Zweiter Prozesstag

Werler "Macheten-Prozess": "Soll die Polizei sich das alles ausgedacht haben?"

+

Werl – Der zweite Tag im „Macheten-Prozess“ zeigte schnell eines: Dass das Landgericht noch gut zu tun haben wird beim Versuch, die Vorgänge jener Nacht zum 1. September 2018 aufzuklären.  

Am zweiten Prozesstag ging es stundenlang darum, aufzudröseln, was die Zeugen tatsächlich mit eigenen Augen gesehen hatten und was sie vielleicht doch nur von wem gehört hatten.

Während der Hauptbeschuldigte, der bei einer Schlägerei in jener Nacht einem anderen eine Machete an den Hals gesetzt und ihn damit verletzt haben soll, sich nur noch verschwommen ausgerechnet an die unwesentlichen Teile der Nacht erinnerte, hatte sein mutmaßlicher Mittäter sie deutlich besser im Gedächtnis – jedoch gänzlich anders, als er sie bei früheren Vernehmungen zu Protokoll gegeben hatte. 

„Soll die Polizei sich das etwa alles ausgedacht haben? Erzählen Sie doch nicht so einen Unfug“, so der Richter. „Ich weiß doch, wie die bei der Polizei ticken. Die sehen ein paar stadtbekannte Leute und sagen, die waren’s“, sah er sich als Opfer willkürlicher Polizeigewalt. 

Hochzeitsnacht im Arrest verbracht 

Besonders pikant: Der Mann hatte an jenem Tag geheiratet, verbrachte die Hochzeitsnacht jedoch nicht an der Seite seiner Frischvermählten, sondern im Arrest. Nach der Trauung war erst eine Weile daheim gefeiert worden, später wurde die Hochzeit zusammen mit den Geburtstagen seiner Eltern in einem Werler Vereinsheim weitergefeiert. 

Seit 10 Uhr morgens hatten alle ordentlich getankt. Die schwangere Braut war bereits frühzeitig heimgefahren, und als der derzeit in Untersuchungshaft sitzende Hauptangeklagte, zugleich Trauzeuge seines besten Freundes und für ihn „wie ein Bruder“, vom tatsächlichen Bruder des Bräutigams in einen Streit verwickelt und ins Gesicht geschlagen worden war, habe er heimfahren wollen. Der Bräutigam und ein weiterer Gast schlossen sich an.

Mit der Machete bedroht: Zwei Werler angeklagt

Unterwegs hielt man an der Tankstelle vor Büderich, um Zigaretten und Cola kaufen. Offenbar machte auch ein Joint die Runde. Dann kam man auf die Idee, bei diversen Bekannten anzuklingeln, laut Verdacht der Richter in der Hoffnung, dort noch mehr Gras zu erhalten, und sammelte dabei den vierten Fahrzeug-Insassen ein. Dass die Machete im Kofferraum ihm oder vielmehr seinem Vater gehöre, räumte der Trauzeuge ein, er habe kurz zuvor damit im Wald Holz gehackt, um daraus Spielzeug zu schnitzen.

"Ich hatte die Polizisten gebeten, dass sie es mir vorlesen"

Laut Aussage des Bräutigams habe auf Höhe des Rathauses jemand einen Stein gegen das Auto seines besten Freundes geworfen – von einem Stein war in der polizeilichen Vernehmung keine Rede gewesen. 

Damals wurden auch Aussagen zu Protokoll genommen, in denen er seinen besten Freund belastete. Dabei habe er das Protokoll doch unterschrieben? „Ich habe eine starke Leseschwäche, ich hatte die Polizisten gebeten, dass sie es mir vorlesen, aber das taten sie nicht“, behauptete er.

Die Kontrahenten machten es dem Gericht nicht einfacher. Die beiden jungen Azubis kamen ebenfalls von einer Feier, hielten auf der Ecke Hedwig-Dransfeld- und Engelhardstraße an, um sich Zigaretten zu drehen. Der eine, der als Nebenkläger auftrat, gab an, auf einmal mehrere Leute vor sich gesehen zu haben, die direkt auf ihn eindroschen. 

Er ging sofort zu Boden und kam erst wieder zu sich, als die Polizei eintraf. Sein Kumpel hatte ihn schnell im Stich gelassen und sich hinter ein Haus geflüchtet, harrte dort mehrere Minuten aus, jedoch ohne die Polizei zu rufen. Er habe das Auto noch um die Ecke biegen und die Insassen aussteigen und auf sich zukommen sehen. Auslöser der Schlägerei soll ein klassisches „Was guckst Du?“ der Angeklagten gewesen sein. 

Widersprüchliche Aussagen 

Allerdings verwickelte sich der 19-Jährige in der Vernehmung in Widersprüche zu seinen Aussagen vor der Polizei. So gingen die Verfahrensbeteiligten mit zwei offenen Fragen in die Mittagspause: Ob nicht auch er einiges zu verschweigen hatte und ob er nicht doch tatsächlich etwas nach dem Auto geworfen hatte, geflüchtet war und statt seiner sein Kumpel die Prügel abbekommen hatte. 

Auch die dritte Partei trug nicht viel zur Erhellung bei: fünf junge Leute, die vom Stadtschützenfest kamen und helfend eingreifen wollten. Einer machte Fotos vom Autokennzeichen der Täter, worauf diese versuchten, ihnen die Handys abzunehmen, was in die Anklage wegen Diebstahls mündete.

Gebrochener Fuß und Verlust eines Zahns

Zwei von ihnen büßten besonders übel für so viel Zivilcourage: Auf einen jungen Mann sollen alle vier Insassen des Wagens eingetreten haben, mit entsprechenden Prellungen, einem gebrochenen Fuß und dem Verlust eines Zahns als Folgen. Noch heute habe er Probleme, im Dunkeln allein vor die Tür zu gehen. Damals ohne Krankenversicherung, sitzt der Arbeitslose derzeit auf Krankenhausrechnungen von mehr als 4000 Euro fest. 

Schützend warf sich einer seiner Freunde über ihn, kassierte weitere Schläge und Tritte, wurde schließlich mit der Machete bedroht, trug mehrere Schnitte und dauerhaft eine zwölf Zentimeter lange Narbe im Nacken davon. Das Problem: Der Angreifer stand stets hinter ihm. Er sah ihn zu keinem Zeitpunkt.

Mittäter bekannt - doch der Täter.. 

Was zur geradezu absurden Krux des Falls führt: Während der Mittäter, der Bräutigam, derart stadtbekannt ist, dass alle Beteiligten ihn zumindest mit seinem Spitznamen kannten und zweifelsfrei identifizieren konnten, war niemand in der Lage, den Hauptangeklagten wirklich als Tatbeteiligten festzumachen. Sein Verteidiger beantragte daher, die Untersuchungshaft aufzuheben. Dies muss jedoch von einem anderen Gremium am Landgericht geprüft werden. 

Am 20. März sollen die anderen beiden, gesondert verfolgten Mittäter sowie die beteiligten Polizisten befragt werden. Die Urteile sollen am 22. März fallen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare