Schluss mit „rund um die Uhr“

Tierklinik Werl hat bald nicht mehr 24 Stunden am Tag geöffnet

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Jack Russel-Rüde „Willi Winzig“ kann sich freuen: bald hat Frauchen und Tierärztin Dr. Heike Lindenstruth wieder mehr Zeit für ihn. Ebenso ist es bei Dr. Tim Kaiser. Zusammen führen die beiden die Tierklinik Werl, die ihren Status als 24-Stunden-Klinik aufgibt.

Werl - Die Tierklinik Werl muss ihren Status als 24-Stunden-Notfall-Klinik abgeben. Es fehlt schlichtweg an Nachwuchs, der zu Nachtschichten und Wochenendarbeit bereit ist. Am 1. Oktober ist es soweit.

Aus der Tierärztlichen Klinik für Kleintiere wird so die Tierärztliche Praxis für Kleintiere Dr. Kaiser und Dr. Lindenstruth. Ab dem 1. Oktober werden erweiterte Öffnungszeiten eingeführt. Für Dr. Heike Lindenstruth und Dr. Tim Kaiser, die die Tierklinik gemeinsam leiten, ist dies Fluch und Segen zugleich. Im Anzeiger-Gespräch erzählen beide, dass ihnen dieser Schritt nicht leicht gefallen ist. „Aber es ist einfach nicht mehr zu stemmen“, betont Heike Lindenstruth. Die aktuelle Situation zwingt die beiden, den Status als Tierärztliche Klinik zu beenden. 

Die Tierärztin nennt Punkte, die ausschlaggebend für diese Entscheidung sind: Als Notfall-Klinik, die 24 Stunden geöffnet ist, sind sie auf Tierärzte angewiesen, die ihren Idealismus teilen und bereit sind, in der Nacht und auch am Wochenende zu arbeiten. In letzter Zeit sei es aber immer schwieriger, Tierarzt-Nachwuchs zu finden, der dazu bereit ist. Die vorhandenen Tierärzte der Klinik würden diese Arbeit nicht mehr allein schaffen. Ein Kollege ist länger krank, eine andere erwartet ein Kind. So sind es noch fünf Ärzte, die im Schichtdienst arbeiten. Hinzu kommen 17 Arzthelferinnen, auch hier ist eine schwanger.

„Anspruchsdenken hat sich geändert“ 

Als Heike Lindenstruth vor 25 Jahren als Assistenzärztin in Werl anfing, setzte sie sich zuvor gegen weitere 50 Bewerber durch. Heute erhält die Tierklinik auf Stellenausschreibungen oft nicht mal eine Bewerbung. „Das Anspruchsdenken hat sich geändert“, sagt Dr. Tim Kaiser. Viele Nachwuchskräfte würden ihren Fokus auf mehr Freizeit legen und am liebsten nur von 9 bis 17 Uhr arbeiten. Dies sei ein gesellschaftliches Phänomen und in vielen Branchen zu beobachten, sagt Tim Kaiser. Doch das gehe in einer Notfall-Klinik eben nicht. 

Das Anspruchsdenken spiegelt sich auch bei den Haltern der tierischen Patienten wider. „Es kommt nicht selten vor, dass wir um drei Uhr nachts angerufen werden, nur um Ernährungstipps zu geben“, schildert Heike Lindenstruth. Zudem gibt es immer weniger Praxen, die 24 Stunden geöffnet haben. In der näheren Umgebung bleibt jetzt nur noch die Tierklinik Ahlen übrig, die rund um die Uhr geöffnet hat. Die Patienten kommen aus Dortmund, Warstein, teilweise sogar aus Lüdenscheid nach Werl. Nicht selten sind am Samstag oder Sonntag, wenn nur ein oder zwei Kollegen Dienst haben, über 50 Patienten zu versorgen. „Auf Dauer ist das einfach eine Überlastung“, erklärt Heike Lindenstruth.

Ab Oktober handyfreie Nächte 

Ein Segen ist die Veränderung für die beiden Ärzte auch. Heike Lindenstruth: „Ich bin sehr tonempfindlich und wenn nachts ein Telefon klingelt, stehe ich senkrecht im Bett.“ Zu wissen, dass ab Oktober das Handy in der Nacht still sein wird, ist für sie ein Traum. Um weiterhin qualitativ gute Arbeit zu leisten und sich bestmöglich um die Tiere kümmern zu können, konzentriert sich die Klinik, die bald als Praxis läuft, auf die Schwerpunkt-Zeiten. 

Unter der Woche ist die Praxis ab Oktober 16 Stunden besetzt (7 bis 23 Uhr). Damit werden erfahrungsgemäß über 90 Prozent der Notfallpatienten versorgt. Samstags, Sonn- und Feiertags wird jeweils von 10 bis 12 Uhr eine Notfallbereitschaft angeboten.

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