Wohl kein Gewaltverbrechen

Dramatischer Suizid-Fall in Werl: Mutter und Tochter tot

In diesem Haus fand die Polizei die Leichen.

[UPDATE 13 Uhr] WERL - Auch wenn sich die Ermittler alle Mühe geben, unauffällig vorzugehen, spricht sich die schreckliche Nachricht doch schnell in der Stadt herum: In einer Wohnung in der Buntekuhstraße sind die Leichen einer 44-jährigen Frau und ihrer zwölfjährigen Tochter entdeckt worden.

Anzeiger-Informationen zufolge hat die Mutter zunächst das Kind getötet und dann sich selbst.

Es ist Mittwochnachmittag gegen 15 Uhr. Die zwölfjährige Jule L. ist seit ein paar Tagen nicht zur Ursulinen-Realschule gegangen, eine Entschuldigung fehlt. Lehrer und Mitschüler sind verunsichert, zumal sich niemand am Telefon meldet und die Haustür auf das Klingeln hin nicht geöffnet wird. Also schaltet Schulleiter Heinrich Kröger die Polizei ein. Beamte fahren zum Haus und bemerken sofort den Briefkasten, in dem sich Post, Zeitungen und Prospekte stapeln. Also brechen die Beamten die Tür auf. In der Wohnung offenbart sich ihnen das unfassbare Familiendrama: Mutter Ulrike L. und ihre Tochter sind tot.

Mordkommission und Staatsanwaltschaft werden hinzu gerufen, das ist in solchen Fällen Routine. Schnell aber verstärkt sich der Eindruck: Hier liegt kein klassisches Gewaltverbrechen vor, Dritte waren nicht beteiligt. Vielmehr deutet schon vor der Obduktion alles darauf hin, dass die 44-jährige Tierärztin zunächst ihre Tochter und dann sich selbst vergiftet hat. Toxikologische Untersuchungen der beiden Leichen sollen endgültige Klarheit bringen. Mutter und Tochter wohnten allein in dem Haus, der Vater der Zwölfjährigen lebte von beiden seit langem schon getrennt.

Während die Ermittler ihre Arbeit erledigen und die Leichen obduziert werden, greift an der privaten Realschule der Ursulinen ein Notfallplan. "Unsere Schule", sagt Direktor Heinrich Kröger, "hält heute inne." Unterricht wird zur Nebensache, es wird - vor allem in den drei 7-er Klassen - Raum für Betroffenheit und Trauer geschaffen.

Schon sehr früh am Donnerstagmorgen hat sich an der Schule ein Team gebildet, das den ganzen Tag für Gespräche zur Verfügung steht: drei Notfallseelsorger, die Schulsozialarbeiter von UG und UR, der Direktor, der Pfarrer. In der Schule und auf dem Schulhof stehen die Schüler in Gruppen zusammen, reden, schweigen, trauern. Die Klasse 7, die Jule besuchte, wird nach der 5. Stunde heimgeschickt, nach der 6. Stunde ist für alle Schluss. Ein Elternbrief wird den Kindern mitgegeben.

In der Nachbarschaft unweit des Kälbermarkts haben nur wenige etwas von den polizeilichen Ermittlungen mitbekommen. Aber natürlich weiß hier schon am Vormittag jeder, was passiert ist. Es gibt keine Sensationslust, kein Getuschel; hier ist tiefe Betroffenheit spürbar. "Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, der sein Kind tötet?", fragt eine Frau. Den Versuch einer Antwort mag der Abschiedsbrief geben, der angeblich drinnen im Haus gefunden wurde. Er, sagt der ermittelnde Arnsberger Staatsanwalt Marco Karlin, werde sich dazu nicht äußern.

Bekannte erzählen, die 44-Jährige Tierärztin habe ihre Praxis einige Monate lang aus gesundheitlichen Gründen schließen müssen, angeblich wegen psychischer Probleme. - di

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