KV: "Kein dringender Bedarf"

Ärztemangel sorgt in Werl für Ärger

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Die medizinische Versorgung in Werl halten Patienten für unzureichend.

Werl - Mit Dr. Wolfgang Hiltenkamp (April) und Heinrich Paczkowski (September) verabschieden sich in diesem Jahr gleich zwei Werler Hausärzte in den Ruhestand. Ihre Praxen werden unbesetzt bleiben, Nachfolger konnten sie nicht finden. Ihre Patienten müssen sich neue Ärzte suchen, doch freie Plätze sind in Werl schwer zu finden. Das sorgt für Ärger.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL) gibt es derzeit 17 Hausärzte in Werl. Bei rund 32 000 Einwohnern bedeutet das, auf einen Arzt kommen etwa 1 900 Patienten.

Einen dringenden Ärztebedarf gibt es in Werl laut der KVWL aktuell nicht. „Es ist schön, dass die Kassenärztliche Vereinigung kein Problem sieht, aber dann soll sie mir auch garantieren, dass ich meine Bewohner bei Werler Ärzten unter bekomme“, sagt Angela Hötzel, Leiterin des Seniorencentrums St. Michael.

Angela Hötzel Leiterin des Seniorencentrums St. Michael.

Denn den Ärztemangel spüren derzeit auch die Werler Seniorenheime. „Es haben ja mehrere Ärzte aufgehört. Für uns ist es jetzt schwierig, unsere Patienten unter zu bekommen“, berichtet sie. Sie selbst sei auch betroffen, habe aber noch einen Arzt in Wickede finden können. „Für unsere Bewohner ist das nicht so leicht, denn sie sind auf Hausbesuche angewiesen. Selbst wenn wir jetzt Ärzte für sie finden, heißt das noch nicht, dass diese auch Hausbesuche machen“, erklärt die Heimleiterin.

„Wir haben tolle Ärzte in Werl, die zu uns in die Einrichtung kommen und unsere Bewohner versorgen, aber es werden leider immer weniger.“ Deshalb hatte sie das Thema bereits im Sozialausschuss vorgebracht, dort aber zunächst keine Antwort erhalten.

Das sagt die KVWL:

„Der Versorgungsgrad im Mittelbereich Werl, zu dem auch Wickede und Ense gehören, liegt bei 96,4 Prozent (Stand November 2018). Gemessen am Versorgungsgrad ist die Versorgung mit Hausärzten im Mittelbereich Werl – aus statistischer Perspektive – im Moment insgesamt vergleichsweise stabil. Welche Auswirkungen aktuelle Praxisschließungen auf die Versorgungssituation haben, müssen wir uns näher anschauen und führen dazu Gespräche mit der Stadt und den Werler Hausärzten“, heißt es auf Anfrage.

Ärztesprecher Christoph Viergutz kennt das Problem der Heimleiterin. Ihn erreichten in den vergangenen Wochen und Monaten mehrere Hilferufe von Einrichtungen und Patienten. „Wir haben in der letzten Zeit neue Patienten aufgenommen. Aber es ist schwierig und wird auch noch schwieriger werden“, so der Hausarzt. Denn unbegrenzte Kapazitäten hat auch er nicht.

Allein, um die Patienten der im April geschlossenen Praxis von Wolfgang Hiltenkamp zu versorgen, müsste jeder der Werler Hausärzte etwa 50 Patienten aufnehmen, erklärt er. „Da Arzt ein freier Beruf ist, kann ich niemanden dazu zwingen. Aber einige haben noch Patienten aufgenommen.“ Wie viele Patienten von Heinrich Paczkowski im September ohne Hausarzt sein werden, kann er nur schätzen. Aber es werden vermutlich ähnlich viele sein.

Doch warum sieht die KVWL dann keinen Bedarf?

Christoph Viergutz Ärztesprecher für Werl.

„Die KV betrachtet die Zahl der Sitze. Allerdings gibt es in Werl Gemeinschaftspraxen, in der jeder Arzt einen Sitz hat. So kommen drei Sitze auf eine Praxis“, erklärt der Ärztesprecher. Doch eine Praxis habe auch nur begrenzte Räume. „Schaut man sich das Alter der Werler Hausärzte an, werden in den kommenden zehn Jahren noch einige wegfallen“, sagt Viergutz.

Mit diesem Hintergrund sei es jetzt höchste Zeit, aktiv zu werden. Denn zehn Jahre vergehen schneller, als man denkt. „Leider reagiert die Politik bei so etwas immer recht spät. Wie die Feuerwehr, die erst kommt, wenn das Haus brennt“, kritisiert der Arzt. Auch die KV habe eine sehr lange Reaktionszeit, „Mittlerweile haben Sie sich auch bei mir gemeldet und wir stehen in Kontakt. Aber man hätte viel eher aktiv werden müssen.“

Und wie könnte eine Lösung aussehen?

„Ich halte ein Ärztezentrum für eine gute Möglichkeit die Grundversorgung der Patienten zu sichern und die Ärzte zu entlasten“, erklärt Viergutz. So könne man die Verwaltungsaufgaben abgeben und mit mehreren Medizinern in Schichten eine Versorgung von 8 bis 20 Uhr ermöglichen. „Die Patienten hätten weiterhin einen festen Ansprechpartner, aber auch einen Vertreter am selben Ort. Berufstätige könnten nach der Arbeit in die Sprechstunde. Und ein solches Angebot wäre sicher auch für junge Ärzte attraktiv“, führt Viergutz aus. Als ersten Schritt müsse aber nun die Verwaltung ins Boot geholt werden.

Stadt eingeschaltet

Die befasse sich aktuell verstärkt mit dem Thema Ärztemangel, sagte Bürgermeister Michael Grossmann auf Anfrage. „Ich habe bereits mit der kassenärztlichen Vereinigung gesprochen und auch mit den Ärzten stehe ich in Kontakt“, erklärte der Bürgermeister. Ende Juni soll es ein Gespräch mit den Werler Hausärzten und Verwaltung geben. „Wir müssen gemeinsam die Möglichkeiten besprechen und nichts unversucht lassen, eine Lösung zu finden“, so Grossmann. Zudem sei eine Infoveranstaltung für Ärzte im Rathaus geplant.

Auch oder vor allem um jungen Ärzten die Niederlassung auf dem Land schmackhafter zu machen. „Wir als Stadt helfen Ärzten bei der Niederlassung, stehen bei Fragen zur Seite und vermitteln“, erklärt der Bürgermeister. Finanzielle Unterstützung gebe es derzeit aber keine. „Wir müssen einen Weg finden, den hohen bürokratischen Aufwand für Ärzte zu senken und eine Entlastung für die Ärzte zu finden“, sagt der Verwaltungschef.

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