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Reaktionen auf die Kettler-Krise: Der Schock sitzt tief

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Kettcar-Hersteller Kettler steckt erneut in einer Krise.

Werl/Ense - Kettler in der Krise, daran hatten sich Mitarbeiter und Beobachter in den vergangenen Jahren schon gewöhnt. Doch dieses Mal sitzt der Schock tief. So kurz nach der Übernahme durch den Investor Lafayette Mittelstand Capital hatte kaum jemand mit einem erneuten Insolvenzverfahren gerechnet.

Er sei von der Nachricht völlig überrascht worden, sagte Werls Bürgermeister Michael Grossmann am Donnerstag auf Anfrage. Er habe zuletzt einen völlig gegenteiligen Eindruck gehabt und gedacht, dass Unternehmen habe den „Turnaround“ geschafft.  

Zu einer Bewertung der Lage fehlten ihm aber noch Informationen, sagte Grossmann. Die Stadt habe keinerlei Mitteilung der Kettler-Geschäftsführung bekommen. „Das ist eine Enttäuschung. Wir hätten uns hier mehr Transparenz erhofft.“  Schließlich sei die Stadt spätestens beim Sanierungskonzept wieder mit im Boot. „Wir haben in der Vergangenheit immer alles getan, was wir tun konnten“, so Grossmann. Gemeinsam mit der Gemeinde Ense werde die Stadt nun versuchen, Kontakt zum Unternehmen aufzunehmen. 

Die dritte Insolvenz in so kurzer Zeit sei sehr „unbefriedigend“ und in „hohem Maße bedauerlich“. „Mir tun vor allem die Mitarbeiter leid.“ Für sie sei es ein Wechselbad der Gefühle. Grossmann hofft, dass alles dafür getan wird, damit letztlich möglichst wenig Mitarbeiter betroffen sind.

Enses Bürgermeister wurde "kalt erwischt"

„Kalt erwischt“ worden ist auch Enses Bürgermeister Hubert Wegener am Mittwochabend von dem erneuten Insolvenzverfahren der Firma Kettler. Das hat er im Gespräch mit der Redaktion eingeräumt. „Ich hatte eigentlich den Eindruck, dass es bergauf geht“, so der Verwaltungschef. Mit Blick auf die Zukunft des Unternehmens sei sein „Gefühl gut“ gewesen. Dass es nun doch anders gekommen ist, sei bedauernswert vor allem für die Mitarbeiter, fügt der Verwaltungschef an. Als Bürgermeister habe er einen „guten Kontakt“ zur Führungsspitze des Unternehmens unterhalten. 

"Es ist traurig"

Antonio Salerno aus Ense-Parsit, Betriebsratsvorsitzender der Kettler Freizeit GmbH, hatten die Nachrichten über die neuesten Entwicklungen bei Kettler am Mittwoch an seinem Urlaubsort erreicht, den er daraufhin beendete und sich am Donnerstag schon auf dem Rückweg Richtung Heimat befand. „Es ist traurig, dass es wieder so kommen musste“, so Antonio Salerno  im Gespräch mit der Redaktion. Weshalb sich die Dinge aber in diese Richtung entwickeln hätten, das wolle er bei Gesprächen in der kommenden Woche mit den Verantwortlichen im Unternehmen erfahren. Vor seinem Urlaub habe jedenfalls nichts auf ein erneutes Insolvenzverfahren hingedeutet.

Frust nach der Mitarbeiterversammlung

Viele seiner Kollegen wurden am Mittwoch in einer kurzfristig anberaumten Mitarbeiterversammlung informiert. Kopfschütteln, Schulterzucken, Galgenhumor – als die Kettler-Beschäftigten die Kantine des Rohrwerks in Werl-Sönnern wieder verließen, war die Frustration und Ratlosigkeit spürbar. „Mir fällt da nichts mehr zu ein“, sagte ein Mitarbeiter. 

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„Jetzt stehen wir wieder genau an dem Punkt, an dem wir im November auch schon gestanden haben“, sagte ein anderer mit Blick auf die Rettung in letzter Minute im vergangenen Jahr. Eigentlich habe er frei gehabt, beim Mittagessen auf der Terrasse erreichte ihn die Nachricht, dass gleich eine Versammlung sei. Bei Kettler hieß das in den vergangenen Jahren selten etwas Gutes. „Ich kann doch jetzt nicht einfach so weiterarbeiten“, sagte eine Mitarbeiterin, als sie aus der Versammlung kam und in Richtung Werkshalle ging.   

Die Floskeln sind schon hinlänglich bekannt

„Wir möchten irgendwann einfach mal Ruhe haben“, sagte ein Kollege. Doch beruhigt hat die Kettler-Beschäftigten nicht, was sie in den 15 Minuten zuvor gehört hatten. Der Betrieb laufe normal weiter, das Gehalt sei vorerst gesichert – diese Floskeln sind ihnen schon hinlänglich bekannt. Und alle wissen, dass im Zuge des letzten Insolvenzverfahrens 216 Mitarbeiter ihren Job verloren haben. 2015 wurde die Zahl der Mitarbeiter um rund 200 reduziert. Bei manchen Beschäftigten ist auch eine Mischung aus Trotz und Hoffnung herauszuhören. Nach dem Motto: „Wir haben schon so viel erlebt, das schaffen wir auch noch irgendwie.“ Und andere flüchten sich in Ironie: „Genieß' Deinen Urlaub“, ruft einer seinem Kollegen zu.

Ex-Beschäftigte von Kettler: Das ist die "Halbzeit-Bilanz" der Transfergesellschaft

Andreas Stegmann, Vorsitzender des Werler Wirtschaftsrings, spricht am Donnerstag von einem Schock. Für die Stadt und die Region sei das natürlich eine schlechte Nachricht. „Ich bin von der Entwicklung echt überrascht worden. Mein Vater war fast sein ganzes Leben bei Kettler beschäftigt. Deswegen liegt mir das Schicksal des Unternehmens sehr am Herzen.“ Er hoffe, dass das Verfahren möglichst gut für die Mitarbeiter ausgeht. Noch im Jahr 2016 war die „Heinz Kettler GmbH & Co. KG“ für 25-jährige Mitgliedschaft im Wirtschaftsring ausgezeichnet worden. Die Nachfolge-Gesellschaften seien nicht mehr Mitglied, so Stegmann. 

Ziel: Arbeitsplätze erhalten

Ende vergangenen Jahres demonstrierten die Kettler-Mitarbeiter für den Erhalt ihrer Jobs. Nun müssen sie wieder bangen.

Britta Peter, hauptamtliche erste Bevollmächtigte der IG-Metall Hamm-Lippstadt, sagte am Donnerstag, dass es das wichtigste Ziel des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung sei, die Arbeitsplätze zu erhalten. Eine Restrukturierung münde nicht zwangsläufig im Arbeitsplatzabbau. Ein Umbau könnte auch eine höhere Automatisierung und den Umbau von Abteilungen zum Ziel haben. Am Ende könnten für einen Neuanfang sogar zusätzliche Mitarbeiter benötigt werden. Grundsätzlich sei positiv, dass der Investor offenbar weiter zum Unternehmen steht und die Sanierung begleiten möchte. Einer der nächsten Schritte sei die Besetzung des vorläufigen Gläubigerausschusses.

Der vom Amtsgericht Arnsberg bestellte vorläufige Sachwalter Dr. Georg Kreplin war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Sein Büro bat um Verständnis dafür, dass er sich erst in die Materie einarbeiten müsse und verwies auf das Unternehmen. Doch auch in der Kettler-Zentrale in Ense wollte man der am Mittwoch veröffentlichen Pressemitteilung nicht mehr viel hinzufügen.

Differenzen mit dem Geschäftsführer

Einzig der vollzogene Geschäftsführer-Wechsel wurde nun auch offiziell bestätigt. Neuer Geschäftsführer der Kettler Freizeit GmbH und der Kettler Plastics GmbH ist Bernd Walczok. Vom bisherigen Geschäftsführer Olaf Bierhoff habe sich das Unternehmen getrennt, weil es zwischen Gesellschafter und Bierhoff „unterschiedliche Auffassungen in der Unternehmensstrategie und der Neuaufstellung des Unternehmens“ gegeben habe.

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KOMMENTAR: Der Glauben schwindet

Von Dominik Maaß
Von Aufbruchsstimmung war bei Kettler in den vergangenen Monaten die Rede, von neuen Produkten und einer positiven Zukunft. Nach vielen turbulenten Jahren schien mit dem Einstieg des neuen Investors tatsächlich ein Neuanfang möglich. Mit dem dritten Gang zum Insolvenzrichter in vier Jahren wird dieses zarte Pflänzchen Hoffnung nun mit Füßen getreten.  Überall taucht nun wieder das Kettcar als Sinnbild für ein Unternehmen auf, das seine große Zeit in der Vergangenheit hatte. Die Zukunft, sie ist wieder ungewiss. Viele Außenstehende, aber auch viele Mitarbeiter haben trotz der schlechten Erfahrungen an den Neuanfang geglaubt. Dass nach der Übernahme noch nicht alles rund lief, dass es Lieferschwierigkeiten gab, und über Jahrzehnte verschlafene Entwicklungen nicht innerhalb von einem halben Jahr aufgeholt werden können, war wohl den meisten klar. Dass der Investor aber schon nach so kurzer Zeit die Reißleine zieht, damit hatte kaum jemand gerechnet. Eine nachvollziehbare Erklärung für diesen Schritt blieb Kettler bislang schuldig. Nun ist wieder von „nachhaltiger Sanierung“ die Rede und von „großem Potenzial“. Der Region und vor allem den Mitarbeitern wäre es zu wünschen, dass in zehn Jahren Kettler-Berichte nicht mehr zwangsläufig mit dem Kettcar illustriert werden, sondern mit neuen Trend-Produkten, mit denen das Unternehmen den Nerv einer neuen Generation getroffen hat. Doch wer will es Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Geldgebern verdenken, wenn ihnen der Glauben an eine solche Zukunft immer mehr schwindet.

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Hintergrund: Das Unternehmen und die Stiftung

Der Kettler-Hauptsitz in Ense-Parsit

Das Unternehmen Kettler gliedert sich seit der vollständigen Übernahme durch den Investor Lafayette Mittelstand Capital in die Kettler Holding GmbH und die beiden Tochtergesellschaften Kettler Freizeit GmbH und Kettler Plastics GmbH mit dem operativen Geschäft, die nun Insolvenz angemeldet haben. Die Freizeit GmbH mit ihren Werken in Sönnern und dem Hauptsitz in Ense-Parsit beschäftigt rund 425 Mitarbeiter. Die Kettler Plastics GmbH mit ihrem Werk in Gewerbegebiet Mersch beschäftigt rund75 Mitarbeiter. Hinzu kommen rund 50 Mitarbeiter, die in Auslandsgesellschaften arbeiten. Diese sind laut Unternehmen nicht vom Insolvenzverfahren betroffen. Die Kettler Alu-Rad GmbH trägt zwar noch den traditionsreichen Namen, gehört aber inzwischen zur Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft eG (ZEG). Die ZEG hatte die Rad-Sparte 2015 von Kettler übernommen. Das Unternehmen mit Sitz in Köln istnicht von der Insolvenz betroffen.

Die Kettler-Stiftung hält keine Anteile am Unternehmen. Sie wurde 2007 mit dem Zweck gegründet, Behinderte zu fördern. Die Stiftung ist allerdings über eine Immobiliengesellschaft Eigentümerin aller Kettler-Immobilien in Werl und Ense. Das Unternehmen hat diese gemietet. Zur jüngsten Entwicklung bei Kettler wollte die Stiftungkeine Stellungnahme abgeben. Bei der Rettung Ende des vergangenen Jahres war der Stiftung eine zentrale Rolle zugefallen. Erst dank ihrer Zwischenfinanzierung in Millionenhöhe wurde der Einstieg des Investors möglich. Zuvor hatte sich der alte Stiftungsvorstand geweigert, das Geld zu zahlen. Nur Stunden vor Ablauf der Frist bewegte sich die Stiftung nach dem Einschreiten der Stiftungsaufsicht doch noch.

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