Kritik am Auftritt beim Wallfahrtsabschluss

Protestanten werfen Bürgermeister und katholischer Kirche Einseitigkeit vor

Bild des Anstoßes: Wallfahrtsleiter Gerhard Best (von links), der neue Bürgermeister Torben Höbrink, Vorgänger Michael Grossmann, Weihbischof Matthias König und Pastor Stephan Mockenhaupt stehen während des Pontifikalamtes vor dem Gnadenbild in der Wallfahrtsbasilika.	Foto: Gebhardt
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Bild des Anstoßes: Wallfahrtsleiter Gerhard Best (von links), der neue Bürgermeister Torben Höbrink, Vorgänger Michael Grossmann, Weihbischof Matthias König und Pastor Stephan Mockenhaupt stehen während des Pontifikalamtes vor dem Gnadenbild in der Wallfahrtsbasilika.

Das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Werl kritisiert in einem Offenen Brief die Art und Weise, in der alter und neuer Bürgermeister im November an der Messe zum Abschluss der Wallfahrt teilgenommen haben. Auf diese Weise könne der Eindruck entstehen, „dass in der Wallfahrtsstadt Werl Ereignisse wie der Wechsel im Amt des Bürgermeisters in beziehungsweise von der römisch-katholischen Kirche vorgenommen werden“.

Werl - Im Brief bezieht sich das Presbyterium auf den Bericht im Soester Anzeiger vom 2. November: „Beim Abschluss der Wallfahrt: Werl verabschiedet alten und begrüßt neuen Bürgermeister“. Hintergrund: Der 1. November, das Ende der Wallfahrts-Saison, war zugleich der erste Tag von Torben Höbrink als neuer Bürgermeister. Wallfahrtsleiter Dr. Gerhard Best hatte Höbrink und dessen Vorgänger Michael Grossmann zum Pontifikalamt eingeladen und überreichte beiden ein Bistumskreuz.

Das Schreiben des Presbyteriums, das auch an unsere Redaktion adressiert ist, ist auf den 8. Februar datiert, an dem Höbrink genau 100 Tage im Amt war. Darin bezeichnet das Presbyterium den zeitlichen Zusammenfall von Wallfahrtsende und Bürgermeisterwechsel vor mehr als drei Monaten als „Steilvorlage für eine Zusammenarbeit zwischen bürgerlicher und römisch-katholischer Gemeinde in Werl – , zumal die Kommune sich Wallfahrtsstadt nennt“. Das Pontifikalamt mit Weihbischof Matthias König habe den Eindruck einer offiziellen kommunalen Amtsübergabe erweckt. Im Zeitungsbericht fehle zumindest ein Hinweis darauf, dass es dies eben nicht gewesen sei. „Der Zeitungsbericht und besonders das Foto zeigen, wie die ,Machtverhältnisse’ in Werl gesehen werden sollen.“

„Eindruck der Einseitigkeit“

Weiter heißt es: „Dem widerspricht das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Werl deutlich.“ Das Leitungsgremium fragt: „Hätte die Begrüßung beziehungsweise Verabschiedung am 1. November nicht durch die Beteiligung Geistlicher der römisch-katholischen Kirche, des Moscheevereins und der Evangelischen Kirchengemeinde stattfinden müssen, um den Eindruck zu bekräftigen, dass ein Bürgermeister von allen Bürgern für alle Bürger gewählt ist?“ Um den „Eindruck der Einseitigkeit“ rund um die Amtsübergabe des Werler Bürgermeisteramtes zu verringern, werde das Presbyterium Höbrink und Grossmann „herzlich zu einem Gespräch einladen“.

Bei diesem Gespräch könne geklärt werden, „wie es möglich ist, über den Tellerrand schauend, gemeinsam der Stadt Bestes zu suchen, um allen anvertrauten Menschen gerecht zu werden“. Höbrink will annehmen. Das sagte er im jüngsten Hauptausschuss, nachdem ihn Grünen-Ratsherr Thomas Schulte auf das Schreiben angesprochen hatte. Auf Form und Inhalt des Briefes wollte der Bürgermeister aber nicht näher eingehen.

Wallfahrtsleiter Best hat den Brief nach eigener Aussage nicht erhalten. Für ihn sei das Wallfahrtsende einfach eine Gelegenheit gewesen, dem bisherigen Bürgermeister Michael Grossmann für die gute Zusammenarbeit zu danken und Torben Höbrink zu gratulieren und Gottes Segen für die neue Aufgabe zu wünschen. Best erinnerte außerdem daran, dass es einst mit Hermann Brandis ein Werler Bürgermeister war, der maßgeblich zum Beginn der Wallfahrt beitrug. Auch in Erinnerung an diese Tradition, nehme der Werler Bürgermeister in der Regel an drei Terminen im Jahr teil: an der Eröffnung der Wallfahrt, am Patronatsfest Mariä Heimsuchung und am Wallfahrtsabschluss.

Ex-Bürgermeister zeigt sich „äußerst verwundert“

Grossmann, ein weiterer Adressat des Offenen Briefs, zeigte sich über das Vorgehen der Evangelischen Gemeinde „äußerst verwundert“. Er sei überzeugt davon gewesen, dass er immer ein gutes Verhältnis mit der Evangelischen Gemeinde gepflegt habe. „Ich hätte mir gewünscht, dass man so etwas persönlich anspricht.“ Was die Wallfahrt betrifft, sei er immer dankbar gewesen, an den schönen Veranstaltungen teilnehmen zu dürfen.

Dass der Wallfahrtsleiter bei dieser Gelegenheit ein paar Worte an ihn und den neuen Bürgermeister gerichtet hat, sei doch völlig normal. „Es hätte mich eher gewundert, wenn er es nicht getan hätte.“

Kommentar: Mehr Selbstbewusstsein, weniger Opferrolle

Von Dominik Maaß
Die Protestanten schießen mit ihrem (sehr späten) Protest deutlich über das Ziel hinaus. Aus dem Dank und den Glückwünschen von Wallfahrtsleiter Dr. Gerd Best eine Bürgermeister-Inthronisierung von Gnaden der katholischen Kirche zu machen, dafür bedarf es schon viel Fantasie oder eines ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühls.

Die Schlagzeile „Beim Abschluss der Wallfahrt: Werl verabschiedet alten und begrüßt neuen Bürgermeister“ war sicher nicht glücklich gewählt – aber diese Zeile haben weder Torben Höbrink oder Michael Grossmann, noch Best formuliert. Natürlich repräsentieren Wallfahrtsteam und Weihbischof nicht ganz Werl. Aber: Die Wallfahrt ist ein Aushängeschild für die Stadt – auch über den rein religiösen Bezug hinaus. Dass ein Werler Bürgermeister der Einladung zu wichtigen Wallfahrtsterminen folgt, hat nichts mit „Machtverhältnissen“ zu tun. Oder hätten Höbrink und Grossmann eine ähnliche Einladung von evangelischer Seite ausgeschlagen? Wohl kaum. Dass an einem Tag, an dem der Antritt des neuen Bürgermeisters und das Wallfahrtsende zusammenfallen, ein gemeinsames Foto entsteht, muss weder Protestanten noch Muslime oder Atheisten beunruhigen. Es war auch kein offizieller Akt. Dieser fand einige Tage später bei der Vereidigung von Höbrink im Ratssaal statt.

Gefühl der mangelnden Wahrnehmung

Trotz allem wäre es zu einfach, den Offenen Brief als reine Überreaktion abzutun. Offenbar ist über die Jahre das Gefühl der mangelnden Wahrnehmung im katholisch geprägten Werl auf evangelischer Seite so groß geworden, dass dringender Gesprächsbedarf besteht.

Und in der Vergangenheit gab es durchaus Gründe, sich zu Wort zu melden: Die einzige evangelische Grundschule Werls wurde zwar nicht geschlossen, weil sie evangelisch war. Aber sie wurde geschlossen. Der erste Entwurf fürs Logo zum Stadtjubiläum 2018 zeigte sogar das frühere Konvikt, aber keinen evangelischen Kirchturm. Nur unbedacht? Mag sein. Aber gerade wenn sich eine Stadt den offiziellen Beinamen „Wallfahrtsstadt“ gibt, braucht es Sensibilität für alle, die sich unter diesem Label nicht vereinnahmen lassen wollen.

Dringender Gesprächsbedarf

Durch das Pflegen der eigenen Diaspora-Opferrolle wird das Presbyterium allerdings nicht mehr Aufmerksamkeit für seine 5600 Gemeindeglieder erlangen. Stattdessen ist mehr Selbstbewusstsein gefragt. Nur aus dieser Position heraus sind Gespräche mit dem neuen Bürgermeister, aber auch mit dem Wallfahrtsteam und der Propstei fruchtbar. Und für solche Gespräche ist es offenbar höchste Zeit.

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