Angst vor dem Tod ist normal

Arbeitskreis Sterbebegleitung löst sich auf

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Maria Middelhoff, Marlies Becker und Lidia Pazulla (von links) haben in einem dicken Aktenordner die Erinnerungen an die ehrenamtliche Arbeit im Arbeitskreis Sterbebegleitung gesammelt.

Der Arbeitskreis Sterbebegleitung löst sich nach fast 25 Jahren auf. Maria Middelhoff und Elisabeth Böhmer, ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Werl, hatten den Arbeitskreis am 4. Oktober 1994 gegründet. Der Arbeitskreis hat Schwerstkranke und Sterbende bis zum Tod begleitet.

Werl -  „Wir schaffen es einfach nicht mehr“, sagt Maria Middelhoff. Bei einem letzten Treffen im Café Dreiklang hat sie einen dicken Aktenordner dabei – Erinnerungen an 25 Jahre Ehrenamt.

Für Maria Middelhoff, Lidia Pazulla und Marlies Becker war es eine emotionale Zeit. Die Eindrücke haben die Frauen geprägt. „Ich erinnere mich an eine Frau, die unbedingt noch einmal das Meer sehen wollte“, sagt Maria Middelhoff. Die Frau habe lange Zeit in der Nähe des Meeres gewohnt. Mit dem Auto habe man die Frau damals ans Meer gefahren. „Sie hat gelächelt“, erinnert sich Maria Middelhoff noch Jahre später. Ein Lächeln ist der Lohn für die Arbeit der Ehrenamtlerinnen. „In den Jahren haben wir viele Wünsche erfüllt“, sagt Marlies Becker – ein Glas Sekt, eine letzte Zigarette oder einen Strauß Blumen.

Warten am Sterbebett auf Verwandte

Es gibt aber auch Härtefälle. „Menschen, die am Sterbebett auf ihre zerstrittenen Verwandten warten. Jedes Mal, wenn sich die Zimmertür bewegt hat, haben sie Hoffnung gehabt, dass ein Verwandter hereinkommt“, sagt Lidia Pazulla.

Die Mitglieder des Arbeitskreises sind auf Verwandte zugegangen. Mal habe es eine Versöhnung gegeben, mal seien die Fronten in der Familie verhärtet geblieben – bis zum Tod.

Neben Maria Middelhoff, Lidia Pazulla und Marlies Becker haben zuletzt noch Annegret Schmiegel und Karin Kursave beim Arbeitskreis mitgewirkt. Die Zahl der Ehrenamtlichen sei in den letzten Jahren weiter gesunken. Nachwuchs habe sich ohnehin nicht finden lassen, erklären die Frauen. Als der Arbeitskreis vor rund 25 Jahren gegründet wurde, starteten 30 Ehrenamtliche ihren Dienst in der Sterbebegleitung. Nach einem Vierteljahr sei die Zahl bereits auf 15 geschrumpft. „Die psychische Belastung ist sehr hoch“, sagt Maria Middelhoff und fügt hinzu: „Die Sterbenden beschäftigen einen auch Zuhause.“ Einmal im Monat hat sich der Arbeitskreis in Mariannen-Hospital getroffen. „Wir haben über jeden Toten gesprochen“, sagt Maria Middelhoff. Das sei sehr wichtig gewesen, um die verschiedenen Fälle verarbeiten zu können, sind sich die Frauen einig.

Zwischen 800 und 900 Menschen hat der Arbeitskreis bis zum Tod begleitet. Dabei sei eine Sterbebegleitung sehr individuell. Es gibt einmalige Treffen mit Sterbenden, aber auch mehrere Stunden in der Woche haben sich die Mitglieder des Arbeitskreises für die Menschen Zeit genommen.

Abstand bewahren

„Wichtig ist, dass man den Abstand wahrt“, sagt Marlies Becker, sonst könne man die Aufgabe nicht erledigen. Es sei eine große Kunst in schwierigen Situationen immer das Richtige zu sagen, „aber bislang ist mir immer etwas eingefallen“, sagt Marlies Becker.

Der Arbeitskreis Sterbebegleitung hat regelmäßig Spenden erhalten. „Damit haben wir Armengräber finanziert“, sagt Maria Middelhoff. Die Kasse haben die Mitglieder mittlerweile aufgelöst. 3000 Euro konnte der Arbeitskreis an das Soester Hospiz spenden. Jeweils 1500 Euro gingen an zwei Werler Bestattungsunternehmen – „für Armenbegräbnisse“, erklärt Middelhoff.

Von Beginn an wurde der Arbeitskreis vom Mariannen-Hospital unterstützt. Zwei Einzelzimmer stehen dort für Sterbende zur Verfügung.

Die Aufgaben des Arbeitskreises Sterbebegleitung sollen nach der Auflösung aber nicht unerledigt bleiben. „Wir hoffen, dass sich eine neue Gruppe bildet“, sagt Marianne Middelhoff.

Gespräche mit Pflegedienstleitung

Mit Rita Diers, der Pflegedienstleiterin des Mariannen-Hospitals, wurde bereits über eine Neugründung gesprochen. Diers tritt aber auf die Bremse: „Wir können nicht einfach etwas aus dem Boden stampfen. Zunächst muss eine Ist-Analyse gemacht werden.“ Fest steht nämlich auch, dass sich die Hospizarbeit und Palliativversorgung in Deutschland verbessert haben. Das freut auch die Mitglieder des Arbeitskreises, denn vor fast 25 Jahren waren sie noch Einzelkämpfer.

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