"Ich bin so berührt"

Großbrand zerstörte alles: Riesige Welle der Hilfsbereitschaft trifft die Özdemirs aus Werl

Hamza und Leyla Özdemir sind überwältigt von der Hilfsbereitschaft, die ihnen nach dem Brand ihres Hauses begegnet.
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Hamza und Leyla Özdemir sind überwältigt von der Hilfsbereitschaft, die ihnen nach dem Brand ihres Hauses begegnet.

Am Freitagnachmittag hat die Familie Özdemir aus Werl all ihr Hab und Gut verloren - ihr Haus wurde in wenigen Minuten ein Raub der Flammen. Jetzt sehen sich die Özdemirs einer Welle der Hilfsbereitschaft gegenüber. Die ganze Stadt hält zusammen.

Werl - Am Freitagnachmittag um kurz nach 16 Uhr brach die Hölle über Leyla Özdemir und ihre Familie herein: Die Mutter aus Werl hatte eine Nachtschicht im Mariannen-Hospital hinter sich und gerade einen Kaffee gekocht. Zur gleichen Zeit war ein Handwerker mit Schweißarbeiten auf dem Dach des frisch renovierten Hauses der Familie beschäftigt. 

"Ich bot dem Mann einen Kaffee an und er rief plötzlich nur: 'Kommen Sie raus!'" Als die Werlerin mit ihren drei Kindern Augenblicke später im Freien war, stand der Dachstuhl schon lichterloh in Flammen. "Das Dach war nach fünf Minuten weg, der ganze Brand hat 22 Minuten gedauert", erinnert sich Leyla Özdemir.

Große Hilfsbereitschaft nach Brand in Werl: Haus war grade fertig renoviert

22 Minuten, in denen das Haus an der Brabanter Straße, das die Familie vor anderthalb Jahren gekauft und "von unten bis oben" komplett renoviert hatte, durch einen Großbrand komplett zerstört wurde

Als die Feuerwehr Werl alarmiert wurde, sahen viele Feuerwehrleute schon von Weitem, wie ernst die Lage war: "Als der Melder um 16.04 Uhr ging, war die Rauchwolke schon aus der Entfernung zu sehen. Feuerwehrkameraden, die in der Nachbarschaft wohnen, berichteten, dass der Dachstuhl im Moment der Alarmierung schon in Vollbrand stand", berichtet Karsten Korte, Leiter der Feuerwehr Werl.

Brand in Werl: "Als würde jemand mit einem Gewehr durch den Putz hindurch schießen"

Es war ein Brand, wie ihn selbst der erfahrene Feuerwehrmann noch nicht erlebt hat: "Da war leider nichts mehr zu retten. Es war ein sehr trockener Dachstuhl, das Feuer war bereits die Wände in Richtung Erdgeschoss hinunter gebrannt. Als wir eintrafen, war das Feuer hinter den Wänden nicht zu sehen - aber der Putz platzte durch die Hitze weg, als würde jemand mit einem Gewehr durch ihn hindurch schießen", beschreibt Korte die dramatischen Eindrücke.

Das Haus der Özdemirs wurde durch den Brand komplett zerstört.


Besonders bitter: Die Renovierung war quasi abgeschlossen. "Das Dach war so gut wie fertig, der Dachdecker wollte nur noch ein paar Nacharbeiten erledigen - danach wäre alles fertig gewesen", berichtet Leyla Özdemirs Mann, Hamza.

Die Eindrücke dieses schlimmen Tages sind den Eheleuten auch vier Tage später noch ins Gesicht geschrieben. Aber: Eine Welle der Hilfsbereitschaft ist über die Familie Özdemir herein gebrochen.

So trafen sich Hamza und Leyla Özdemir am Dienstag mit Rita Diers, Pflegedienstleiterin des Mariannen-Hospitals, Jan Doebel, Leiter der Station 5 (Geriatrie), auf der Leyla Özdemir arbeitet, und freiwilligen Helfern der Feuerwehr Werl.

Özdemirs ziehen vorübergehend in Altbau am Hospital

"Unser Geschäftsführer Christian Larisch hat mich am Freitagabend angerufen und von dem Brand erzählt. Zusammen haben wir dann schnell überlegt, wie wir helfen können", sagt Rita Diers. Schnell entwickelte sich eine Idee, die am Dienstag in die Tat umgesetzt wurde: Gegenüber des Krankenhauses steht ein derzeit unbewohnter Altbau, der sich im Besitz der Marianne-Heese-Stiftung befindet. Die Stiftung ist Trägerin des Mariannen-Hospitals. 

Eigentlich sollte der Altbau bald verkauft werden - doch der Verkauf wird nun verschoben. Bis auf weiteres dürfen Hamza und Leyla Özdemir zusammen mit ihren drei Kindern in dem Haus wohnen. "Mit dem Garten und der Terrasse in ruhiger Lage ist das Haus für eine fünfköpfige Familie ideal", betont Stationsleiter Jan Doebel.

Von der Feuerwehr Werl wurden Bettwäsche, Betten und eine Waschmaschine in das Haus gebracht, in dem die Familie jetzt erst einmal wohnen kann.


Nach dem Brand steht die Familie ohne alles da: "Wir haben nichts mehr!", sagt Leyla Özdemir. Um einen ersten Teil der Einrichtung kümmerte sich am Dienstag die Feuerwehr: Von der Stadt Werl hatte Karsten Korte unter anderem Betten und Bettwäsche organisiert, die von der Kommune für derartige Notfälle vorgehalten werden. So wurden die Logistik-Fahrzeuge der Feuerwehr zu Möbelwagen umfunktioniert, Ehrenamtler trugen Betten und eine Waschmaschine ins Obergeschoss.

Solidarität nach Brand: "Wenn ich abgefragt hätte, hätten 100 Leute geholfen"

Für die Feuerwehrleute war die Hilfe nach diesem außergewöhnlichen Einsatz selbstverständlich: "Wir hatten schnell eine Gruppe zusammen - da brauchte ich gar nicht groß fragen. Wenn ich abgefragt hätte, wer Zeit hat, hätten 100 Leute geholfen", schildert Karsten Korte.

Mitglieder der Feuerwehr bauten Betten auf.


Auch das Krankenhaus-Personal hat bereits Pläne erarbeitet, wie der Familie Özdemir geholfen werden kann: "Über unser Intranet wollen wir eine Spendenliste machen. Die Familie sagt uns einfach, was benötigt wird und wir schreiben es auf die Liste", erklärt Rita Diers. Auch von Blau-Weiß Büderich, dem Fußballverein des jüngsten Sohnes, der Schule und Verwandten sei bereits eine große Hilfsbereitschaft signalisiert worden.

Dachstuhlbrand in Werl: Großfeuer in frisch renoviertem Wohnhaus - riesiger Schaden

Von der Anzeiger-Hilfsaktion "Nachbar in Not" bekamen die Özdemirs einen Gutschein für Edeka Sauer über 2000 Euro. Geschäftsführer Max Sauer packte noch 150 Euro aus eigener Tasche oben drauf. Die Erstversorgung für den Haushalt ist damit gesichert. Turflon-Geschäftsführer Klemens Münstermann stellte der Familie einen Gutschein über 500 Euro zum Möbelkauf zur Verfügung.

Sein eigenes Handy ist verbrannt - auf dem Handy seiner Frau zeigt Hamza Özdemir Rita Diers das Schadensausmaß.


"Die Leute drängen uns quasi, helfen zu dürfen", bringt es Hamza Özdemir auf den Punkt und kann es gar nicht so richtig fassen. "Ich bin so berührt, dass uns so viele Menschen helfen möchten. Wir haben zwar mit Hilfe gerechnet - aber nicht in diesem Maße." Aus Worten würden in kürzester Zeit Taten: "Es werden Nägel mit Köpfen gemacht - so können wir mit Zuversicht in die Zukunft blicken und erst einmal zur Ruhe kommen", freuen sich Hamza und Leyla Özdemir. Gerade in diesen schweren Zeiten sei es ein "sehr schönes Signal" die Solidarität einer ganzen Stadt zu spüren.

Brand in Werl: Anwalt kümmert sich um Versicherungs-Frage

Wie die Brand-Katastrophe versicherungstechnisch abgewickelt werden wird, ist noch unklar. Die Özdemirs haben sich einen Fachanwalt aus Soest genommen. "Auf diesem Gebiet braucht man einen Profi. Allein würden wir mit all den Dingen, die auf uns zukommen, den Überblick verlieren", sagt Hamza Özdemir.

Brand in Werl: Und plötzlich piept der Melder

Als am Dienstag nach rund 40 Minuten alle Betten aufgebaut waren und alle Beteiligten gemeinsam über das Unglück und die Hilfe sprachen, kamen bei der Familie die Erinnerungen noch einmal hoch: Der Funkmelder piepte Karsten Korte um 14.40 Uhr plötzlich ins Wort. Von der Johann-Sebastian-Bach-Straße wurde ein Feuer gemeldet: "Rauchaustritt aus Dachfenster", sagte Korte, spurtete mit seinen Feuerwehrkameraden zu den Fahrzeugen und fuhr mit Alarm davon.

Hamza und Leyla Özdemir verfolgten das Szenario sprachlos. Doch ihnen war nicht nur anzumerken, dass Blaulicht und Martinshorn Bilder vom Freitagnachmittag lebendig werden ließen. Ihre Gesichter verrieten eine tiefe Dankbarkeit, dass es Menschen gibt, die zur Hilfe eilen, wenn sie gebraucht wird.

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