„Wir müssen den Unmut der Menschen ausbaden“

Problem für die Feuerwehr: Bürger ignorieren Absperrungen

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Werl - Sie sind bei der Wehr. Und doch manchmal wehrlos. Wenn sie auf die Ignoranz von Bürgern stoßen, die es besser wissen oder aber die Vorgaben missachten. Nicht nur gegen Feuer und Wasser kämpf die Werler Feuerwehr. Sondern immer wieder auch gegen Verständnislosigkeit und die Unvernunft der Mitmenschen, die sich über alles hinwegsetzen. Der Anzeiger sprach mit Sven Kleindopp, Pressesprecher der Werler Feuerwehr, über das Problem.

Bei Sturmtief Friederike ist es wieder passiert: Die Feuerwehr hatte überall in der Stadt Bereiche abgesperrt, teils mit Flatterband. Dann kommt eine ältere Frau mit Kleinkind, hebt das Band hoch – und marschiert direkt in den Gefahrenbereich.

Oder die stadtbekannte Werlerin, die mit den Kräften der Wehr nicht zu diskutieren aufhören wollte, warum die Straße an den Ursulinenschulen zur Baumfällung gerade jetzt gesperrt werde, wo sie doch mit ihrem Auto durchmüsse – und warum die Hilfskräfte nicht wenigstens eine Umleitung ausgeschildert hätten. „Dabei dürfen wir gar keine Verkehrsschilder aufstellen, sondern nur Gefahrenbereiche sperren“, sagt Kleindopp. Doch das war der erzürnten Werlerin egal – zum Leidwesen der Hilfskräfte. „Sie hatte kein Verständnis.“

„Nicht aus Jux und Dollerei“

Es sind Szenen wie diese, die den Alltag der Hilfskräfte erschweren – und zusätzliche Kräfte rauben. „Wir müssen den Unmut der Menschen ausbaden“, sagt Kleindopp. „Und das ist ein undankbarer Job bei der Feuerwehr.“ Immer wieder stelle man fest, dass Menschen sich hinwegsetzen über Vorgaben, die die Feuerwehr macht, vor allem bei Sperrungen. „Dabei machen wir das ja nicht aus Jux und Dollerei oder um die Menschen zu ärgern.“ Jeder Bürger könne sicher sein, dass die Wehr niemals ohne Grund eine Sperrung vornehme.

Damit greife man natürlich immer in den Privatbereich und das Grundrecht ein. „Aber wir wollen die Menschen schützen, damit sie sich nicht verletzen oder Gefahren aussetzen.“ So wenig wie möglich, aber so lange wie nötig – das ist das Credo. Aber als jüngst der Hansering wegen einer Ölspur über Stunden gesperrt wurde, habe es dermaßen viele Diskussionen gegeben – „da war ich am Ende so fertig wie sonst nach einer ganzen Woche Arbeit“, sagt der Wehr-Sprecher. Immer wieder habe man begründen müssen, warum die Straße gesperrt sei. Und ob man nicht doch mal eben schnell durchkönne? „Da waren wir mehr Auskunftsbüro als sonst was“, sagt Kleindopp.

"Ich muss hier aber durch"

Bei allem Verständnis für den Mensch als Gewohnheitstier, der sich ungern alternative Wege sucht: Das sei anstrengend. Man helfe gerne, biete Alternativen – aber dafür fehle der Wehr schlicht die Zeit und das Personal am Einsatzort. „Wir können ja nicht überall Sicherungsposten aufstellen.“ Hinzu kommt, dass Sperrungen der Wehr nicht nur eine Bitte sind, den Bereich zu meiden. „Sie sind verkehrsrechtlich bindend.“ Eine Durchfahrt trotz Sperrung ist ein Verstoß gegen die Verkehrsordnung und kann mit einem Bußgeld geahndet werden. Nur zu gut erinnert sich Kleindopp an den Autofahrer am Hansering, der sich alles angehört habe – und dann mit der Bemerkung „Ich muss hier aber durch“ einfach mitten durch die Pylonen fuhr.

Szenen, bei denen die Wehr nur den Kopf schütteln kann. „Denn diese Menschen gefährden ja nicht nur sich selbst, sondern auch die Einsatzkräfte, die mit Verkehr nicht rechnen.“ Immerhin: Beschimpfungen oder Pöbeleien sähen sich die Rettungskräfte nicht ausgesetzt, anderswo als in anderen Stellen im Land, wo es vermehrt sogar zu Handgreiflichkeiten gegenüber Rettungskräften kommt. In Werl würden sich die meisten Menschen kultiviert verhalten, wüssten die Arbeit der Wehr zu schätzen, seien höflich. „Zum Glück.“

Zwischen Unvernunft und Leichtsinn

Aber oft sei es „pure Unvernunft“ und Leichtsinnigkeit, die die Helfer ratlos machen. Menschen, die sorglos durch den Wald spazieren, obwohl der wegen Lebensgefahr gesperrt ist. Menschen, die die Flatterbänder der Wehr entfernen, damit sie ungestört Bereiche passieren können. Menschen die Sperrzäune an der abgebrannten Zweifachhalle übersteigen, um Andenken aus der einsturzgefährdeten Ruine zu erlangen – all das sei trauriger Alltag. „Natürlich ärgert uns das“, sagt Kleindopp.

Dennoch sei man immer bemüht um Freundlichkeit, Erklären, Werben um Verständnis. „Nach außen bewahren wir immer Ruhe.“ Aber innen brodelt es bei mancher Ignoranz. Klar: Einigen Menschen sei nicht zu helfen. Oft bringe es aber doch etwas, zu erklären, warum die Wehr was macht. Auch wenn Menschen kritisieren, warum nicht sie, aber die Feuerwehrleute Gefahrenbereiche betreten dürfen: „Weil wir Schutzkleidung haben und Helme und im Umgang mit Gefahren geschult sind“, erläutert Kleindopp.

Den Menschen den Spiegel vorhalten

Manchmal sei es auch sinnvoll, Menschen den Spiegel vorzuhalten. So wie jüngst bei einem Einsatz der Drehleiter zur Menschenrettung einer Frau aus einem Haus in der Innenstadt. Die Rettung über das Fenster war gut sichtbar. Ein Mann filmte ungeniert mit seinem I-Pad. Da bat Kleindopp ihn, sich in die Frau hineinzuversetzen. Wie er sich fühlen würde, wenn er auf der Trage liegt und Gaffer draufhalten. Das wirkte. „Er hat es gelassen.“ Aber die Sensationslust, die Gier am Unglück Anderer, sie ist längst tief in der Gesellschaft verankert. Und die Möglichkeit alles live festzuhalten und sofort ins Internet zu setzen, ein Fluch für die Retter.

Während sie sich daran gewöhnen müssen, im Einsatz gefilmt zu werden („Wir erdulden das“), ist es für Opfer von Unfällen oder Bränden oder deren Angehörige oft ein Horror. Mittlerweile werde aus jedem 3. oder 4. Wagen von Beifahrern ein Foto gemacht oder gefilmt, wenn es auf der Autobahn einen Unfall gab. Zunächst einmal sei das ja nicht verboten. Aber dass Fotos von Opfern die Menschenwürde und den Schutz der Privatsphäre verletzen und damit nicht rechtens sind, interessiert die Gaffer nicht.

Immerhin, so der Feuerwehrsprecher, achte die Polizei verstärkt darauf und fotografiert ihrerseits die Gaffer. Wer mit Handy am Steuer erwischt wird, muss zahlen. Dann muss Strafe sein. Dabei setzt die Wehr lieber auf den gesunden Menschenverstand. Daran zu appellieren, damit werde man nicht aufhören, sagt Kleindopp. „Ignoranten hat man immer.“ Aber auch das ist Auftrag der Wehr: Jedem helfen...

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