Kirchenasyl in Werl 

Familie hat eine traumatische Vergangenheit

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In Werl eine sichere Heimat gefunden: Pfarrer Christoph Lichterfeld und die evangelische Gemeinde gewährt einer dreiköpfigen Familie aus Pakistan Kirchenasyl.

Saima S. (Namen der Familie geändert) ist vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflüchtet. Mit ihren Kindern Abid und Lamia hat die 40-Jährige aus Pakistan ihr Leben in Italien hinter sich gelassen. Über die Schweiz ist Saima S. nach Deutschland gekommen.

Ihr Asylantrag wurde nach den Dublin-Regeln der Europäischen Union abgelehnt. Seit vier Monaten leben Abid und Laima mit ihrer Mutter nun im Kirchenasyl der evangelischen Gemeinde in Werl. Jetzt warten sie auf eine Aufenthaltsgenehmigung.

„Wir sind wieder glücklich“, sagt Saima S., denn ihre Kinder fühlen sich in Werl wohl. Die Kirchengemeinde unterstützt die Frau. Eine ehemalige Lehrerin gibt der dreiköpfigen Familie Deutschunterricht. Saima S. versteht schon vieles, sie spricht aber noch lieber auf Englisch. Der 14 Jahre alte Sohn Abid und vor allem die sechs Jahre alte Tochter Laima machen schon große Fortschritte beim Erlernen der Sprache.

Die evangelische Kirchengemeinde hat nicht zum ersten Mal Kirchenasyl gewährt. Erste Erfahrungen machte die Gemeinde mit Mohammed Aslami, der aus Afghanistan nach Deutschland geflohen war. Pfarrer Christoph Lichterfeld hält auch drei Jahre nach dem Kirchenasyl noch Kontakt zu dem Afghanen. Schnell stand fest, dass auch Saima S. und ihre Kinder den Schutz der Kirche genießen. „Wir haben uns im Presbyterium nur kurz beraten“, sagt Christoph Lichterfeld.

Ausnahmeregelung für den Schulweg

Das Kirchenasyl ist allerdings kein offizieller Status, der Geflüchtete ist nur „im heiligen Raum geschützt“. Saima S. und ihre Kinder dürfen das Gelände der evangelischen Gemeinde nicht verlassen. Die sechsjährige Laima kann den Kindergarten auf dem Gelände der Kirchengemeinde besuchen. Für den 14-jährigen Sohn gab es eine Ausnahmegenehmigung von der Ausländerbehörde in Soest. „Er durfte auf eine Werler Schule gehen und für den Schulweg das Gelände verlassen“, sagt Christoph Lichterfeld. Das Ende des Kirchenasyls ist für Saima S. und ihre Kinder in Sicht. In den nächsten Tagen hofft sie auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Dann kann die Familie in Deutschland ein neues Leben beginnen.

Die Vergangenheit möchte Saima S. vergessen. Vor sieben Jahren ist sie mit ihrem Ehemann aus Pakistan nach Italien gekommen. Saima S. berichtet von schweren Misshandlungen durch ihren Mann. Er habe eine andere Frau gehabt und habe überhaupt kein Interesse an den Kindern gezeigt. Als ihr Mann sie und ihre Kinder zurück nach Pakistan schicken wollte, sei sie in ein Frauenhaus geflohen.

Probleme in Flüchtlingsunterkunft

Seitdem hat sie Angst. Angst, dass ihr Mann sie ermordet, „wegen der Ehre“, sagt Saima S. Über die Schweiz sei sie schließlich nach Deutschland geflohen. Zunächst wurde die Familie in der Flüchtlingsunterkunft in Möhnesee-Echtrop untergebracht. Dann ging es nach Wickede-Wimbern, in eine Unterkunft für Frauen. Abid war traumatisiert. „Er hatte Angst vor Männern“, sagt Samina S., das habe zu Problemen in Echtrop geführt. Mittlerweile habe sich die Familie verändert. „Sie sind offener geworden. Sie fühlen sich endlich wieder sicher“, freut sich Christoph Lichterfeld.

Samina S. will mit ihren Kindern endlich neu beginnen: „Wir wollen ein geregeltes Familienleben führen. Und ich will arbeiten“, erklärt die zweifache Mutter. Die Entscheidung der Ausländerbehörde soll bald eintreffen: Bei einem positiven Bescheid dürfte sich Samina S. mit ihren Kindern eine Wohnung suchen. „Am liebsten in Werl“, sagt sie, denn Werl soll die neue Heimat werden.

Offener Brief der evangelischen Kirchengemeinde

Aufforderung zum Beitritt zur Initiative Seebrücke

In einem offenen Brief an Bürgermeister Michael Grossmann fordert die Evangelische Kirchengemeinde Werl die Stadt Werl auf, der Initiative Seebrücke „Schafft Sichere Häfen“ beizutreten. Seit dem Sommer 2018 haben sich bereits 69 Städte und Gemeinden in ganz Deutschland offiziell zu einem „Sicheren Hafen“ erklärt. „Dabei bekunden sie öffentlich und mit Nachdruck ihre Bereitschaft, aus Seenot gerettete Menschen in ihren Städten und Gemeinden zusätzlich aufzunehmen“, heißt es in dem Brief. Mit der sogenannten Potsdamer Erklärung wollen die Unterstützer der Initiative die Bundesregierung auffordern, Flüchtlinge über den rechtlichen Verteilschlüssel hinaus aufzunehmen.

Durch die Zuspitzung der Ereignisse auf dem Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ vor Italien, schlossen 13 Städte ein konkretes Bündnis: „Städte Sicherer Häfen“. Sie forderten Bundesinnenminister Horst Seehofer auf, sich gegenüber den italienischen Behörden zu erklären und die sofortige Aufnahmebereitschaft der 13 Städte zu bekunden. In einer Sitzung hat das Presbyterium der Kirchengemeinde Werl beschlossen, die Stadt aufzufordern, sich zum „Sicheren Hafen“ im Sinne der Seebrücke zu erklären. Acht Forderungen hat die Kirchengemeinde zusammengestellt. Während der nächsten Ratssitzung sollen sich sich Verantwortlichen mit dem Thema beschäftigen, heißt es in dem Brief.

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