Tipps für Autofahrer

Wenn Bambi zur bitteren Realität wird: Jäger aus Werl warnen vor Wild-Wechsel 

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Im Gemeindejagdbezirk Westönnen wurden im abgelaufenen Jagdjahr elf von 13 getöteten Rehen Opfer von Autofahrern.

Werl/Westönnen - Der Straßenverkehr ist immer öfter die Ursache für den gewaltsamen Tod von Wildtieren. In Werl gilt dies besonders für das hier häufig vorkommende Rehwild. Heimische Jäger nennen aktuelle Zahlen, die nachdenklich machen.

Im Gemeindejagdbezirk Westönnen wurden im abgelaufenen Jagdjahr elf von 13 getöteten Rehen Opfer von Autofahrern. Wäre das nicht schon schlimm genug, waren das fast ausschließlich Weibchen – sogenannte Ricken.

Die Zahl der in Westönnen tatsächlich getöteten Tiere liegt jedoch noch weit höher, da bis zur Setzzeit der Rehkitze im Mai/Juni die ungeborenen Föten hinzukommen, die im Bauch der überfahrenen Mutter umkommen.

Dramatische Szenen

Aber auch die geborenen Jungtiere, die bis zu einem Jahr auf ihre Mutter angewiesen sind, überleben in den meisten Fällen den Tod der Mutter nicht. Das können Heinrich Rademacher, Franz Sauer, Thomas Hufelschulte und Josef Schmalenstroth – allesamt Anpächter des Gemeindejagdbezirks Westönnen – so nur bestätigen.

Oft genug mussten sie angefahrene Rehe mit einem Gnadenschuss von ihrem Leid erlösen, oft genug die weit verteilten Überreste von der Straße und aus den Gräben aufsammeln. „Die Kitze kauern meist im höheren Gras oder im Dickicht und können sich nach dem Tod ihrer Mutter nicht selbst versorgen“, berichtet Josef Schmalenstroth.

Schwerpunkte

Die Unfälle in Westönnen ereignen sich häufig auf der alten Bundesstraße 1 und der Kreisstraße 2 zwischen dem Bahnübergang und Oberbergstraße. Seit Jahren Unfallschwerpunkt ist jedoch der Straßenabschnitt der Kreisstraße 2 zwischen Heideröschen und Westönnen. „Hier sind die absoluten Zahlen der jährlich durch den Verkehr getöteten Tiere deutlich angestiegen, seit die Autobahnabfahrt Werl-Süd eröffnet wurde“, schildern die Jäger.

Der Streckenabschnitt werde seitdem deutlich stärker befahren. Diese Strecke, so die Jäger, sei auch daher ein Unfallschwerpunkt, da sich die befestigte Straße am Ende des Gefälles nach der Autobahnunterführung von über siebeneinhalb auf fünf Meter verengt und in eine wenig übersichtliche lang gezogene Kurve mit Seitenneigung mündet.

An dieser Stelle kann es für Autofahrer im Begegnungsverkehr eng werden – vor allem bei breiteren Wagen, Lkw oder Landmaschinen. Gleichzeitig überquert genau dort gewohnheitsmäßig das Wild die Straße.

Forderungen

Im Jahr nach der Eröffnung der Autobahnanschlussstelle Werl-Süd Ende 2008 ist die Zahl der durch Autoverkehr getöteten Rehe von zuvor fünf auf acht angestiegen und hat jetzt elf erreicht. Im langfristigen Mittel sind im Revier Westönnen etwa 75 Prozent der Jagdstrecke an Rehen Opfer von Unfällen.

„Das bedeutet übersetzt“, so Heinrich Rademacher, „dass drei von vier Rehen, die dem Bestand entnommen wurden, Verkehrsopfer sind.“ Trotz zunehmend häufigerer Wildunfälle – zum Beispiel verletzte sich dort ein Motorradfahrer in der Vergangenheit schwer – gibt es auf dieser Strecke noch immer keine Geschwindigkeitsbegrenzung.

Erlaubt sind 100 km/h, die Jäger fordern eine Reduzierung auf 70 km/h. Ebenso fehlen Schilder, die auf den Wildwechsel hinweisen. Die Jäger betonen, dass beides „für Mensch und Tier sicher von Vorteil“ sei.

Zahlen und Fakten

Das Gebiet des Hegerings Werl erstreckt sich von Mawicke bis Hilbeck und von Scheidingen/Illingen bis Echthausen/Wimbern. Die Zahl der Wildunfälle ist in den vergangenen Jahren immer gestiegen. Im Jagdjahr 2015/16 – gezählt wird vom 1. April bis zum 31. März – kam es zu 84 Unfällen. Ein Jahr später waren es 86. In 2017/18 waren es schon 94 Wildunfälle.

Im Wachbereich Werl – dazu gehören neben der Wallfahrtsstadt auch Wickede, Welver und Ense – kam es im vergangenen Jahr zu 216 Wildunfällen. „Die Dunkelziffer ist deutlich höher“, weiß Werls Hegeringleiter Stefan Prott zu berichten. So werde lange nicht jeder Wildunfall von den Verursachern gemeldet.

„Zum Beispiel hatten wir mal den Fall, dass wir von Fußgängern auf verendetes Wild aufmerksam gemacht wurden. Das musste dort schon länger gelegen haben und war für sie sicher kein schöner Anblick“, erinnert sich Franz Sauer. Auch komme es vor, dass Tiere erst nach einigen Tagen verendet im Straßengraben gefunden werden. „Das bedeutet Fahrerflucht“, betont Stefan Prott. 

Die Autobahn zählt nicht zum Gebiet des Hegerings. Dennoch wissen die Jäger zu berichten, dass es auf den neun Autobahnkilometern zwischen dem Kreuz Werl und dem Parkplatz Ostönner Grund pro Jahr zu etwa zehn Unfällen mit Rehen, Füchsen, Dachsen oder selten auch Wildschweinen kommt.

Unfall-Umstände

Wildunfälle ereignen sich häufig in der erweiterten Morgen- und Abenddämmerung, wenn die Tiere zu den immer wieder neu zu suchenden Futterplätzen und später wieder zurück in Bewegung sind. Aber auch tagsüber kann es gefährlich werden, wenn die Rehe während der sogenannten Blattzeit im Juli und August auf Partnersuche sind. „Da ist die ansonsten übliche Vorsicht nicht vorhanden“, sagen die Jäger.

Dies führe zu einem nicht vorhersehbaren Verhalten. Normalerweise sind Rehe schreckhafte Tiere. So sorgen Motocross-Fahrer sowie freilaufende Hunde auf Landwirtschaftsflächen und Wirtschaftswegen dafür, dass das Wild leicht in Panik gerät. „Auch wenn nur wenige Haushunde einem Reh direkt gefährlich werden können, werden sie es indirekt, indem sie ihren Fluchtreflex auslösen, der oft erst durch einen Verkehrsteilnehmer tödlich gestoppt wird“, erklärt Heinrich Rademacher.

Freilaufende Hunde

Der beste Freund des Menschen ist, wenn er frei läuft, nicht nur wegen des Rehwilds problematisch. Um dem Nachwuchs von selten gewordenen Vögeln, die am Boden brüten, eine Überlebenschance zu geben, sind große Flächen in Werl und Umgebung zu Vogelschutzgebieten erklärt worden. Hunde müssen dort in der Brutzeit von Anfang März bis Ende Juli angeleint werden. Der Bereich des Mühlen- und Siepenbachs in Westönnen ist zudem ein Naturschutzgebiet, in dem die Anleinpflicht das gesamte Jahr gilt.

Darauf ist zu achten

Besonders in Wald- und ländlichen Gebieten und dort, wo Schilder auf den Wildwechsel hinweisen, sollte die Geschwindigkeit reduziert werden – vor allem in der Dunkelheit. Auch sollte das Fernlicht ausgeschaltet werden, da das Wild ansonsten wie versteinert im Lichtkegel stehen bleibt.

Sollte ein Tier auf der Fahrbahn auftauchen und es ist noch ausreichend Zeit, um zu reagieren, sollte kontrolliert abgebremst und gehupt werden, damit das Tier einen Fluchtweg finden kann. Durch die Lichthupe wird das Tier nur irritiert und unterbricht die Flucht auf der Fahrbahn. „Es ist wichtig“, so Stefan Prott, „die Kontrolle über das Fahrzeug zu behalten, sich selbst und Mitmenschen möglichst nicht zu gefährden.“ Es gelte die Parole „Menschenleben geht vor Tierleben“, so Prott.

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