Interview

„Polarisierende Debatte“: Das sagt Schwester Anna Mirijam Kaschner zur Lage in der katholischen Kirche

Treffen mit dem Papst: Franziskus reicht Schwester Anna Mirijam Kaschner die Hand. Die gebürtige Werlerin ist seit 2009 Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz. In ihrer Freizeit wandert die 50-Jährige gerne in den Bergen, liest Krimis und hört klassische Musik.
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Treffen mit dem Papst: Franziskus reicht Schwester Anna Mirijam Kaschner die Hand. Die gebürtige Werlerin ist seit 2009 Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz. In ihrer Freizeit wandert die 50-Jährige gerne in den Bergen, liest Krimis und hört klassische Musik.

Die katholische Kirche in Deutschland steckt in einer tiefen Krise. Schwester Anna Mirijam Kaschner hat eine besondere Perspektive auf die aktuellen Ereignisse rund um den Missbrauchsskandal im Erzbistum Köln. Die gebürtige Werlerin ist seit 2009 Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz. Kardinal Anders Arborelius, Bischof von Stockholm und einer der päpstlichen Visitatoren in Deutschland, ist ihr bestens bekannt.

Im Interview mit Dominik Maaß spricht Schwester Anna Mirijam Kaschner unter anderem darüber, warum sie der Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx geärgert hat und wie ihre Vorstellung von einer Erneuerung der Kirche aussieht.

Das Thema sexueller Missbrauch erschüttert wiederholt die katholische Kirche in Deutschland. Wie nehmen Sie diese Debatte von außen wahr?
Schwester Anna Mirijam Kaschner: Jeder Missbrauchsfall – sexueller oder geistlicher Art – innerhalb oder außerhalb der Kirche ist einer zu viel. Missbrauch innerhalb der Kirche hinterlässt Opfer und Betroffene, die für ihr Leben gezeichnet und traumatisiert sind. Missbrauch innerhalb der Kirche ist auch unendlich schmerzlich für jeden Katholiken, ja für jeden Christen und der Umgang in Form von Vertuschung ist erschütternd und unerträglich. Auch in unseren nordischen Ländern hat es diese Fälle gegeben, auch hier wurde Aufklärung durch unabhängige Untersuchungen betrieben. Was jedoch in der Debatte um dieses Thema auffällt, ist, dass sie in Deutschland sehr kontrovers, sehr „bissig“ und sehr polarisierend geführt wird – und dies meist von Menschen, die nicht direkt Betroffene sind. Zudem erscheint es „von außen“ im Blick auf die Kirche in Deutschland so, als sei das Thema „Missbrauch“ eine Art „trojanisches Pferd“, um endlich lang geforderte Reformen in der Kirche durchführen zu können, beziehungsweise wenn ich auf die Forderungen des „synodalen Weges“ schaue, eine völlige Umgestaltung der Kirche zu erreichen. Diese Instrumentalisierung des Missbrauchs für andere Ziele ist für die Opfer ein erneuter Schlag ins Gesicht. Die Gläubigen in unseren Ländern schauen daher eher mit Besorgnis nach Deutschland und fragen sich, ob hier nicht eher die Spaltung der Kirche vorangetrieben wird als für Aufklärung von Missbrauch und Hilfe für die Opfer zu sorgen.

Kardinal Anders Arborelius, Bischof von Stockholm, weilt zurzeit als einer der päpstlichen Visitatoren in Köln. Wie präsent ist das Thema dadurch bei den Katholiken in Skandinavien?
Die Visitationsreise nach Köln ist zwar in den kirchlichen Medien erwähnt worden, hat aber ansonsten nicht viel Resonanz in der säkularen Medienwelt gefunden. Die Katholiken hier werden ihn mit ihrem Gebet begleiten und hoffen, dass er bald wieder nach Schweden zurückkommt.

Sie kennen Kardinal Arborelius gut. Welche Stärken kann er in den Aufklärungsprozess einbringen?
Kardinal Arborelius, der sich lieber mit „Bischof“ ansprechen lässt, ist in allen unseren Ländern ein gern gesehener Mann. Er vertritt ein Kirchenbild, das dem von Papst Franziskus entspricht: Eine bescheidene Kirche, die sich um die Armen und Ausgegrenzten kümmert. Und das ist er auch selbst: ein bescheidener, ruhiger Mann, der nicht viel Aufsehen um seine Person macht. Bei Audienzen oder anderen Repräsentationsveranstaltungen trägt er bewusst sein schlichtes Ordensgewand. Er ist der einzige Bischof von rund 125 000 Katholiken, die sich auf mehr als 450 000 Quadratkilometern verteilen. Zum Vergleich: Deutschland ist 375 000 Quadratkilometer groß. In seinem Bistum gibt es 1,2 Prozent Katholiken. Von daher ist die Kirche im Norden immer eine missionierende Kirche, die hinausgehen muss, um die Menschen zu erreichen. Sie ist eine arme Kirche in reichen Ländern. Eine große Stärke, die Bischof Arborelius für die Visitation in Köln mitbringt, ist seine Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit. Er kann sehr gut zuhören und macht seine Urteilsfindung nicht von Meinungen anderer abhängig. Sein größtes Plus ist meines Erachtens aber, dass er ein sehr geistlicher Mensch ist, der bewusst Stärke im Gebet sucht. Er ist als Karmelit erst Bischof und dann Kardinal geworden. Sein Tag beginnt jeden Morgen um 5 Uhr in der Kapelle zu einer Stunde Betrachtung und innerem Gebet. Hier bringt er alle Herausforderungen vor Gott hin und hier findet er die Kraft für Entscheidungen.

Hält sich Kardinal Marx wirklich für so bedeutungsvoll und unentbehrlich, dass er meint, sein Rücktritt habe die Kraft, einen neuen Aufbruch der Kirche in- und außerhalb Deutschlands zu bewirken? Ich fürchte, dieser Schritt schafft eher noch mehr Verwirrung und Verunsicherung unter den Gläubigen und schadet der ohnehin angeschlagenen Glaubwürdigkeit der Kirche noch mehr. 

Schwester Anna Mirijam Kaschner

Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie vom Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx hörten?
Ich war sehr überrascht. Mit einem solchen Schritt hatte ich nicht gerechnet. Als ich dann seinen Brief an den Papst im Wortlaut las, stieg meine Verwirrung noch etwas mehr. Und die erste Frage, die mir kam, war: Was soll das? Warum er, warum jetzt, wozu soll das dienen? Es wurde dann in Medien viel spekuliert, was Kardinal Marx zu diesem Schritt veranlasst haben mag: von großem Respekt für die Übernahme persönlicher Verantwortung für das Versagen der Kirche war die Rede, von den noch nicht veröffentlichten Gutachten zum Thema Missbrauch in den Bistümern Trier und München-Freising und der Frage, ob es hier einen möglichen Zusammenhang gibt, bis hin zu Spekulationen über ein neues Amt in der Bischofskongregation. Er selbst spricht in seinem Brief davon, dass die Kirche an einem „toten Punkt“ angekommen sei und er mit seinem Rücktritt ein „persönliches Zeichen“ setzen wolle „für neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche, nicht nur in Deutschland“. An dieser Stelle wurde ich dann ein wenig ärgerlich. Zum einen empfinde ich die Aussage, dass „die Kirche“ an einem „toten Punkt“ angekommen sei, als ein Affront gegen die vielen engagierten Gläubigen in unserer Kirche, denen die Kirche Heimat ist und die sich um ein Leben aus dem Glauben bemühen. Außerdem werden hier die vielen kleineren und größeren Aufbrüche in unserer Kirche übersehen, die zwar nicht auf strukturelle Veränderung zielen, aber auf eine innere Erneuerung. Hält sich Kardinal Marx wirklich für so bedeutungsvoll und unentbehrlich, dass er meint, sein Rücktritt habe die Kraft, einen neuen Aufbruch der Kirche in- und außerhalb Deutschlands zu bewirken? Ich fürchte, dieser Schritt schafft eher noch mehr Verwirrung und Verunsicherung unter den Gläubigen und schadet der ohnehin angeschlagenen Glaubwürdigkeit der Kirche noch mehr. Letztlich wird nur Kardinal Marx selbst wissen, was ihn zu diesem Schritt bewegt hat.

Von Werl nach Kopenhagen

Schwester Anna Mirijam Kaschner (50) ist seit 2009 Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz. In der Konferenz arbeiten die Bischöfe aus den Ländern Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland und Island zusammen. Sitz des Generalsekretariats ist Kopenhagen, die Amtssprache ist Deutsch. Kaschner bereitet die Versammlungen vor und koordiniert die Zusammenarbeit. Aufgewachsen ist Kaschner in Werl, „zwischen der Mutter Gottes und dem Knast – eine gute Mischung“, wie sie vor einigen Jahren im Gespräch mit unserer Redaktion sagte. 1989 machte sie Abitur am Ursulinengymnasium. Eine Banklehre brach sie nach neun Monaten ab. Stattdessen entschied sich für ein Studium der Religionspädagogik in Paderborn. Kaschner konvertierte als junge Erwachsene von der evangelischen zur katholischen Kirche und trat später in den Orden der Missionsschwestern vom Kostbaren Blut ein. Bevor sie nach Dänemark ging, arbeitete sie längere Zeit als Gemeindereferentin. Als „Missionarin auf Zeit“ verbrachte sie vor ihrem Ordenseintritt ein Jahr in Zimbabwe und Südafrika.

Wie finden Sie es, dass der Papst, das Gesuch nun abgelehnt hat?
Ich habe die Ablehnung des Gesuchs eigentlich erwartet und begrüße sie sehr. Papst Franziskus ist Hirte und kein Kirchenpolitiker. Die Übernahme von Verantwortung, wie Kardinal Marx sie für sich postuliert, kann und sollte in der Kirche nicht wie in der Politik durch Rücktritte erfolgen, sondern im Gegenteil durch das sich konsequente Einsetzen für Wahrheit und Aufklärung, durch die Überprüfung und gegebenenfalls das Eingeständnis der eigenen persönlichen Mitschuld und der Bitte um Vergebung. In seinem Antwortschreiben an Kardinal Marx, das übrigens wirklich ein seelsorgliches Schreiben ist, gibt der Papst auch die Begründung für die Ablehnung: „Man verlangt von uns eine Reform, die – in diesem Fall – nicht in Worten besteht, sondern in Verhaltensweisen, die den Mut haben, sich dieser Krise auszusetzen, die Realität anzunehmen, wohin auch immer das führen wird. Und jede Reform beginnt bei sich selbst.“ Dann zitiert er aus dem Rücktrittsgesuch Kardinal Marx: „Die nächsten Jahre meines Dienstes würde ich gerne verstärkt der Seelsorge widmen und mich einsetzen für eine geistliche Erneuerung der Kirche, wie Sie es ja auch unermüdlich anmahnen“. Und der Papst antwortet darauf: Und genau das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising. Der Papst schätzt die Offenheit und Ehrlichkeit von Kardinal Marx, aber zugleich ermahnt er auch: Eine Reform der Kirche, eine wirkliche Erneuerung kann nur bei jedem selbst beginnen, und zwar durch die Überprüfung und Veränderung von Verhaltensweisen und Haltungen. Auf diese Weise kann eine „geistliche Erneuerung“ der Kirche Veränderungen bringen.

Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland ist hoch. Gibt es eine ähnliche Entwicklung in Skandinavien?
Natürlich gibt es auch bei uns Kirchenaustritte, und diese stiegen im Jahr 2010/2011 an, als auch in unseren Ländern die Missbrauchsfälle aufgedeckt wurden. Doch insgesamt übersteigen die Zahlen von Taufen und Konversionen bei weitem die Zahlen von Austritten und Beerdigungen. Wir sind eine stark wachsende Kirche. Dies ist der hohen Zahl an Einwanderern aus katholischen Ländern geschuldet. Wenn Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen, als Arbeitsmigranten oder Flüchtlinge, dann ist die Kirche für sie oft das einzige Stück Heimat, das sie erfahren können. Wir merken dies insbesondere in Norwegen und Schweden, wo die Kirchen viel zu klein sind und neue Kirchen gebaut oder gekauft werden müssen, weil der Platz einfach nicht ausreicht.

Sie kommen mit einem Menschen ins Gespräch, der sich von der Kirche abwenden will. Was würden Sie ihm sagen?
Ich würde ihn zunächst nach seinen Gründen fragen – und zuhören. Nicht nur hinhören, sondern wirklich zu verstehen suchen, was die Beweggründe sind. Ich würde ihn vielleicht fragen, warum er Mitglied der Kirche ist und was ihm Kirche eigentlich bedeutet. Und vielleicht würde ich dann erzählen, warum ich selbst an der Kirche leide und sie trotzdem liebe: weil ich alleine nicht Christ sein kann, sondern die Gemeinschaft – auch ihn – brauche, um Gott erfahren zu können. Die Kirche besteht aus Sündern – und ich bin auch einer von ihnen.

Allein unter Männern: Schwester Anna Mirijam Kaschner wird umrahmt von Mitgliedern der Vollversammlung der Nordischen Bischofskonferenz. Zu ihnen gehört auch Kardinal Anders Arborlelius (Dritter von rechts). Der Bischof von Stockholm ist einer der Visitatoren, die im Auftrag des Papstes zurzeit im Erzbistum Köln zur Aufklärung des Missbrauchs-Skandals beitragen sollen.

Ab 1. Juli wird mit Beate Gilles erstmals eine Frau das Generalsekretariat der Deutschen Bischofskonferenz leiten. Hat sie Sie schon um Rat gebeten?
Nein, das hat sie nicht, und ich denke, das ist auch nicht nötig. Frau Gilles ist eine gut ausgebildete Theologin und wird sich mit der Zeit gut in ihre Aufgabe einfinden. Aber ich freue mich auf ein Treffen mit ihr und den gemeinsamen Austausch.

Macht es einen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann diese Funktion wahrnimmt?
Wenn es keinen Unterschied machen würde, wäre das schlimm. Denn Mann und Frau sind nun einmal verschieden. Aber dieser Unterschied ist nicht qualitativ. Ich hatte bisher in Europa nur eine Kollegin und weltweit insgesamt zwei Kolleginnen in diesem Amt. In der Regel haben Priester oder Bischöfe das Amt des Generalsekretärs inne – und hier bietet sich mit einer Frau im Amt einfach eine große Chance, den Blick auf die Basis in die Überlegungen einzubeziehen. Eine Frau als Generalsekretärin bringt andere Qualitäten mit als Männer, einen anderen Diskussionsstil, eine andere Streitkultur, eine andere Art des Miteinanders. Aber dies ist nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders.

Ein Blick auf den Fuhrpark einiger deutscher Bistümer treibt einem da die Schamesröte ins Gesicht.

Schwester Anna Mirijam Kaschner

Was erhoffen Sie sich von einer Erneuerung der katholischen Kirche in den kommenden Jahren?
Ich erhoffe mir, dass die Kirche einen Weg aus der Polarisierung herausfindet. Gerade wenn ich in die sozialen Medien schaue, wird mir schon sehr mulmig: Konservativ gegen progressiv, pro-Marx gegen pro-Woelki, Traditionalisten gegen Modernisten, Maria 2.0 gegen Maria 1.0 – all das treibt die Kirche auseinander und behindert eine echte Erneuerung und den Blick auf das, was der Papst im Brief an Kardinal Marx mit dem Wort „Reform der Verhaltensweisen“ benennt. Ich erhoffe mir eine Erneuerung der Kirche, die dahin führt, dass sich die kirchlichen Vertreter wieder auf die Ebene der Menschen begeben, gerade auch jener, die in unserer Gesellschaft hinauszufallen drohen, die mit Arbeitsplatzverlust, Mindesteinkommen, Armut und sozialer Ausgrenzung konfrontiert sind. Ein Blick auf den Fuhrpark einiger deutscher Bistümer treibt einem da die Schamesröte ins Gesicht. Und ich erhoffe mir eine geistliche Erneuerung unserer Kirche. Eine Erneuerung aus dem Evangelium heraus, die dann auch Strukturveränderung zur Folge hat. Ich setze da große Hoffnungen in den weltweiten synodalen Prozess, den der Papst als Vorbereitung für die nächste Bischofssynode geplant hat.

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