Alte These widerlegt

Studentin findet Hinweis auf Standort der  legendären Grafenburg

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Der Werler Stadtkern aus der Vogelperspektive: Bislang gab es die Annahme, dass die Grafenburg in der Nähe der heutigen Kirche St. Walburga gelegen haben muss. Doch nun spricht viel dafür, dass der Sitz der Grafen außerhalb des Stadtkerns gelegen hat. Stadtarchivar Michael Jolk kann sich vorstellen, dass die Burg westlich der Stadt gestanden haben könnte – zum Beispiel auf dem Gelände, auf dem später das kurfürstliche Schloss errichtet wurde, oder auf dem Gelände der früheren Overbergschule (vorne links). Bis heute sei bei der Draufsicht erkennbar, dass der Umriss der Altstadt im Westen (links) gestört ist. Vermutlich eine Folge der Zerstörung durch den Grafen von der Mark 1288. Bei dieser Zerstörung könnte nach den neuen Erkenntnissen auch die Grafenburg vernichtet worden sein.

Werl – Weil die 18-jährige Geschichtsstudentin Samantha Seithe in der Abschrift einer mehr als 700 Jahre alten Urkunde auf das lateinische Wörtchen „prope“ gestoßen ist, muss ein Stück Werler Stadtgeschichte neu geschrieben werden.

Denn „prope“ bedeut nahe oder bei und bezieht sich auf den Standort der legendären Grafenburg. Die regt seit Generationen die Fantasie der Werler an, und Historiker und Archäologen suchten vergebens nach Überresten. Dank Seithes Fund gibt es neue Hoffnung. 

Für ihre Masterarbeit suchte Seithe nach Quellen mit Werler Bezug. In vielen Stunden arbeitete sie zehn dicke Bände des Westfälischen Urkundenbuchs durch, bevor sie im elften den Volltreffer landete. Hätte sie nur im Register geschaut, wäre sie nicht fündig geworden. Denn dort werden die Grafen nicht erwähnt. 

Der Mail-Betreff lautet: Grafenburg nicht in Werl

Die Bedeutung des Fundes sei ihr sofort bewusst gewesen, sagt Seithe: „Mir war klar, dass die These zum Standort der Grafenburg damit widerlegt wird.“ Noch am selben Abend schickte sie Stadtarchivar Michael Jolk, bei dem sie zurzeit ein Praktikum absolviert, eine Mail. Der Betreff: „Grafenburg nicht in Werl“. 

Im elften Band des Westfälischen Urkundenbuchs wurde Samantha Seithe fündig. Stadtarchivar Michael Jolk freut sich mit seiner Praktikantin über die Entdeckung.

Jolks erster Gedanke: „Endlich gibt es eine Erklärung dafür, warum wir sie in der Innenstadt nicht gefunden haben.“ Denn bislang galt die These, dass die Grafen ihren Sitz in der Nähe ihrer Kirche errichtet haben, deren Standort dort vermutet wird, wo heute die Propsteikirche steht. 

Die Grafenburg als Keimzelle und Kern der Stadt – so hatte es unter anderem auch Prof. Paul Leidinger angenommen, ein Experte für die Werler Grafen. Zu Seithes Fund sagt er: „Das eröffnet neue Perspektiven für die Stadtgeschichte. Es wird die Werler Frühgeschichte neu bestimmen können!“ 

Bei jeder Ausgrabung rund um Kirche und Markt – zuletzt noch an der Glockengasse – gab es Hoffnung, auf Reste der Grafenburg zu stoßen. Immer wieder wurde sie enttäuscht. „In meiner Schulzeit hat mal die Zeitung berichtet, dass die Grafenburg gefunden wurde und Freiwillige bei den Ausgrabungen helfen könnten“, erinnert sich Jolk. „Es war der 1. April.“ 

Lag die Burg westlich der Stadt?

Aus Sicht von Jolk spricht nun einiges dafür, dass die Grafenburg westlich der Stadt gelegen haben könnte. An den Umrissen der Innenstadt könne man noch heute erahnen, dass dieser Teil bei der Zerstörung im Jahr 1288 am meisten gelitten haben muss. So könnte die Grafenburg auf dem Gelände des späteren kurfürstlichen Schlosses oder der früheren Overbergschule gestanden haben. „Archäologisch sind diese Bereiche meines Wissens bislang kaum erforscht.“

Doch das seien alles nur Spekulationen – da sind sich Jolk und Seithe einig. Denn so klar das Wörtchen prope zu deuten sei, so mehrdeutig könnte das Wort Werl in der Urkunde sein, erläutert Seithe: „Bezieht sich das auf den Gerichtsbezirk, auf das Amt oder auf die Stadt?“ 

Die Quellenlage ist dünn

Vieles liegt im Dunkeln, auch weil es aus der Zeit der Werler Grafen kaum schriftliche Quellen gibt. Offen ist auch, wann die Grafenburg errichtet wurde und wie sie ausgesehen haben könnte. War es in den Anfängen eine kleinere Anlage mit Wällen und Holzaufbauten, die nach und nach zu einem größeren Sitz ausgebaut wurde? Die Bedeutung des Grafengeschlechts spreche für einen standesgemäßen Sitz und Bauwerke aus Stein, so Seithe. Aber Belege gibt es hierfür keine. 

Hoffnung setzen Jolk und Seithe auf die digitalen Archiv-Portale, über die immer mehr Quellen zugänglich werden. Und natürlich auf die Archäologen: Sie wissen nun zumindest, wo sie nicht mehr graben müssen.

In dieser Quelle steht der Hinweis

Gefunden hat Samantha Seithe den Hinweis in einer Domstiftsurkunde, die auf die Jahre 1314 bis 1315 datiert ist und die Klagepunkte des Kölner Erzbischofes Heinrich gegen den Grafen Engelbert von der Mark enthält. Darin geht es um die Entschädigung wechselseitiger Ansprüche aus früherer Zeit – unter anderem um eine Gegenleistung für die zerstörte Behausung des Arnsberger Grafen bei Werl. 

Aus dem Zusammenhang ist anzunehmen, dass der Marker Graf Eberhard I der Zerstörer war. Damit würde das Ende der Grafenburg in den Zusammenhang mit der Zerstörung der Stadt durch Eberhard im Jahr 1288 rücken. Auch das wäre eine neue Erkenntnis.

Die Original-Urkunde lag im eingestürzten Kölner Stadtarchiv

Das Kölner Stadtarchiv stürzte im Jahr 2009 ein.

Zum Glück haben sich Historiker die Mühe gemacht, Quellen wie diese zu erfassen und in Sammlungen herauszugeben. So stieß Seithe im elften Band des Westfälischen Urkundenbuchs auf die Urkunde. Wäre sie auf das Original angewiesen gewesen, hätte sie die Entdeckung vielleicht nie gemacht. Denn das lag im Kölner Stadtarchiv, das 2009 einstürzte. 

Unter den geretteten Schriftstücken ist es noch nicht aufgetaucht. Ob sie unter den Schriftstücken ist, die noch auf eine Restaurierung warten, ist offen.

Die Grafen von Werl

Wie groß der Einflussbereich der Grafen von Werl im 11. Jahrhundert war, zeigt diese Karte. Er reichte vom Sauerland bis an die Nordsee.

Die Werler Grafen gehörten im Hochmittelalter zu den wichtigen Akteuren des Altreiches im norddeutschen Raum. Es gibt Hinweise auf hochadelige verwandtschaftliche Beziehungen zu den Karolingern und Liudolfingern/Ottonen. Wann sie genau im 10. Jahrhundert ihren Sitz nach Werl verlegten, ist unklar. Aber die Salzquellen und die Lage am Hellweg dürften bei der Wahl des Ortes eine Rolle gespielt haben. 

Zu Hochzeiten reichte ihr Einfluss vom Sauerland bis an die Nordsee. Der Entwicklung Werls zur Stadt gaben sie entscheidenden Anschub. Ende des 11. Jahrhunderts verlegten sie ihren Hauptsitz nach Arnsberg.

Samantha Seithe: Mit 18 auf dem Weg zum Master

Samantha Seithe kommt aus Welver-Scheidingen. Die 18-Jährige machte ihr Abitur im Alter von 15 Jahren am Marien-Gymnasium in Werl und ihren Bachelor in Archäologie und Geschichte an der Ruhr-Universität in Bochum. Nun studiert sie in Münster und will dort ihre Masterarbeit zur Geschichte der Stadt Werl schreiben. Zurzeit macht sei ein zweimonatiges Praktikum im Stadtarchiv. 

Schon als junge Gymnasiastin erregte sie mit ihren Forschungen Aufsehen: 2011 entdeckte sie in der Nähe des ehemaligen Kernkraftwerks in Uentrop Kügelchen, die im Verdacht standen, radioaktiv zu sein. Untersuchungen bestätigten das zwar nicht, dennoch entfachte Seithe eine politische Diskussion. Wegen ihres Projektes zur Wasserqualität des Salzbachs gehörte sie zudem 2014 zu den Siegern des Bundesumweltwettbewerbs. 

Mit der Eisenstange auf dem Acker

Für die Nachforschungen zum Scheidinger Schloss erhielt die damals 14-jährige Schülerin im Bundesfinale den „Jugend forscht“-Sonderpreis. Dank ihres Einsatzes konnten Archäologen zwischen Flerke und Scheidingen jahrhundertealte Siedlungsreste finden. Dafür hatte sie unter anderem mit einer Eisenstange auf einem Acker nach Fundamentresten gestochert – mit Erfolg.

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