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Millionenschaden nach Großbrand: Monatelange Zwangspause

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Von: Gerald Bus

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Große Pfützen und gähnende Leere: Nach dem Brand im Nachbarbetrieb kann Gebhardt-Stahl sein Werk 3 nicht vor April wieder nutzen.
Große Pfützen und gähnende Leere: Nach dem Brand im Nachbarbetrieb kann Gebhardt-Stahl sein Werk 3 nicht vor April wieder nutzen. © Bus, Gerald

Nach dem Brand in der Galvanik ist mit einem Schaden in Millionenhöhe bei Gebhardt-Stahl zu rechnen. Bei einigen Anlagen ist noch nicht klar, ob sie weitergenutzt werden können.

Werl – Dass der Chef im Flugzeug auf dem Weg in die USA vom Malheur in der Heimat erfuhr, um dort nach der Landung sofort den nächstmöglichen Flieger zurück zu nehmen, hat Symbolkraft: Eine Firma im Höhenflug hat eine harte Zwischenlandung erlebt, die allerdings länger dauern wird als die ihres Geschäftsführers Henrik Kruchen in Amerika.

Denn der verheerende Brand in der Galvanik des Nachbarbetriebs „F&D“ am Maifeld sorgt für eine rund zweimonatige Produktions-Zwangspause im Werk 3 von Gebhardt-Stahl und einen Millionenschaden allein für diese Firma. Aber schon bald will das Unternehmen wieder durchstarten und ganz oben sein: Henrik Kruchen kündigt abseits der laufenden Aufarbeitung aller Brandfolgen für dieses Jahr Investitionen von 10 Millionen Euro für die Gebhardt-Gruppe an; allein am Standort Werl sollen es vier Millionen Euro sein. Zudem plant Gebhardt-Stahl ein neues Zentrallager für die Luftkanal-Sparte in Werl.

Löschwasser-Pfützen: Auswirkungen sind immens

Der Brandgeruch vom Montag liegt noch in der Luft des 9000 Quadratmeter großen Komplexes, den Gebhardt-Stahl am Maifeld nutzt. Die Flammen aus dem unmittelbaren Nachbarbetrieb der „F&D-Metallveredlung“ haben zwar bei Gebhardt-Stahl kaum Schaden angerichtet.

Aber vor allem im Bereich der gelagerten Ware kam Löschwasser durch – und auch Rußabschlag gibt es auf den verzinkten Stahl-Produkten. All das muss nun beprobt und von einer Fachfirma gereinigt werden, ehe die Firma den Betrieb am Maifeld wieder aufnehmen kann. „Wir können von Glück sagen, dass nicht mehr passiert ist“, sagt Kruchen. Aber auch so sind die Auswirkungen immens.

Nicht ganz ohne Brandschaden: Am oberen Rand der Betonwand und der Decke sind Rußspuren zu sehen.
Nicht ganz ohne Brandschaden: Am oberen Rand der Betonwand und der Decke sind Rußspuren zu sehen. © Bus, Gerald

Statiker muss klären, ob Krananlage weiter genutzt werden kann

Der Chef hofft, dass die noch ausstehende Prüfung der an die Galvanik angrenzenden Hallenwand, vor allem der Stahlbetonträger dort, positiv ausfällt. Hinter jener Wand wütete das Feuer, im Deckenbereich der Gebhardt-Stahl-Halle sieht man ein paar schwarzrußige Folgen.

Der Statiker muss klären, ob auch in diesem Bereich der Stahlbeton noch tragfähig ist und die Krananlagen weiter genutzt werden können. Pfützen im abgesperrten Lagerbereich zeugen vom Löschwasser, das in die angrenzende, aber ansonsten augenscheinlich kaum betroffene Halle lief.

Drei Standbeine in Werl und zwei neue Firmen im Ausland

Gebhardt-Stahl hat drei Standbeine in Werl:

. die Produktion von Verbindungs- und Montageelementen im Bereich Luftkanal-Profile

. Verstärkungsprofile für Fenster und Türen

. Spezialprofile für die Solarindustrie sowie Sonderprofile für die Industrie

Auch im Ausland sieht die Firma Chancen weiteren Wachstums. Das Werk in Polen ist mit rund acht Millionen Euro ausgebaut worden. Vor allem aber hat Gebhardt-Stahl 2022 auch in den Kauf von zwei Unternehmen investiert: „De Waal“ in Deurne (Niederlande) und Doby Verrolec in Großbritannien, beide im Bereich Luftkanal tätig. Was das gekostet hat, dazu sagt Kruchen nichts; es handelt sich aber um einen zweistelligen Millionenbetrag, der auch mit Hilfe des Verkaufserlöses der Gewerbehallen an der Runtestraße an die Catella Real Estate AG im Vorjahr getätigt worden ist. Entscheidend sei allerdings, dass durch die neuen Firmen deutlich mehr erwirtschaftet werde, als nun an Miete für die Gebhardt-Hallen in Werl aufzubringen sei. Und noch wichtiger, so betont der CEO: Alle Investitionen, auch die für dieses Jahr erfolgen aus dem „Cashflow“, sprich der Liquidität der Firma und ohne Aufnahme von Schulden. „Wir finanzieren alles auch in diesem Jahr aus unserem Eigenkapital“, sagt Kruchen.

Millionenschaden nach Großbrand: „Zeit wird ein wichtiger Faktor sein“

Sonderprofile produziert Gebhardt-Stahl in diesem Werk in der alten Kettler-Halle. Drei Maschinen stehen dort, auch eine ganz neue, die gerade erst aufgebaut wurde und noch eingefahren werden muss. Aber an Arbeiten ist zunächst nicht zu denken an diesem Standort. Erst muss eine Sanierung und Säuberung erfolgen.

An diesem Freitag wird ein Fachlabor Proben vom Rußabschlag nehmen. „Danach wissen wir, was wir machen müssen“, sagt Kruchen. Ein leichter Ruß-Film ist bis in die hintersten Ecken an die Maschinen gelangt. Schlugen auch die Flammen nicht durch, so drang doch Rauch ein. Bald soll feststehen, was aus Arbeitsschutzgründen und was aus Qualitätsgründen der Produkte alles unternommen werden muss bis zum Neustart im Komplex Maifeld.

Erst später wird auch feststehen, wie hoch der Schaden für Gebhardt-Stahl durch das Feuer in der Nachbarhalle tatsächlich ist. „Dafür ist es jetzt noch zu früh“, sagt CEO Kruchen. „Zeit wird ein wichtiger Faktor sein.“

Monatelange Zwangspause: Dreischichtbetrieb ab sofort

Denn das Werk 3 von Gebhardt-Stahl trägt rund 20 Prozent der Kapazität der Firma in Werl, die ihren Stammsitz an der Runtestraße hat. Bei einem Produktionsausfall bis April oder Mai – je nachdem, wie schnell die Schadstoffsanierer vorankommen – kann man grob errechnen, was dem Unternehmen allein an Ausfall-Schaden entsteht. Der wirtschaftliche Schaden sei allerdings gut versichert, sagt der Geschäftsführer. „Das werden wir ersetzt bekommen.“

Zudem hat Gebhardt-Stahl in den beiden Werken an der Runtestraße den Betrieb von zwei auf drei Schichten hochgefahren, um sie mehr auszulasten und die Produktion zu erhöhen. So oder so: Gebhardt-Stahl ist durch das Feuer getroffen, der Schaden wird am Ende „erheblichen Umfang haben“ und im Millionenbereich liegen.

Auf den ersten Blick keine Schäden: die 9 000 Quadratmeter große Halle von Gebhardt-Stahl.
Auf den ersten Blick keine Schäden: die 9 000 Quadratmeter große Halle von Gebhardt-Stahl. © Bus, Gerald

Arbeitsplätze sichern: Standort optimieren

Es sei schon ein „großer Schreck“ gewesen, sagt Kruchen, als er auf dem USA-Flug erst über eine Mail, dann über die Anzeiger-Homepage von dem Großbrand erfuhr. „Da war ich sofort alarmiert und wollte wissen, was passiert.“ Dem Internet-Zugang im Flieger sei Dank, dass er alles verfolgen konnte, um dann kurz nach der Landung noch im Flugzeug Gespräche mit dem Management zu führen und die Reise sofort abzubrechen.

„Ich wollte schnell wieder zurück sein, um die notwendigen Maßnahmen zu leiten.“ Die Arbeitsplätze sichern, den Schaden wie auch immer minimieren und die Kunden mit ihren berechtigten Bedürfnissen zu befriedigen – es gab einiges zu tun seit Montag. Ein Einsatz, der sich lohne für dieses „tolle Unternehmen und die tolle Belegschaft“, für die er seit rund 18 Monaten Geschäftsführer ist. „Es ist bedauerlich, was dem Galvanik-Unternehmen passiert ist, aber auch wir sind Leidtragende“.

Aber man wolle das Malheur nun auch als Chance nutzen, um den Standort zu optimieren und für die Zukunft zu stärken. „Denn wir wollen Erfolg haben mit dem, was wir tun“ – was natürlich immer gelte.

20 Jobs sind frei

Die Gebhardt-Gruppe hatte laut Henrik Kruchen zuletzt einen Umsatz von rund 300 Millionen Euro im Jahr, mit 60 Prozent hat der Stammsitz Werl den größten Umfang. „Unsere Produkte sind Gott sei Dank sehr gefragt“, sagt der Chef mit Blick auf deutschlandweites Bangen um die Wirtschaftsleistung in Krisenzeiten. Gebhardt-Stahl zähle in Europa zu den Marktführern – und hat doch ein Problem ganz anderer Art: „Unser Engpassfaktor sind die Mitarbeiter.“ Denn an denen fehlt es massiv. 20 weitere Mitarbeiter könnte die Firma „locker“ noch einstellen – aber woher nehmen? Facharbeiter sind dringend gesucht. Denn wenn es an Beschäftigten fehlt, wird weitere Expansion schwer. Der CEO fasst es so zusammen: „Das Wachstum unserer Firma wird durch die Arbeitskräfte begrenzt.“

Die 15 Mitarbeiter, die eigentlich in der Brandhalle beschäftigt sind, arbeiten übergangsweise in den beiden Werken an der Runtestraße. Dort gebe es Arbeit genug. Auch für die zwei Mitarbeiter des stärker vom Brand betroffenen Bürobereichs sind Arbeitsplätze an der Runtestraße eingerichtet worden.

Neues Zentrallager: Auftragseingang ist stabil

Dabei schaut die Firma auf gute Jahre zurück. Innerhalb von drei Jahren sei die Gruppe um gut 50 Prozent gewachsen. Allein in Werl gab es innerhalb dieses Zeitraums 78 Mitarbeiter mehr, mittlerweile sind 225 vor Ort. Natürlich betreffen Inflation und Probleme in der Bauwirtschaft auch das Werler Unternehmen.

Zudem hänge vieles an den Stahlpreisen, die Einfluss auf den Umsatz haben. „Aber wir haben einen stabilen Auftragseingang und erwarten für dieses Jahr eine stabile Geschäftsentwicklung“, sagt Kruchen. Sie soll sich in der Größenordnung des Vorjahrs bewegen.

Zu den Vorhaben zählt auch der Bau oder die Anmietung eines neuen Zentrallagers für den Luftkanal-Bereich. „Denn wir platzen aus allen Nähten“, sagt Kruchen. Es gebe Gespräche, es gebe Optionen – aber fix ist noch nichts. In diesem Jahr soll das Vorhaben in Angriff genommen werden, die Umsetzung bis 2024 erfolgt sein.

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