Verschriebenes Schmerzmittel

Schmerzpatientin kämpft um Cannabis-Medikament - Krankenkasse zahlt nicht

Das kleine Fläschchen mit dem schmerzlindernden Cannabis-Extrakt ist bald leer. Ob sie die Tropfen erneut bekommt, ist noch unklar. Das Widerspruchs-Verfahren läuft noch.
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Das kleine Fläschchen mit dem schmerzlindernden Cannabis-Extrakt ist bald leer. Ob sie die Tropfen erneut bekommt, ist noch unklar. Das Widerspruchs-Verfahren läuft noch.

Michaela Arendt hat eine 20-jährige Leidensgeschichte hinter sich und wird seit vielen Jahren von heftigen Schmerzen geplagt. Dank der Hilfe der Schmerzklinik des Marienkrankenhauses in Soest gibt es für die 48-jährige Werlerin endlich Aussicht auf Linderung. Doch ihre Krankenkasse, die DAK-Gesundheit, will das vom Krankenhaus verschriebene Schmerzmittel nicht bezahlen. Es handelt sich um ein Cannabis-Präparat.

Werl - Das Schmerzleiden von Michaela Arendt begann vor 20 Jahren, als sie an Gebärmutterkrebs erkrankte. Durch die Entfernung der Gebärmutter sei sie frühzeitig in die Wechseljahre gekommen, so Arendt. In der Folge litt sie an Osteoporose (Knochenschwund). Arendt wurde mehrfach am Rücken und auch an der Hüfte operiert. Sie bekam diverse Schmerzmittel.

StadtWerl
LandkreisSoest
Einwohner30.767

Schmerzpatientin kämpft um Cannabis-Medikament

Es folgten diverse Arztbesuche und Klinikaufenthalte. Doch die Schmerzen blieben: „Ich kann oft kaum sitzen vor Schmerzen.“ Auch das Liegen sei schwierig: „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal richtig durchgeschlafen habe.“ Abends würde der Schmerz, der häufig vom Rücken bis in beide Beine und in die Zehen ausstrahlt, noch heftiger.

Auch der ganze Narbenbereich sei sehr schmerzempfindlich. Der dauernde Schlafmangel und die Opiate täten ihr Übriges: „Ich fühle mich manchmal wie ein Zombie”, sagt Michaela Arendt. „Ich krauche hier manchmal auf allen Vieren herum.“

Cannabis-Medikament bei Schmerzen: Krankenkasse zahlt nicht

Eine tatsächliche Verbesserung erlebte Arendt erst im vergangenen Jahr bei ihrem ersten Aufenthalt im Marienkrankenhaus. Dort wurde ihr ein Schmerzschrittmacher eingesetzt, ein kleines Gerät, das mit ständiger Stromgabe über eine Elektrode im Spinalkanal die Schmerzen zum Teil unterdrücken kann. „Das hat mir schon einiges gebracht”, sagt Arendt. Zusätzlich wurde sie auf ein Cannabis-Extrakt eingestellt. „Damit kam ich super klar, die Schmerzen gingen deutlich zurück.” Von Tag zu Tag sei es besser geworden. Erstmals habe sie wieder längere Schlafphasen erlebt. Auch die Dosen der Opiate habe sie verringern können.

Doch die Hoffnung auf dauerhafte Besserung bekam nach dem Krankenhausaufenthalt einen Dämpfer. Denn die ihre Krankenkasse lehnte die Kostenübernahme für das Medikament ab. Auch der direkt eingereichte Widerspruch führte nicht zum Erfolg. Selbst bezahlen kommt für Arendt nicht in Frage. „Ich bin Frührentnerin und habe nur eine kleine Rente.“ Das 25-Milligramm-Fläschchen kostet 800 Euro. Damit komme sie etwa zwei bis drei Monate hin, sagt Arendt. Allerdings nur, weil sie das Mittel streckt, indem sie es nur noch abends nimmt. „Mit meiner verschriebenen Dosierung von morgens sechs Tropfen und abends acht Tropfen komme ich höchstens sechs bis acht Wochen klar“, erläutert Arendt.

Die Krankenkasse berief sich bei ihrer Entscheidung auf ein Gutachten des Medizinischen Diensts. Demnach sei Arendt nicht austherapiert gewesen. Der Medizinische Dienst empfahl unter anderem eine psychotherapeutische Behandlung, da diese „eindeutig Potenzial hat, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen“.

Anfang dieses Jahres war Michaela Arendt erneut im Marienkrankenhaus. Sie wurde wieder auf das Cannabis-Präparat eingestellt – mit dem gleichen Erfolg. Das Krankenhaus stellte erneut einen Antrag auf Kostenübernahme. Die Kasse lehnte wieder ab. Arendt legte zum zweiten Mal Widerspruch ein, fürchtet aber, dass dieser erneut abgelehnt wird. Das kleine Fläschchen mit dem Cannabis-Extrakt, dass sie vom Krankenhaus bekommen hat, geht allmählich zur Neige.

Arendt kann die Gründe für die erneute Ablehnung nicht nachvollziehen. Seit Jahresanfang befinde sie sich in psychologischer Behandlung. Auch Antidepressiva habe sie ausprobiert. Doch die habe sie überhaupt nicht vertragen. „Als Allergikerin kann jede Einnahme von Medikamenten bedeuten, dass ich auf der Intensivstation lande.“ Und die Krankenkasse müsse ihre Leidensgeschichte doch kennen, habe doch Zugriff auf ihre Daten. „Sie haben sich offenbar nicht die Zeit genommen, sich mit meiner Krankheitsgeschichte auseinanderzusetzen.“

Schmerzpatientin kämpft um Cannabis-Medikament: Arzt sieht keine Alternative

Aus Sicht ihres behandelnden Arztes, Dr. Matthias Giesel, ist Michaela Arendt „eine super Kandidatin“ für die Therapie mit dem Cannabis-Extrakt. Für den Sektionsleiter der Schmerzklinik des Marienkrankenhauses gibt es auch keine echte Alternative mehr: „Frau Arendt hat alles durch, sowohl therapeutisch, als auch medikamentös.“ Die Patientin habe dabei auch das sogenannte WHO-Stufenschema durchlaufen. Das heißt: Es sind über die Jahre aus allen Substanzklassen schrittweise und in Kombination Präparate eingesetzt worden – bis hin zu hochpotenten Opiaten. Erschwerend kämen bei Michaela Arendt diverse Unverträglichkeiten hinzu, so Giesel.

Generell setze man in Soest auf eine multimodale Therapie, versuche die Patienten zu aktivieren, den Fokus auf das Krankheitsverständnis zu legen, betreue sie auch psychologisch und betreibe sehr viel Aufklärung.

Das Cannabis-Vollextrakt mit den Wirkstoffen THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol), das Michaela Arendt bekommen hat, sei nicht für jeden Patienten geeignet. „Man muss es ausprobieren“, sagt Giesel. „Aber wenn es wirkt, ist es ein potentes Mittel, das viel besser verträglich und sicherer ist als zum Beispiel Opiate.“ Wenn Opiate überdosiert werden, sei dies lebensgefährlich. „Bei einer Überdosis Cannabis fühlen sie sich stoned, sie sterben daran aber nicht. Es macht auch nicht körperlich abhängig.“

Cannabis wirke über einen eigenen Schmerzkreislauf, aktiviere die körpereigenen Opiate, erläutert Giesel. Es wirke schmerzlindernd, antidepressiv, schlaffördernd und antientzündlich. Die Therapiekosten seien mit denen einer Opiate-Therapie vergleichbar. Einen Grund, die Behandlung abzulehnen, sieht Giesel im Fall von Michaela Arendt nicht. „Es gibt inzwischen viele Studien zu dem Thema. Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich erwiesen.“ Cannabis hänge zwar immer noch ein gewisser „Schmuddelcharakter“ an, sei aber als Medikament zugelassen. Als Rezeptur-Arzneimittel sei es aber genehmigungspflichtig. Die Apotheke dürfe es nicht abgeben, ohne dass es vorher von der Krankenkasse genehmigt wurde. „Andere Länder sind da inzwischen weiter, wir in Deutschland hinken da noch hinterher.“

Cannabis-Medikament bei Schmerzen: Es geht um Lebensqualität

Michaela Arendt hofft, darauf, dass ihr erneuter Widerspruch Erfolg hat. „Mir geht es nicht darum, die Krankenkasse an den Pranger zu stellen. Ich will auf den Missstand hinweisen.“ Sie wisse, dass sie nicht die Einzige mit diesen Problemen sei. Bei ihren vielen Besuchen im Krankenhaus habe sie viele Frauen und Männer weinen gesehen. „Niemand, der diese Schmerzen nicht selbst spürt, kann sich vorstellen, was diese Menschen durchmachen.“ Und viele hätten nicht die Kraft, darum zu kämpfen, das Medikament zu bekommen. Dabei gehe es letztlich ja nicht um das Medikament an sich, sondern darum ein Stück Lebensqualität zurückzugewinnen.

Schmerzpatientin kämpft um Cannabis-Medikament: Das sagt die Krankenkasse

Die DAK-Gesundheit begründet die Ablehnung der Kostenübernahme auf Anfrage damit, dass der Medizinische Dienst in mehreren Gutachten zu dem Ergebnis gekommen sei, „dass die Voraussetzungen für die Genehmigung der Verordnung von Cannabis/Cannabinoiden nicht erfüllt sind“. Begründet wurde dies vom Medizinischen Dienst unter anderem damit, „dass bei Frau Arendt bislang keine systematische medikamentöse Schmerztherapie nach dem sogenannten WHO-Eskalationsschema stattgefunden hat“, schreibt DAK-Sprecher Rainer Lange. Außerdem scheine die Therapie mit dem Cannabispräparat laut Gutachten auch „keine positiven Effekte auf die Schmerzerkrankung selbst“ zu haben. „Aufgrund der geschilderten mehrfachen negativen sozialmedizinischen Gutachten ist der DAK-Gesundheit die Kostenübernahme nach den gesetzlichen Vorgaben nicht möglich.“

Widerspruchsgutachten wurde veranlasst

Die Tatsache, dass Michaela Arendt inzwischen bei einer Fachärztin für Psychiatrie in Behandlung ist, habe bei der ersten Ablehnung keine Berücksichtigung gefunden, weil die Patientin dies erst mit ihrem Widerspruch vom 30. April mitgeteilt habe, schreibt Lange. Auch über die Abrechnungsdaten habe die DAK darüber zuvor keine Kenntnis gehabt: „Einzelne Abrechnungsdaten gehen erst mit großer Verzögerung bei den Krankenkassen ein.“ Aufgrund des neuen Sachstands sei ein Widerspruchsgutachten beim MD veranlasst worden, das aber noch nicht vorliege.

Auf die Frage, warum die Patientin statt dem Cannabis-Extrakt eher Opiate zu sich nehmen soll, schreibt der DAK-Sprecher: „Bei Opiaten oder Opioiden, wie im vorliegenden Fall, handelt es sich um zugelassene Fertigarzneimittel, denen mit Zulassung Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bescheinigt wird, bestimmungsgemäßer Gebrauch vorausgesetzt. Den allermeisten Cannabispräparaten fehlt eine solche Zulassung. Eine Risikoabschätzung können wir als Krankenkasse nicht vornehmen.“ Die Kosten seien bei einer medizinisch notwendigen und zweckmäßigen Behandlung grundsätzlich von „untergeordneter Bedeutung“. Laut DAK-Gesundheit wurden im ersten Quartal dieses Jahres 520 Anträge für Cannabis-Präparate (Fertigarzneimittel, Blüten, Zubereitungen) gestellt. Davon seien 64 Prozent genehmigt worden.

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