1. Soester Anzeiger
  2. Lokales
  3. Werl

Hier gibt es Eier, Fleisch und Gemüse rund um die Uhr

Erstellt:

Von: Klaus Bunte

Kommentare

„Philipps Freilanddeele“ hat einen Automaten in Büderich an der B1 aufgestellt sowie hier im Bild in Hilbeck an der B63 – im Stop & Go des dort üblichen Berufsverkehrs kann man hier im Prinzip auf offener Strecke aussteigen und einkaufen.
„Philipps Freilanddeele“ hat einen Automaten in Büderich an der B1 aufgestellt sowie hier im Bild in Hilbeck an der B63 – im Stop & Go des dort üblichen Berufsverkehrs kann man hier im Prinzip auf offener Strecke aussteigen und einkaufen. © Bunte, Klaus

Die Snackautomaten an den Bahnhöfen kannte man ja schon lange. Münze rein, Gummibärchen fallen runter in die Schublade, ebenso die Cola, die sich die kommenden drei Stunden nicht unfallfrei öffnen lässt. Nicht so beim Eierautomaten – nicht auszudenken, was passieren könnte. Produkt ausgewählt, Münzen rein, mit einem sanften Surren fährt die Schublade zum entsprechenden Fach hinauf, der Eierkarton wird nicht minder sanft nach vorne geschoben, und die Schublade gleitet wieder hinab zum Ausgabeschacht.

Werl - Seit einigen Jahren sieht man sie ab und an am Straßenrand stehen: Lebensmittelautomaten. Gerade im ländlichen Bereich, sehr präsent zum Beispiel in Büderich an der alten B1 und am nördlichen Ortsrand Hilbecks an der B63. Beide Geräte gehören Philipp Löer, Inhaber von „Philipps Freilanddeele“ in Werl.

Vor drei Jahren hat er den ersten Automaten vor seinem Hof aufgestellt, zunächst einen gebrauchten, der sich als sehr störungsanfällig erwiesen habe, dann einen brandneuen. Wer im Netz nach den Geräten schaut, merkt, dass zur Anschaffung ein Sechser im Lotto von Vorteil wäre. 10 000 Euro muss man mindestens in die Hand nehmen – dafür muss ein Huhn lange Eier legen.

Nachts und sonntags besonders gefragt

„Die Automaten haben sich aber zwischenzeitlich fest etabliert, wir haben damit einen festen Kundenstamm aufbauen können – Menschen, die Wert legen auf artgerechte Haltung“, meint Philipp Löer. Die späteren Lieferanten des Fleischs sieht man auf der anderen Straßenseite artgerecht herumlaufen. Im Winter werden sie andernorts einquartiert, und wenn es so weit ist, kommen sie in die Schlachtung. Zu wissen, dass den Tieren auf der anderen Straßenseite kein langes Leben beschieden ist, sei für die Kunden jedoch nicht abschreckend: „Sie wissen, dass sie bis dahin ein gutes Leben hatten – anders als Tiere aus der Massenhaltung.“

Erst nachdem er die Automaten aufgestellt hatte, richtete Löer zusätzlich einen Hofladen ein, der jedoch nur an den Wochenenden öffnet: „Wir wollten auch den Kontakt zum Kunden“, sieht er das einzige Problem des Einkaufs am Automaten in seiner Anonymität. „Drei Viertel unseres Angebots findet man auch im Automaten. Ein Suppenhuhn hingegen passt da natürlich nicht hinein.“

So sei er auch mit Kunden in Kontakt gekommen, weiß warum sie die Automaten schätzen: „Man kommt auf den Bundesstraßen daran vorbei, kann leicht eben einige Lebensmittel kaufen.“ Manche tun dies mitten in der Nacht, zum Beispiel Menschen, die im Schichtdienst arbeiten: „Man wundert sich schon, um welche Uhrzeit Eier gekauft werden.“ Außer beim Schützenfest, da wundert man sich nicht, wenn die Kameraden nach durchzechter Feier noch dem Brauch des Eierbratens huldigen wollen. Und sonntags werde der Automat gut frequentiert, „das ist wirklich ein sehr verkaufsstarker Tag.“

Nicht zu vergessen: Die Geräte stehen in aller Regel auf dem Land. Auch wenn das Ei dann mal ein paar Cent mehr kostet: Das spart der Büdericher wieder an Zeit und Benzingeld ein, wenn er dazu sonst extra nach Werl fahren müsste.

Markus Kappen aus Mawicke hat in Ostönnen an der alten B1 seinen Regiomaten im Frühjahr direkt gegenüber der Bäckerei aufgestellt. Aufgrund des großen Holzhauses, unter dem das Gerät steht, ist er nicht zu übersehen. Die Hütte übernahm er vom früheren Standort seines Straßenverkaufs, wenige hundert Meter entfernt. „Wir hatten zwölf Jahre lang einen Stand an der B1, an dem wir Spargel und Erdbeeren verkauften. Aber der Eigentümer des Geländes brauchte die Fläche selber“, erzählt Kappen. „Doch wir wollten Ostönnen nicht kampflos aufgeben, wir hatten uns da richtig viel aufgebaut.“ Zum Glück gehöre der Parkplatz gegenüber der Bäckerei einem früheren Schulkollegen, und er kaufte ihm einen kleinen Teil davon ab.

Jede Nacht ein Glas Gurken

Als Wiedererkennungswert stellte er die Hütte von einst wieder auf, fest fundamentiert, nachdem der Kampfmittelräumdienst zunächst glaubte, im Boden fündig geworden zu sein – statt einer Kalorienbombe stieß er in 90 Zentimeter Tiefe dann doch nur auf zwei rostige Eisenstangen. Baute Kappen die Hütte zuvor nach Ende der Saison ab, bleibt sie hier stehen, ist dafür aber derzeit geschlossen – die Automaten dagegen laufen auf Hochtouren: „Als vorletzten Sonntag die Sonne schien, da war richtig viel los, da mussten wir mehrmals Grillfleisch nachlegen. Aktuell verkaufen wir viel nachts, wenn die Geschäfte geschlossen sind. Da kaufen die Leute um 3 Uhr morgens Eier, Kartoffelsalat und Aioli. Als der Automat neu war, kaufte jemand jede zweite Nacht ein Glas Gurken – vielleicht war’s ja eine schwangere Frau.“ Im Dezember will er mit Adventlichem auch die Hütte wieder öffnen, es soll unter anderem Tannenbäume geben.

Völlig aus der Reihe fällt dagegen ein Automat, der mitten in Büderich an der Straße „Am Feldrain“ steht – wobei der Begriff Automat bereits verfehlt ist. Denn es ist eigentlich nur ein großer Getränkekühlschrank in einem dazu passend gezimmerten Holzhäuschen, und er bietet ausschließlich Salat und Gemüse hinter der Tür – die man öffnen kann, ohne Geld einzuwerfen. Das kommt nach dem Vertrauensprinzip in eine Spardose, und da die nicht wechseln kann, sind es relativ runde Preise in 50-Cent-Stückelung.

Bezahlung auf Vertrauensbasis

Der Büdericher Gemüsebauer Christian Stute hat den Auto-, pardon, Kühlomat vorm Haus der Schwiegereltern aufgestellt, da der Feldrain eine Durchfahrtschneise vieler Eltern sei, die ihre Kinder zur Schule bringen, und er vertraut seiner Kundschaft geradezu blind: „Manchmal ist weniger Geld in der Büchse, als an Waren entnommen wurde, am nächsten Tag ist es dafür etwas mehr“. So hat er gemerkt, dass die Büdericher auch nicht vergessen, nachträglich ihren Deckel zu begleichen. Dass gar ein Zechpreller den Kühlschrank leerräumt, sei ihm noch nicht passiert, dazu ist die sogenannte soziale Kontrolle in einem Wohngebiet zu groß. Immer könnte gerade ein Nachbar hinter einem Fenster stehen und bemerken, dass da jemand reihenweise die Salatköpfe einsackt, ohne die Zeche zu bezahlen.

Christian Stutes „Gemüsekiste“ steht in Büderich in der Straße Am Feldrain, wo viele Eltern vorbeikommen, die ihre Kinder zur Schule bringen.
Christian Stutes „Gemüsekiste“ steht in Büderich in der Straße Am Feldrain, wo viele Eltern vorbeikommen, die ihre Kinder zur Schule bringen. © Bunte, Klaus

„Ein richtiger Lebensmittelautomat war uns einfach zu teuer“, begründet Stute die technische Ausstattung. „Um das zu finanzieren, müssten wir ganz andere Umsätze generieren. Dann müssten wir ihn auch im Winter bestücken mit Waren anderer Betriebe. Stattdessen werden wir ihn aber im Winter wegräumen. Denn wir verkaufen nur das, was wir selber produziert haben, direkt vom Feld in den Schrank und gekühlt, da hält sich das Gemüse, während es im Supermarkt eingeschweißt werden muss, um nicht ganz schnell zu welken“, sieht er auch einen nachhaltigen Effekt. „Eines Tages habe ich ein unbewachtes Blumenfeld gesehen, bei dem man selber pflückt und das Geld auch nur in eine Dose wirft. Da habe ich mir gesagt, das müsste doch auch mit Gemüse funktionieren.“

Die Rechnung geht bislang auf, „und wenn sie das nicht täte – tja, dann hätten wir eben einen großen Getränkekühlschrank im Betrieb“, meint Christian Stute. „Aber die Menschen nutzen den Kühlschrank, und sie sind wirklich dermaßen ehrlich, das hätte ich nicht gedacht.“

Auch interessant

Kommentare