Längere Haftstrafen

Urteile im Macheten-Prozess: Werler Angeklagte müssen hinter Gitter

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Arnsberg/Werl - Die Urteile sind gefallen im sogenannten „Macheten-Prozess“: Die beiden Angeklagten erwarten längere Haftstrafen.

Schon als der Staatsanwalt sein Schlussplädoyer hält, fließen Tränen unter den Angehörigen der beiden Werler, die angeklagt waren, am ersten Wochenende im September nahe des Rathauses eine schwere Schlägerei angezettelt und einen Beteiligten dabei mit einer Machete verletzt zu haben. Mit seinen Urteilen tat sich das Landgericht Arnsberg offenbar nicht leicht: Statt „nur“ 90 Minuten dauerte die Verhandlungspause, in der sie sie fällten, 135 Minuten.

Dann war klar: Der eine Beschuldigte, der die Machete eingesetzt haben soll und bereits seit sieben Monaten in Untersuchungshaft sitzt, muss für drei Jahre und sechs Monate hinter Gittern, dazu wurde die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet.

Beide Angeklagte sind mehrfach vorbestraft

Sein Freund, der als Auslöser der Auseinandersetzung gilt, muss für zwei Jahre und drei Monate ins Gefängnis. Beide sind mehrfach vorbestraft, eine Bewährung steht einerseits aufgrund der Länge der Haftstrafen außer Frage, zum anderen, weil sie gegen laufende Bewährungshilfe verstoßen haben.

„Das Gericht würdigt das Geschehen im Wesentlichen so, wie der Vertreter der Anklage es formuliert hat“, so der Vorsitzende Richter in seiner Begründung am Freitag. Der Staatsanwalt hatte allerdings höhere Strafen gefordert: Vier Jahre und vier Monate für den Türken und zwei Jahre, sechs Monate für den Deutschen.

Für ihn gab es keinerlei Zweifel an der Richtigkeit der Anklageschrift: „Den Wurf eines Steines an das Auto können wir getrost ins Reich der Fabeln verweisen – und eine solche Reaktion würde er auch nicht rechtfertigen.“

Für ihn sei nicht einmal auszuschließen, dass die Gruppe bewusst auf der Suche nach Streit durch die Gegend gefahren sein könnte, „und es hätte jeden treffen können, selbst uns, wären wir zu jener Zeit an jenem Ort gewesen. Es war ein völlig anlassloser Angriff auf völlig Unbeteiligte, auf ganz normale, rechtschaffene Menschen.“ Als Verursacher der Eskalation sah er den Deutschen, „hätte der nicht anhalten wollen, sondern einfach die Klappe gehalten, wäre es nicht dazu gekommen. Er war es auch, der jenem Zeugen nachstellte, der mit seinem Handy Beweisfotos machte.“

Räuberische Erpressung nicht vom Tisch

Ob es bei dem Raub eines Smartphones letztlich wirklich um die Vernichtung von Beweismitteln ging, sei für ihn unrealistisch, somit sei auch der Vorwurf der schweren räuberischen Erpressung nicht vom Tisch. Eine direkt Absage erteilte er noch einmal den diversen Einwänden des Anwalts des Türken, allen voran jenem, der Biss in den Finger eines Polizisten könne auch ein Zufall gewesen sein: „Nicht, wenn man jemandem dabei bis auf den Knochen beißt.“ 

Auch am psychiatrischen Gutachten übte der Staatsanwalt harsche Kritik: „Ich habe selten so wenig Überzeugendes gehört.“ Gegen eine ernsthafte Intoxikation spreche, dass der Mann seine Drogenproblematik im Griff gehabt habe, die hohe Wahrscheinlichkeit eines ADHS sei „eine Diagnose, die man jedem dritten Kind stellt, das in der Schule nicht die erhoffte Leistung bringt“.

Hier allerdings wich die Kammer in ihrem Urteil ab: „Wir sind keine Psychologen und müssen uns an das Gutachten halten“, so der Richter dazu, warum es sich strafmildernd ausgewirkt habe. Der Beklagte sei in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt gewesen.

Schlussplädoyer des Verteidigers

Der Verteidiger hingegen hielt im Schlussplädoyer an seinen Zweifeln fest, allen voran kritisierte er die Splittung der Verhandlung und die angebliche Ungleichbehandlung aller vier Beteiligten, von denen sich zwei noch zu einem bislang nicht festgesetzten Termin vor dem Soester Amtsgericht werden verantworten müssen: „Während mein Mandant, der einzige mit Migrationshintergrund, im Gefängnis ist, sind die anderen drei auf freiem Fuß, darunter einer, vor dem die Leute in Werl Angst haben, nämlich der Mitangeklagte, und hatten sieben Monate Zeit, sich abzusprechen und auf die Hauptverhandlung vorzubereiten. Wer sich ein wenig in der Werler Szene auskennt, kann sich darüber nur wundern.“

Dass der Türke in Untersuchungshaft sitzt, ist dem Umstand geschuldet, dass man bei ihm Fluchtgefahr sah und ihm mit dem Einsatz der Machete der schärfste Vorwurf gemacht wurde. Auch den sieht die Staatsanwaltschaft als erwiesen an: „Wer sonst soll denn wissen, dass seine Machete im Kofferraum seines Autos liegt?“

Messer eingesetzt

Der Einsatz des Messers war für den Vertreter der Anklage jedoch besonders verwerflich: „Es ist schlicht nicht nachvollziehbar, warum man in dem Moment, da alles vorbei ist, jemandem noch eine Schnittwunde verpasst von einer Größe, wie man sie ihm nicht aus Zufall zufügen kann.“

Beide Verteidiger plädierten für geringere Strafen, unter anderem mit Verweis darauf, dass der „Stein des Anstoßes“, der auf das Auto geworfen sein soll, vermutlich tatsächlich von dem einen Zeugen ausging, der sich sofort vom Acker machte, als die vier Täter sich näherten, und ihnen seinen nichts ahnenden Kumpel damit auslieferte.

Einziger Trost für die Angeklagten: Vorübergehend verließen beide das Gericht als freie Männer, denn die U-Haft des Türken wurde aufgehoben, man sah bei ihm keine Fluchtgefahr mehr. Erst, wenn das Urteil rechtsgültig wird, werden sie ihre Werler Wohnungen gegen Gefängniszellen eintauschen.

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