Wilde Kinderstube

So süß! Werlerin zieht verwaiste Eichhörnchen-Babys auf

Das letzte Mal, dass Sarah Schlesier die Nacht hat durchschlafen können, ist schon wieder mehr als einen Monat her. Alle zwei Stunden muss sie aus den Federn und den Kleinen ihre Milch geben.

Werl-Holtum - Nicht, weil sie sonst laut krähen, sondern weil sie sonst sterben: Es sind Babyeichhörnchen, deren Überleben sie gerade sichert.

Immer wieder werden solch kleine „Notfellchen“ zu der Holtumerin gebracht. Die junge Frau, die vor einigen Jahren von Fröndenberg nach Holtum zog, hatte in ihrer alten Heimat einen eigenen Verein gegründet, der sich um Tierwaisen und Flaschenbabys in Not kümmert.

Eichhörnchen-Babys: Aufopferung und Hingabe

Deswegen hat sie zwar etwas, worum sie manch Tierfreund zunächst einmal beneiden dürfte: dauernd Kontakt zu niedlichen Eichhörnchen. Jedoch: Den putzigen kleinen Wesen das noch junge Leben zu retten, ist ein Zeitvertreib, der jede Menge Aufopferung und Hingabe sowie vor allem viel Zeit und wenig Schlaf bedeutet.

„Die Aufzucht mit der Flasche, die man den Tieren alle zwei bis drei Stunden gibt, ist sehr zeitaufwendig“, erzählt Sarah Schlesier. „Daher habe ich mit meiner Freundin Veronika Jann vor vier Jahren den Verein Flaschenbabys in Not – Tierwaisen e.V. gegründet, um uns rein auf Tierkinder zu konzentrieren, die verwaist aufgefunden wurden oder deren Mutter nicht genügend Milch geben kann. Wir arbeiten aber mit vielen Tierheimen und Tierschutzvereinen zusammen.“

Mit einer speziellen Aufzuchtmilch muss Sarah Schlesier die Tiere alle zwei Stunden füttern – auch nachts.

Der übliche Weg eines Päppel-Eichhörnchens geht wie folgt: „Die Tierchen werden uns gebracht, es folgt die Erstversorgung mit einem Tierarzt. Oft sind sie nur aus ihren Nestern oder von einem Dach gefallen und kommen dann nur mit einer blutigen Nase an. Anfangs schlafen sie die meiste Zeit und unterbrechen das lediglich zur Fütterung. Später kommen sie in eine Zimmervoliere und lernen dort mit ihren Artgenossen klettern, springen und feste Nahrung zu sich zu nehmen.

„So lange muss ich sie auch handzahm halten, da ich sie sonst zur Fütterung nicht einfangen könnte. Wenn sie das alles können, merkt man, es wird Zeit, sie müssen raus – in eine Außenvoliere. Dort lernen sie dann, dass es auch so etwas wie Wind und Regen gibt. Dann geht man auch nicht mehr jeden Tag zu ihnen. Und so entwöhnt man die Eichhörnchen dem Menschen auch ganz schnell wieder. Dann merkt man auch: Sie haben einfach keinen Bock mehr auf die Menschen.“

Eichhörnchen-Babys: Teure Aufzuchtmilch aus dem Ausland

In Sonderfällen darf man Tiere, die aufgrund von Behinderungen in der freien Wildbahn nicht überleben würden, behalten – dazu bedarf es einer gesonderten Genehmigung, die Sarah Schlesier nicht hat.

Die meiste Zeit schlafen die Winzlinge – doch ob wach oder schlafend, sie sind immer eine zuckersüße Augenweide.

Auch so wird ihre Tätigkeit streng vom Veterinäramt überwacht. Solche Tiere reicht sie dann entsprechend weiter an eine Kollegin in Lippstadt oder an den Wildwald Vosswinkel, der dafür ein spezielles Gehege hat.

Die Sache ist auch nicht ganz billig, weshalb Sarah Schlesier und Veronika Jann nach einiger Zeit des privaten Engagements nicht mehr um eine Vereinsgründung herumkamen, um Spenden annehmen zu können.

Wenn mich das irgendwann nicht mehr berühren sollte, würde ich damit aufhören.

Sarah Schlesier

Die Eichhörnchen zum Beispiel brauchen eine spezielle und kostspielige Aufzuchtmilch, die der Verein zunächst nur aus den USA beziehen konnte. „Jetzt haben wir eine gute Adresse in den Niederlanden, doch die wiederum verschickt ihre Produkte nur innerhalb des Landes, sodass wir die Milch nur über eine Zwischenstation beziehen können.“ Ergo: doppeltes Porto. „Ein Eimer mit 1,5 Kilo Milchpulver kostet dann 70 Euro“, meint die Holtumerin.

Aber man braucht ja nicht nur Spezialfutter, sondern auch jede Menge Spezialwissen, zum Beispiel, wie man es den Nagern verabreicht oder wie man ihnen bei der Verdauung auf die Sprünge hilft. Daher appelliert Sarah Schlesier an jeden, der ein hilfsbedürftiges Eichhörnchen findet, die Sache nicht in die eigene Hand zu nehmen (siehe Infokasten).

Eichhörnchen-Babys: Seit 1996 im Tierschutz aktiv

Sie selber ist seit 1996 im Tierschutz aktiv, zunächst im Kamen. Schritt für Schritt eigne sie sich ihr Wissen an. Irgendwann kamen die ersten Katzenbabys, die mit der Flasche aufgezogen werden mussten, ins Spiel, „und ich hatte auch schon Siebenschläfer oder Mauswiesel und neulich sogar eine Schleiereule, die dann zu einem Wildvogelexperten kam“. Ihr härtester Fall seien sechs Katzenbabys gewesen, an denen bereits die Maden nagten: „Die ersten drei Nächte mussten wir sie im Stundentakt mit Wasserperoxid spülen, dadurch kommen die Maden an die Oberfläche, dann werden sie mit der Pinzette einzeln gepflückt, und wir haben die Katzen alle durchgebracht“. In den vier Jahren seit seiner Gründung habe der Verein schon mehr als 320 Tiere gerettet und aufgezogen.

Irgendwann ist es dann an der Zeit, sich wieder von den Tieren zu trennen, sei es von den Kätzchen, die in Haushalte vermittelt werden, oder im Falle der Hörnchen in die freie Wildbahn, „und es fällt mir jedes Mal schwer, loszulassen“, gibt die Tierfreundin zu. „Gerade dann, wenn man ganz besonders viel Arbeit in die Rettung investiert hat, wenn man förmlich um das Überleben gekämpft hat, am Ende sich sogar nachts abgewechselt hat, oder das Gefühl hat, die Tiere wollen sich gar nicht von mir trennen, was auch bei Eichhörnchen passieren kann. Aber ich habe mir immer gesagt: Wenn mich das irgendwann nicht mehr berührt, dann höre ich auf damit.“

Rubriklistenbild: © Sarah Schlesier

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