"Gute Quote"

Neustart nach der Kettler-Zeit: So viele Entlassene fanden neuen Job

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Werl/Ense - Für etwas mehr als die Hälfte der zu Jahresbeginn bei Kettler gekündigten Mitarbeiter, die in die jetzt auslaufende Transfergesellschaft (TG) eintraten, hat sich der Wechsel gelohnt: Sie stehen wieder in Lohn und Brot.

63 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer haben wieder Arbeit. „Angesichts der Umstände ist das ein gutes Ergebnis.“ Das sagt Katja Lange, Geschäftsführerin der ComJob-consult GmbH. „Die Quote ist gut für das Projekt.“

Umstände, das sind die Qualifikation der Betroffenen, die Altersstruktur, die Länge der TG, der Arbeitsmarkt und die Mobilität. Katja Lange zieht eine zufriedene Bilanz nach einem Start, der holprig und quasi aus dem Stand und unter Zeitdruck gewesen sei.

Schwerste Krise der Firmengeschichte

216 Entlassungen waren Folge der schwersten Krise der Firmengeschichte, als Kettler durch die „Lafayette Mittelstand Capital“ übernommen wurde. Für 175 Mitarbeiter kam der Wechsel in die Transfergesellschaft in Frage, 119 nahmen das Angebot an. Andere klagten gegen die Entlassung, fanden von sich aus schnell einen neuen Job oder oder konnten wegen Krankheit nicht in die TG eintreten.

Für die 119 aber ging es an eine individuelle Kleinarbeit in der TG, um sie wieder in Arbeit zu bringen und weiterzuqualifizieren. Die Bilanz zum Ende: 55 fanden einen neuen Job, fünf scheiden aus in die Rente. Bei dreien steht ein Beschäftigungsverhältnis kurz bevor, drei sind in Umschulungen und zwei in Weiterbildungen zu ganz neuen Berufsfeldern (Rettungssanitäter und Brandschutzbeauftragter). Aber es sei nicht für alle gelungen, beruflichen Anschluss zu finden. Sie hängen noch in der Luft.

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Nicht Vermittelte rutschen in Arbeitslosigkeit

Die nicht vermittelten Kettler-Entlassenen rutschen zunächst in den Bezug von Arbeitslosengeld und werden mit Unterstützung der Arbeitsagentur „weiterhin um neue Perspektiven kämpfen“. Für etwa die Hälfte von ihnen kommt ein langsamer Übergang in die Rente in Frage – für einige noch in diesem Jahr. Die Übergabe an die Arbeitsagentur laufe gut, sagt Lange. Die TG bleibe aber ohnehin einen Monat länger vor Ort im Bahnhof in Werl – zur Nachbetreuung. Es gebe immer noch Dinge, für die Menschen eine Beratung brauchen, die nicht telefonisch gehe. „Und nun einfach den Löffel fallen lassen und gehen – das passt nicht zu unserem Beratungsauftrag“, sagt die Geschäftsführerin.

Möglichst lange wolle man die Menschen begleiten, im Einzelbedarf auch über den Juli hinaus. Natürlich aber sei es frustrierend für Arbeitslose, wenn sie 30 Bewerbungen im Monat schreiben und nicht unterkommen. „Für einige ist die Kündigung schwer, sie haben das noch immer nicht verarbeitet.“ Dass die Gegebenheiten nicht einfach waren, lässt sie nicht unerwähnt.

"Auffällig viele Ältere"

Ein Durchschnittsalter von 49 Jahren hatten die Ex-Kettler-Beschäftigten, unter ihnen waren „auffällig vielen Ältere“ über 60 Jahren (35). Für einen Teil dieser Gruppe war der Übergang in Rente wahrscheinlich, dazu gab es eigene Beratungen. Etliche waren langjährig beschäftigt, einem Mann war nach 42 Jahren im Betrieb gekündigt worden.

22 Frauen und 97 Männer gingen den Weg – und für einige sei der Wechsel in die TG geradezu eine Befreiung gewesen nach nervenaufreibenden Jahren und Jahrzehnten bei Kettler und all den Krisen mit Entlassungswellen. „Einige haben nicht mehr die Nerven gehabt, da weiterzumachen“, sagt eine ehemalige Beschäftigte. „Sie sahen das als Möglichkeit, endlich da raus zu kommen.“

Zeit bei Kettler war "Dauerstress"

Ein Eindruck, den Katja Lange bestätigt. „Einige haben gesagt, dass sie heilfroh sind, das gemacht zu haben.“ Sie hätten die Zeit bei Kettler als „Dauerstress“ beschrieben, schilderten Erschöpfungszustände. Was oft ein Grundhemmnis der Vermittlung ist: der unzureichende Ausbildungsgrad. Nur 82 Prozent der Betroffenen hatten einen Ausbildungsberuf, viele davon ewig darin nicht mehr gearbeitet.

Hier komme oft nur Leiharbeit in Frage. Das aber sei keine lebenssichernde Perspektive, eine Entlohnung von unter zehn Euro pro Stunde „nicht zumutbar“, sagt Katja Lange. Dabei gebe es Eingliederungszuschüsse oder auch finanzielle Einarbeitungshilfe für Firmen. Am Herzen liegt ihr die 19-jährige lernbehinderte Frau, für die Katja Lange auf ein Praktikum im Garten- und Landschaftsbau hofft.

Grundsätzlich wäre mehr Zeit für die TG gut und sinnvoll gewesen, bis zu 12 Monate sind möglich. Allerdings hatte der Investor die Zeit auf ein halbes Jahr begrenzt. Kettler war zum Jahresende nach langem Ringen in letzter Minute gerettet worden. 500 Arbeitnehmern blieb der Job erhalten.

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