche veröffentlichten Studie des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung wird in Deutschland nur ein Sechstel des Plastikmülls tatsächlich recycelt. Der Rest lande in Verbrennungsöfen oder werde ins Ausland verschifft. Grund ist unter anderem, dass neuer Kunststoff günstiger ist als „Rezyklat“. Also besser, man versucht, Müll von vorne herein zu vermeiden. 

Hygienische Vlies-Beutel wie hier im Rewe-Markt Böning, sind gefragt.

Dass Edith Voß zu den vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) empfohlenen Vliesbeuteln greift, ist umso bemerkenswerter, weil sie als Rentnerin so mit einer jahrzehntelangen Gewohnheit bricht. Andere Kunden, zum Teil deutlich jünger, greifen weiterhin munter zur Einwegtüte. Sie alle wollen namentlich nicht genannt werden – dass sie gerade nicht mit gutem Beispiel vorangehen, ist ihnen offenbar klar. So wie der Rentner, der sagt: „Wenn es Mehrwegbeutel gäbe, würde ich sie sofort nehmen.“ Auf den großen Aufsteller im Edeka hingewiesen, hat er es plötzlich eilig, weitereinzukaufen und stopft seinen Plastikbeutel rasch voll. Oder das Ratsmitglied, das fürchtet, dass die anderen Parteien ihm den Griff zum Plastik dick aufs Brot streichen werden: „Aber wir benutzen die Tüten als Müllbeutel weiter“, meint er. Auch eine Möglichkeit, denn ob nun diese Tüte mit dem heimischen Unrat vollgestopft wird oder eine andere, kommt aufs gleich raus. 

Stippvisiten in drei Werler Supermärkten zeigen: Im Großen und Ganzen setzen alle auf nahezu identische Mehrwegbeutel aus Vlies. Werls Edeka-Chef Max Sauer erklärt ihre Vorzüge: „Diese Netze aus Polyester-Mesh sind hygienisch, nicht-toxisch, preiswert, mehrfach verwendbar, dünn, weich, atmungsaktiv und waschbar. Und selbst, wenn sie einmal kaputt gehen: Sie zersetzen sich sehr schnell, innerhalb von weniger als einem halben Jahr.“ Mitunter haben sie einen eigenen Wimpel eingenäht, auf dem man die Etiketten der Waage anbringen und leicht wieder abziehen kann. Natürlich sei es auch kein Problem, mit dem Beutel aus der einen Supermarktkette bei der anderen einzukaufen. Zudem sorgen die Geschäfte mit einer Markierung dafür, dass bei den folgenden Einkäufen als bereits bezahlt erkannt wird. 

Beutel aus Zuckerrohr gibt es im Edeka-Markt Sauer.

Er habe jedoch auch feststellen müssen, dass die Hemdchenbeutel einen weiteren Nachteil bergen: Seit die normale Plastiktüte nur noch gegen Geld ausgegeben wird, gehen viele Kunden dazu über, statt ihrer gleich mehrere von den kleinen Tütchen zu nehmen. Dafür prangert bei Edeka ein dickes Schild über den Tüten derlei Verwendung direkt an: „Jeder Beutel weniger trägt zum Umweltschutz bei“, heißt es dort, daneben das Logo der Natur- und Umweltschutzorganisationen „World Wide Fund for Nature“ (WWF). Die Beutel seien immerhin aus Bioplastik, sprich Zuckerrohr, hergestellt, so Sauer. Wie klimaschädlich dessen Anbau und Verarbeitung sein mag, ist allerdings eine andere Geschichte. 

Nicht durchgesetzt haben sich die weniger ausdauernden Schlauchbeutel, wie sie als Reste noch im Rewe-Markt am Langenwiedenweg zu finden sind. „Erst gestern beschwerte sich noch eine ältere Kundin bei mir, dass sie dafür 15 Cent bezahlen soll“, sagt der stellvertretende Marktleiter Kai Stephan. Dafür habe er die Beobachtung gemacht, dass die Kundschaft nun immer häufiger zu dem Vliesbeuteln greife.

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