Werler freigesprochen

Missbrauch-Vorwurf nicht mehr haltbar

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Werl/Arnsberg - Die Zuhörer im 2. Saal des Landgerichts Arnsberg waren ganz still, nachdem die Anklage gegen einen 28-jährigen Mann, der seit einigen Jahren in Werl wohnt, verlesen wurde.

Der Mann sollte die 13-jährige Tochter seiner damaligen Freundin an zwei Tagen insgesamt drei Mal zum ungeschützten körperlichen Kontakt gezwungen haben. Dies sei in der Wohnung der Lebensgefährtin geschehen, während diese hochschwanger in einer Klinik gelegen habe. Die beiden kleineren Kinder der jungen Mutter soll der Angeklagte nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft aus dem Raum geschickt haben, beziehungsweise – so der Vorwurf der Anklage – er sollte der Tochter zu nahe getreten sein, als er allein mit ihr gewesen sei.

Die als Zeugin vernommene Polizeibeamtin der Polizeidienstelle Soest, die am Morgen des Verhandlungstages als Zeugin vernommen wurde, hat keinen Zweifel daran gelassen, dass sie die Aussagen der 13-Jährigen, die erst seit Mai in Deutschland lebt, für erlebnisfundiert und glaubhaft halte. Die 40-jährige wörtlich: „Selten habe ich eine so glaubhafte Aussage vernommen und protokolliert“. Bereits seit mehreren Jahren ist die Beamtin ausschließlich für Sexualstrafdelikte zuständig.

Frühere Aussagen relativiert

Nach der Zeugenaussage der 31-jährigen Mutter der Geschädigten, die zwei Tage nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus – und dem zu verkraftenden Tod ihres zu früh geborenen Kindes – gemeinsam mit der Tochter und dem ehemaligen Lebensgefährten die Polizeidienststelle aufsuchte, kam dann auch die 13-Jährige selbst zu Wort. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und bei Abwesenheit des Beklagten, relativierte sie ihre frühere Aussage jedoch erheblich.

„Hierfür könnte es drei Gründe geben“, so die Staatsanwältin nach der Zeugenaussage. Entweder, ihre damaligen Ausführungen sind unwahr, sie wurden falsch protokolliert, oder aber das junge Mädchen ist tatsächlich sehr traumatisiert durch die Geschehnisse von Mitte Januar. Da musste das junge Mädchen einen weiteren Vorfall verkraften: Die Schülerin war auf dem Weg zur Schule von einem etwa 17-Jährigen unter Benutzung eines Messers aufgefordert worden, sich zu entkleiden. Das Mädchen konnte jedoch unter Zurücklassung seines Fahrrades fliehen.

13-Jährige schildert heute anders

„All dies könnte Spuren bei der Zeugin hinterlassen haben“, so die Psychologin, die nach einer weiteren unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Befragung des Mädchens das Wort erhielt. Traumatisiert worden sein könnte die 13-Jährige auch durch ihre früheren Lebensumstände – insbesondere durch eine an ihr durchgeführten Beschneidung, die ohne Wissen der Mutter im Alter von drei Jahren veranlasst worden war. Auch das möchte die Psychologin nicht ausschließen.

Vor Gericht hatte die im islamischen Glauben sehr streng erzogene 13-Jährige ihre bei der Polizei zu Protokoll gegebenen Ausführungen nicht erneut inhaltlich wiedergegeben, sondern vielmehr einen in wesentlichen Handlungssträngen anderen Geschehensablauf geschildert. Den Kernvorwurf des vollendeten erzwungenen Beischlafs in drei Fällen selbst erwähnte sie nicht.

Damit sah die Oberstaatsanwältin keine Erfordernis, an dem Wortlaut der Anklage festzuhalten. Sie beantragte – ebenso wie die Vertreterin der Nebenklage –, den Angeklagten, der sich seit sechs Monaten in Untersuchungshaft befand, freizusprechen. Einem Antrag, dem das Gericht folgte. Der Haftbefehl wurde außer Kraft gesetzt. Der 28-Jährige wird für die Haftzeit entschädigt werden.

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