Neues Buch „Vervirte Zeiten“

Comic-Autor Ralf König im Interview über Corona: „Man vertrocknet sozial“

Ralf König in seinem Kölner Atelier. Der Comic-Autor aus Werl zeichnet „analog“.
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Ralf König in seinem Kölner Atelier. Der Comicautor zeichnet „analog“.

Ralf König, Werls bekanntester Schwuler, ist mit dem Comic „Der bewegte Mann“ berühmt geworden, der 1994 verfilmt worden ist. Das ist bald 30 Jahre her. Mittlerweile ist der Autor 60 und immer noch kein bisschen leise.

Werl - Ralf König, Comic-Autor aus Werl, spricht im Interview unter anderem über Corona und sein neues Buch.

Alle freischaffenden Künstler stöhnen über die Lage – Sie haben die Pandemie in einem neuen Buch verarbeitet. „Vervirte Zeiten“. Wie kam es dazu?
Das war gutes Timing, ich wollte gerade mit der Arbeit an einem neuen Buch anfangen, die nicht so einfach gewesen wäre. Es sollte um Political Correctness gehen und um Gendersprache und so weiter. Ich hätte mich wahrscheinlich monatelang da durchgemüht, um ja keinen Fettnapf zu vergessen. Und plötzlich war Lockdown und für viele Wochen redete keine Sau mehr von diesen Themen. Naja, und dann hab ich in meiner Ratlosigkeit kleine Cartoons und Comics auf Facebook gepostet, das fand sofort erstaunliche Resonanz, weil alle das gleiche kollektive Erleben hatten. Das hatte bei aller Dramatik auch was Komisches, also hab ich meine Figuren Konrad und Paul zuhause bleiben lassen. Und das im Frühling, Paul will raus und Sex haben – und er verliebt sich ja auch prompt in einen Rewe-Filialleiter. Da hatte ich auch eine Story und manchmal hatte ich Stress, das Coronathema genügend zu bedienen, wenn Schäuble grad was gesagt hatte, war Paul mit seinem Filialleiter zugange. Das war dann schwer mit der Tagesaktualität. Ich hab’ ja nicht geahnt, dass ich das über acht Monate täglich durchziehen würde.
Wie hat sich der Lockdown auf Ihre Kreativität ausgewirkt?
Vor einem Jahr war das wie Urlaub für mich, ich lebe mitten in Köln. Plötzlich war der Innenstadtstress wie abgestellt. Ich machte es mir Zuhause schön und hab jeden Tag mit Spaß und Freude gezeichnet. Die Ruhe genieße ich immer noch, aber ansonsten nervt es. Heute beim Zeichnen hab ich gemerkt, dass mein Radiergummi nicht mehr gut abrubbelt, da würde ich normal in die Stadt und ein neues kaufen. Aber mir fehlt nicht der Konsum, mir fehlen meine Freunde, mal Essen gehen, mal ‘ne Geburtstagsparty.
Im Vorwort aus dem Dezember 2020 zu „Vervirte Zeiten“ gehen Sie davon aus, dass im Frühjahr, bei Bucherscheinung, das Virus eingedämmt ist...
Ja Arschkarte. Das dauerte bei mir Monate, bis mir dämmerte, dass wir das Problem so schnell nicht mehr loswerden. Immerhin ist der Winter nun vorbei. Ich geh manchmal um 21 Uhr ins Bett, einfach weil ich nicht noch ’ne Netflix-Serie gucken will und beim Buchlesen fallen mir abends die Augen zu. Man vertrocknet sozial. Mein Freund wohnt in Berlin, als ich ihn neulich nach Monaten besuchte, fiel prompt mein gebuchter ICE aus, also alle in den nächsten, der dann auch in der ersten Klasse voll war. Na toll, Sicherheitsabstand. Meine Eltern leben in Werl in einer Altenwohnanlage, meine Mutter wurde im Dezember 90 und es gab keine Feier. Immerhin sind sie dran mit Impfen. Aber ich beteilige mich nicht am Meckern, ich möchte kein verantwortlicher Politiker sein.
Sie sind in Werl aufgewachsen. Wie war es für einen schwulen Jungen damals in der Provinz?
In Westönnen, genau genommen. Ich hatte eine prima Kindheit mit der Kuhwiese vor der Tür und diesem ‚Sauerkrautbach‘, da wurden von der Sauerkrautfabrik die Abwässer eingeleitet, der war oft milchig und stank nach Essig. Aber für mich war’s der Missouri, wenn ich als Winnetou erhaben über die Landschaft blickte. Die Pubertät war schon aufregend, aber das mit der Liebe war einem nicht so einfach gegeben. Wir reden jetzt von den 70-er Jahren, da war das Thema Homosexualität noch in der Schmuddelecke, erst recht im katholischen Dorf. Klar, ich verliebte mich heimlich in den einen oder anderen Schulfreund, ich war ja zum Platzen voll mit Testosteron und Emotionen und wusste nicht, wohin damit. Mein Coming Out hatte ich erst mit 18. Und dann bin ich gleich nach Dortmund, weil es da eine kleine schwule Szene gab. Und mit 30 dann nach Köln.
Was hat die Provinz Ihnen mit auf den Lebensweg gegeben?
Mein Onkel war Hausmeister im Soester Wilhelm-Morgner-Haus, das war meine erste Begegnung mit ernsthafter Kunst, weil meine Eltern ihn oft dort besuchten und ich dann durch das Gebäude streunen konnte. Die expressionistischen Gemälde hatten starken Eindruck auf mich, ich fand die seltsam, aber faszinierend. Und wenn ich grad von Winnetou erzählte, ich hatte immer eine ausgeprägte Fantasie und bin sehr froh, dass es damals keine Smartphones gab. Ich hab mir laufend Geschichten ausgedacht und fing dann an, die zu zeichnen. Und das mach ich ja heute noch.
Wann waren sie zuletzt in Soest oder Werl? Haben Sie hier noch Freunde, Fans, treue Leser?
Ob da Leser sind, weiß ich nicht, aber meine Familie lebt in Werl und in den Dörfern drumrum. Soest liegt von Köln aus gesehen strategisch hinter Werl, drum bin ich dort seltener. Letztes Mal war ich für einen ‚Meine Heimat‘-Dreh mit dem WDR dort und das war wie eine Zeitreise, es hat sich ja nicht viel verändert. Besonders im Soester Dom – ich nenne ihn mal so als inzwischen Kölner – die Heiligenbilder und das ganze Inventar, da steht die Zeit komplett still. Aber das ist bei der Kirche ja ohnehin so.
Wann waren Sie zuletzt zu einer Lesung in ihrer alten Heimat? Ist in absehbarer Zeit eine geplant?
Im alten Bahnhof in Werl gab es mal eine Comiclesung und im Schlachthof in Soest, aber das ist lange her. Im Moment fallen ja alle Veranstaltungen flach. Ich hatte kürzlich einen Bühnenauftritt in ,meinem’ Theater in Berlin, aber das konnte man nur online sehen. Es ist nicht spaßig, auf der Bühne zu stehen ohne Publikum, keine Resonanz, keine Lacher außer vom Band. Ich warte lieber, bis wieder Leute kommen dürfen.
Wenn Lesungen nicht gehen und auch keine großen Verlagspräsentationen: Wie vermarktet man ein Buch im Lockdown?
Ich hab zwei Wochen lang Interviews gegeben und dass die Comics acht Monate täglich online zu lesen waren, hatte auch einen Werbeeffekt. Das war mir auch neu, ich war mit Internet-Umsonstbespaßung immer zurückhaltend, ich lebe vom Buchverkauf. Aber es war wirklich die beste Werbung auch für das Druckerzeugnis. Als Trump Corona hatte, hab ich was dazu gezeichnet, und das wurde allein auf Facebook fast 70 000 mal geteilt. Mein Freund hat die Dinger auf Instagram gepostet, also haben es noch mehr gesehen. Das haben viele gelesen, die entweder noch nie ein Buch von mir in der Hand hatten oder schon lange nicht mehr.
Thematisieren Sie weiter die Pandemie oder machen Sie was anderes?
Nein, derzeit zeichne ich Lucky Luke! Das ist ein Ritterschlag, der Cowboy ist immerhin neben Asterix eine der berühmtesten Comicfiguren und wird in diesem Jahr 75. Ich darf als deutscher Comicautor eine Hommage zeichnen, mein erster Western. Das macht Spaß und ist eine Ehre. Ich hab Lucky Luke schon als Kind sexy gefunden. Nur meine Pferde sehen noch aus wie Seegurken auf Stelzen. Ich bin fertig geworden mit den Reinzeichnungen und werde demnächst anfangen zu kolorieren.
Auf dem Foto, das Ihr Verlag geschickt hat, sieht man Sie mit Filzstiften in Ihrem Atelier. Sie zeichnen noch analog?
Ja, ich vermeide Computer so gut ich kann. Ich mag die Technik in Comics nicht, das sieht alles so glatt aus und auf langweilige Art perfekt. Ich brauche Papier und Stifte, nur so krieg ich die Feinheiten zustande. Der Fineliner sollte sogar am besten halbleer sein, denn die Augen meiner Figuren sind das wichtigste, die müssen mit einem kurzen Schwung sitzen. Ich zeichne ja 1:1, also da wird später im Buch nichts verkleinert, es ist also sehr fein. Ich hatte viele Ausstellungen in Museen, und gerahmt sieht das Zeug wirklich aus wie Kunst. Das musste ich aber auch erst lernen, ich bin mit meinen Blättern jahrzehntelang sehr lieblos umgegangen. Wenn es gedruckt war, war’s Altpapier.
Was sagen Ihre beiden Figuren Konrad und Paul zu Kirchen, die Regenbogenfahnen hinaushängen, gegen den Papst aufbegehren und schwule Paare segnen wollen?
Ach, ich denke, das ist denen egal. Ist ja gut, wenn es da in den unteren Etagen etwas Bewegung gibt, aber in der Bibel steht was von Sünde und Unzucht, und in Rom wird das immer gelten. Ich verstehe nicht, wozu irgendwer den Segen der Kirchen braucht. Aber ich bin auch ungläubig, immer gewesen.
Sie sind im vergangenen Jahr 60 geworden. Haben Sie schön gefeiert oder wollen Sie die Party noch nachholen?
Nein, es gab am 8. August nur coronabedingt eine kleine Gartenparty mit wenigen Freunden bei 40 Grad Hitze. Normalerweise hab ich meine runden Geburtstage immer fett gefeiert, aber so richtig hatte ich diesmal eh keine Lust. Ich hab das Gefühl, man hat grad den Saal aufgeräumt nach der Feier zum Fünfzigsten, da ist man schon 60.
Seit 40 Jahren thematisieren Sie die Schwulenszene. Ist es heute leichter, zu seiner sexuellen Orientierung zu stehen?
Es gibt das Internet für Infos, die ich damals in Westönnen nicht bekam. Es hat sich viel getan in unseren Breitengraden. Aber man muss nur nach Polen gucken oder in islamische Staaten. Da sind wir hier auf der Insel, bei allen Problemen, die wir mit Homophobie haben. Gleichzeitig wird alles differenzierter, es gibt die queere Szene, und da sind dann die Lesben gegen Schwule und die Feministinnen gegen Transpersonen, alle sind empfindlich und empört. Die jungen Generationen sehen Dinge, die wir Alten früher nicht gesehen haben oder nicht wichtig fanden, das ist normal. Aber ein Comicwandbild von mir in Brüssel wurde mit ,transphob’ und ,rassistisch’ besprüht, da wundert man sich schon, ob die wissen, wer ich überhaupt bin und wofür ich seit 40 Jahren stehe. Ich hab den Eindruck, die Leute verlieren den Humor. Die Volkskunst des Augenzwinkerns geht verloren.
Sie haben vor vier Jahren „Herbst in der Hose“ gemacht über das Altern des schwulen Mannes. Wer sind Ihre Fans heute? Die von früher?
Ich lese Kommentare im Internet nicht, aber das Buch kam super an. Ich möchte, dass meine Comicfiguren mit mir und den Lesern älter werden. Das ist nicht immer lustig, aber ich versuche, so lange es geht, das Komische daran zu sehen.

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