Einzug im Januar 2020

So sicher sind die Zellen im neuen Amtsgericht

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Von außen sieht das neue Gericht fast bezugsfertig aus, doch innen haben noch die Handwerker das Sagen.

Noch ist im neuen Amtsgericht der Blaumann die gängige Arbeitskleidung und nicht die schwarze Robe. Zurzeit wuseln dort Elektriker, Maler und Fliesenleger durch Gänge und Räume. Auch an den Außenanlagen wird gearbeitet. 

Werl - Der Einzug sei für die zweite oder dritte Januarwoche 2020 geplant, sagt der Direktor des Amtsgerichts, Hans-Joachim Berg, auf Anfrage. Die Arbeiten lägen genau im Zeitplan. Die Gesamtkosten für den Neubau an der Soester Straße würden voraussichtlich zwischen fünf und sechs Millionen Euro liegen.

Sichere Zellen

Die teuersten und sichersten Räume im neuen Amtsgericht werden die drei Zellen im Erdgeschoss sein, in der Angeklagte auf ihre Verhandlung warten. „Ein Amtsgericht unserer Größe hat in der Regel einen Anspruch auf zwei Zellen. Aber wegen der großen JVA in Werl und der vielen Häftlinge, die bei uns vorgeführt werden, bekommen wir drei“, erläuterte Berg. Im Altbau in der Innenstadt gibt es eine.

Eine der Zellen ist videoüberwacht. Außerdem sind die Räume so ausgestattet, dass die dort Untergebrachten sich selbst und andere so wenig wie möglich gefährden können. „Das Bett ist ein Betonblock, damit es nicht aus der Wand gerissen werden kann. Die Matratze hat einen Bezug, der nicht entzündbar ist und der Spiegel ist kein Spiegel aus Glas, der zu Bruch gehen könnte, sondern eine polierte Edelstahlplatte“, weiß Berg. Toilette und Waschbecken seien jeweils nahtlos aus einem Edelstahlteil geformt, damit sich die Zelleninsassen nicht an Kanten verletzen können. Die Fenster sind aus milchigem Spezialglas gefertigt, das nicht splittert. Die Zellentüren haben künftig keinen Spion mehr, sondern ein größeres Fenster, das verhängbar ist. Der Hintergrund: Ein Spion kann von Häftlingen leicht mit Kaugummi zugeklebt werden.

Auch dass Zellen und die beiden Sitzungssäle im Erdgeschoss liegen, ist wohlüberlegt. „Treppen sind gefährlich, zum Beispiel, wenn sich der Vorzuführende plötzlich losreißt“, so Berg. Außerdem würden gerade die JVA-Insassen immer älter. Ein treppenfreier Weg sei deshalb auch für die Barrierefreiheit wichtig. Das gilt auch für die zwei Sitzungssäle. Die Angeklagten betreten diesen durch eine Tür neben dem Richterpodest. Von dort führt keine Stufe, sondern eine schiefe Ebene zur Anklagebank.

Moderne Säle

Die Säle würden mit schnellen Internetanschlüssen und Beamer für die elektronische Akte vorbereitet, erläuterte Berg. Spätestens in sieben, acht Jahren sollen die großen Aktenordner auf dem Richtertisch der Vergangenheit angehören.

Im Erdgeschoss werden neben den Sälen und Zellen die Geschäftsstelle, Büros für Rechtsanträge, die Zahlstelle und die Wachtmeisterei untergebracht sein. Im Gegensatz zum Altbau wird es auch eine klassische Sicherheits-Schleuse mit Durchleuchtungsanlage für Taschen geben.

Einen eigenen, abgetrennten Bereich bekommt die Bewährungshilfe, die inzwischen offiziell Ambulanter Sozialer Dienst heißt. Die acht Mitarbeiter werden voraussichtlich Mitte Dezember einziehen.

Auch das Gerichtsarchiv werde wohl schon im Dezember einziehen, sagt Berg. Übergeben werde der Neubau am 2. Dezember. Erst dann können die Schreiner die Säle nach Maß mit Möbeln ausstatten.

In den beiden Obergeschossen werde es neben Büros und dem Grundbuchamt auch eine Kantine geben. Am Gericht sollen 26 Parkboxen entstehen, davon zwei Behindertenparkplätze vor dem Haus.

So sieht das neue Amtsgericht von vorne aus.


35 Angestellte arbeiten fürs Gericht, mit der Bewährungshilfe sind es insgesamt 43. 43, die künftig nicht mehr im Herzen der Innenstadt wirken. „Ich bin seit 2001 hier und habe mich an das Haus gewöhnt“, sagt Berg. Der klassizistische Altbau von 1840 habe seinen Charme, die zentrale Lage sowieso, aber es gebe auch viele Defizite. „Wir vergießen vielleicht ein kleines Tränchen, aber die Freude überwiegt.“

Für den Altbau wir ein Käufer gesucht

Der „Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW“ (BLB) will das alte Gerichtsgebäude am Markt verkaufen. Dazu läuft zurzeit ein Interessenbekundungsverfahren. Die Stadt habe Mitte Oktober, zum Ende des Verfahrens, ein Gespräch mit dem BLB vereinbart, um sich über mögliche Entwicklungen informieren zu lassen, sagte Bürgermeister Michael Grossmann auf Anfrage.

Grundsätzlich hoffe die Stadt auf einen privaten Käufer, der dort eine passende Nutzung findet, etwa schöne Innenstadtwohnungen oder ein Dienstleistungszentrum einrichtet. Drohten negative Folgen für die Innenstadt, müsse die Stadt selbst über eine konkrete öffentliche Nutzung und einen Kauf nachdenken. „Eine längere Nichtnutzung wollen wir an dieser Stelle auf keinen Fall.“

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