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Verschärfte Situation: Ideen gegen Hausärzte-Schwund dringend gesucht

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Von: Gerald Bus

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60 Prozent der Ärzte in Werl sind über 60 Jahre alt. Die Unterversorgung droht.
60 Prozent der Ärzte in Werl sind über 60 Jahre alt. Die Unterversorgung droht. © dpa

Als „Halbgötter in Weiß“ werden Ärzte gern bezeichnet, Hendrik Weber (SPD) allerdings griff im Sozialausschuss noch eine Stufe höher: „Wenn wir auf den Messias warten, wird er nicht kommen“, sagte der Sozialdemokrat zum Problem der hausärztlichen Versorgung in Werl. Hilft also nur noch beten? Die Stadt müsse aktiv werden und „werben und fördern“, um Mediziner zum Niederlassen in der Wallfahrtsstadt zu bewegen, forderte Weber.

Werl - „Da können wir nicht bis zum St. Nimmerleinstag warten.“ Die Situation verschärfe sich. Und das nicht nur bei Hausärzten. „Um beim Kinderarzt unterzukommen, muss man ja fast privat versichert sein.“

Die Sozialdemokraten hatten Anzeiger-Berichte aus der jüngeren Vergangenheit zum Anlass genommen, um Fragen zu Hausärztesituation zu stellen. Klar ist wie in jedem Bereich der Medizin: Es gibt kein Allheilmittel. Und kein Patentrezept. Der Ärzteschwund setzt sich fort. Dass es ausgesprochen schwierig sei für die Stadt, in der Frage etwas zu bewegen, machte die Verwaltung klar. Noch liege der Mittelbereich Werl (mit Wickede und Ense) bei einem Versorgungsgrad von 87,1 Prozent. Erst beim Abrutschen unter 75 Prozent würden Förderungen greifen, sagte Bogdahn.

Das Finanzielle ist, glaub ich, nicht das Entscheidende für Ärzte.

Fachbereichsleiterin Iris Bogdahn

Es gebe verschiedene Ansätze, unter anderem bei der Wirtschaftsförderung des Kreises – und sicher sei es Anliegen des Bürgermeisters und der Wirtschaftsförderung, etwas zu erreichen und neue Ärzte für Werl zu gewinnen. „Aber es bleibt die Frage, welche Möglichkeiten wir überhaupt haben“, sagte Fachbereichsleiterin Iris Bogdahn. Es sei allerorten schwer, Ärzte zu finden. Die Arbeitsbelastung sei hoch, die heutige Generation habe ganz andere Lebensplanungen und Zeitmanagements. Viele Ärzte würden lieber im Angestelltenverhältnis arbeiten, weg vom hohen Zeiteinsatz und finanziellen Risiken.

Wohl aber könne die Stadt „Botschafter“ sein, zum Beispiel bei Bauplätzen oder Betreuungsplätzen für Kinder von Ärzten helfen. Bei allen Fördermöglichketen: „Das Finanzielle ist, glaub ich, nicht das Entscheidende für Ärzte.“

SPD: Ärzte sollen „früher Bescheid geben“

Christin Quint (SPD) regte einen interfraktionellen runden Tisch an, um Ideen gegen die „ein bisschen kritische“ Hausärztesituation zu finden. Zudem solle man Ärzte verpflichten, „früher Bescheid zu geben, wenn sie ihre Praxis dicht machen; jetzt ist das erst drei Monate vorher“. Sicher sei es schwer für Patienten, sich innerhalb von drei Monaten einen neuen Hausarzt suchen zu müssen, entgegnete Iris Bogdahn. „Aber manchmal ist es eben kurzfristig, sind die Entscheidungen so nicht geplant.“ Verpflichten sei schwer. „Aber wir können eine Bitte an die Ärzteschaft richten, sich die Brille der Patienten aufzusetzen“.

CDU: Seit acht Jahren „hat sich nicht viel getan“

Frank Debeljak (CDU) erinnerte daran, dass schon vor acht Jahren das Hausarzt-Problem thematisiert worden sei. „Seitdem hat sich nicht viel getan.“ Es habe einst eine Initiative der Ärzte für ein medizinisches Versorgungszentrum gegeben. Davon ist der Verwaltung nichts bekannt. „Der Bürgermeister wüsste das und wäre am Ball, weil ihm das Thema am Herzen liegt“, sagte Bodahn. Der Anregung einer interfraktionellen Runde werde sich aber sicher niemand verschließen.

„Situation in Werl ist noch nicht vollkommend alarmierend“

Unverändert liegt der hausärztliche Versorgungsgrad im Mittelbereich Werl (mit Wickede und Ense) bei 87,1 Prozent, bestätigt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe. Von den 29,5 Ärzte-Stellen sind allerdings 60 Prozent der Mediziner über 60 Jahre alt:

Sechs sind im Alter zwischen 60 und 64

Vier sind zwischen 65 und 70

3,5 sind bereits über 70 Jahre alt

Sicher sei das eine „Situation, die nicht allzu viel für die Zukunft hoffen lässt“, sagt KV-Sprecher Andreas Daniel. „Aber die Situation in Werl ist noch nicht vollkommend alarmierend“. Gleichwohl könne es angesichts der Altersstufen schnell zu einer Unterversorgung kommen. Die KV warte aber nicht ab, bis es soweit ist. Drohe die Unterversorgung akut, starte man Maßnahmen, um Nachwuchs zu gewinnen. Was in anderen Regionen bereits geglückt ist, sei im Moment für Werl noch nicht nötig. „Aber die Stadt kann sicher sein, dass wir die Situation immer beobachten“, sagt Daniel. Oft würden sich Ärzte auch selber um Nachfolger kümmern wollen, sei es zur Versorgung ihrer Patienten oder auch aus eigenem Interesse, die Praxis zu veräußern.

Zwei Jahre lang sei nichts gemacht worden, monierten die Grünen. Man sehe es nicht so, dass es keine Einflussmöglichkeiten gebe, zum Beispiel könne die Stadt helfen bei Praxisanmietungen. Schon bald würden weitere Ärzte in Werl, Büderich und Westönnen den Kittel an den Nagel hängen, „dann sind wir bei unter 75 Prozent“, warnten die Grünen. „Das wollen wir alle nicht, daher sollten wir nicht warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist.“

Dass nichts passiert sei, wollte Bogdahn so nicht stehen lassen. „Gespräche sind immer geführt worden. Aber es gibt keine Interessenten!“

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