Zwei Frauen für den Tierschutz

Küken-Qual und Kloake: Der Problemfall Werler Kurpark

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Zurück in der Heimat: Julie Wieling lässt zwei Enten am Kurpark-Teich frei. Die beiden hatten gesundheitliche Probleme, dürfen jetzt aber wieder zu ihren Gefährten.

Werl - Julie Wieling und Elke Hirschfeld machen sich Sorgen – Sorgen um den Kurpark und die dort lebenden Tiere. Denn immer öfter erleben die beiden Werlerinnen die Gewalt von Menschen gegenüber Enten und Schwänen. Der Kurpark hat seine Unschuld längst verloren.

Julie Wieling lässt zwei Laufenten am Teich frei, die die 26-Jährige erst am Dienstag mitgenommen hatte. Die Tiere waren ihr wegen roten Augen aufgefallen – am Ende war es eine leichte Bindehautentzündung: „Das kommt schon mal vor“, so Wieling. Die Enten sind happy, wieder zurück zu sein. „Schau Elias, das ist schön. Sie sind wieder gesund“, sagt die junge Mutter zu ihrem dreijährigen Sohn. 

Nicht jedes Tier bekommt von Julie Wieling und ihrer Freundin Elke Hirschfeld einen Namen, das wären viel zu viele. Doch manche haben einen – wie zum Beispiel die beiden Schwäne Cleo und Claire, die bis vor einigen Tagen noch im Kurpark lebten. Am Freitag vergangener Woche fand Wieling Cleo verletzt vor, mit einer tiefen und blutenden Wunde. Am darauffolgenden Morgen starb der junge Schwan trotz Operation. „Ich habe sofort gesehen, dass da etwas nicht stimmte“, ahnte Wieling. 

Vereint für die Tiere: Elke Hirschfeld (links) und Julie Wieling kümmern sich seit Jahren um die Enten und Schwäne im Werler Kurpark – alles auf freiwilliger Basis.

Die Werlerin gibt zu, dass solche Fälle einem natürlich nahgehen: „Ich habe eine Nacht nicht geschlafen, wollte am liebsten rund um die Uhr dableiben.“ Sie habe sich Sorgen um Cleo und Claire gemacht. „Erst nachher konnte ich das realisieren. Ich war völlig fertig mit den Nerven.“ Der kleine Elias bekomme das Ganze zum Glück noch nicht vollständig mit, habe aber durchaus verstanden: „Quak hat Aua.“ 

Wieling ist angehende Erzieherin, aktuell in Elternzeit. Im Werler Kurpark ist sie seit 2015 aktiv. „Ich hatte schon immer ein Herz für Tiere“, erklärt die 26-Jährige, die zuhause auch zwei vom Tierschutz adoptierte Katzen hat. Für die gebürtige Werlerin ist es eine Qual mit ansehen zu müssen, was den Tieren alles widerfährt. „Das ist auch mein Park, meine Heimat.“ Sie ist mit Schwänen mehrerer Generationen aufgewachsen. Und jetzt sind sie weg. „Ohne die beiden fehlt was. Ich hoffe aber inständig, dass die Stadt keine neuen Schwäne holt.“ 

Keine Idylle mehr im Kurpark 

Dabei haben Elke Hirschfeld und Julie Wieling das Drama schon 2018 prophezeit: „Wir haben gesagt, da wird bald etwas schlimmes passieren, wobei die Schwäne zu den Opfern werden“, sagt Hirschfeld. Für sie ist im Kurpark schon lange keine Idylle mehr: „Es ist so traurig. Ich habe den Glauben an die Menschheit verloren“, sagt sie fassungslos. Auch ihre Mitstreiterin hat immer wieder ein mulmiges Gefühl, wenn sie mit ihrem Kind losgeht und hofft, kein verletztes Tier vorzufinden. 

Wieling und Hirschfeld berichten davon, dass sie immer wieder Menschen sehen, die Enten sowie Schwäne treten, mit einem Fahrrad überfahren und mit Flaschen oder Steinen bewerfen. Die Tiere hätten meist keine Chance auszuweichen. Die Behandlung der Tiere zahlen die Helferinnen übrigens aus eigener Tasche. Auch das Einschläfern im Notfall kostet 20 Euro, die Ärzte machen kulante Preise. Im Falle der Schwan-OP übernehmen Wieling und Hirschfeld die Kosten allerdings nicht. 

Der Schwanen-Tod ist das Ende einer Ära

Das Problem fange bei Eltern an, die ihre Kinder die Enten jagen lassen. „Die Angst der Tiere ist begründet“, sagt Elke Hirschfeld. Die 49-Jährige besucht den Kurpark seit etwa zehn Jahren regelmäßig. Das Schlimmste, was sie bislang beobachtet hat, war ein Mann, der einem Schwan einen Böller auf den Fuß gelegt und dann angezündet habe – vor den Augen seines kleinen Sohnes und am helllichten Tag. 

Wieling erzählt von einem ähnlich erschreckenden Fall: Sie habe mitbekommen, wie ein Enten-Küken auf den Boden geworfen wurde. Die Helferin habe es mitgenommen – doch es verstarb. Ein anderes Küken an diesem Tag hatte ein gebrochenes Bein, konnte nicht mehr laufen und wurde in Warendorf behandelt. Es konnte von Julie Wieling gerettet werden. Das sei im August passiert, für die beiden Tierschützerinnen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Wenig später suchten die Frauen das Gespräch mit der Stadt. Doch das sei wenig erfolgreich verlaufen. Sie brachten folgende Anregungen: 

  • Stärkere Kontrollen
    Das Ordnungsamt soll öfter im Kurpark kontrollieren und es auch bestrafen, wenn Menschen zum Beispiel einfach ihren Müll oder Brot am Teich ablegen
  • Fahrrad-Verbot
    Rad-Fahrer sollen in der Kurve unten am Teich nicht fahren dürfen – zumindest während der Brutsaison, die etwa von März bis Juli dauert. In dieser Zeit bestehe besonders für die Küken erhöhte Unfallgefahr.
  • Schild erneuern:
     Das verdreckte und beschädigte Schild, das eigentlich auf das Fütter-Verbot hinweisen soll, müsse erneuert werden. 
  • Hundeleinen-Pflicht
    Es sollen Schilder aufgestellt werden, die auf das Anleinen von Hunden aufmerksam machen. Bislang gebe es weder Hinweise noch Kontrollen, weshalb viele Tiere nicht angeleint würden und die Enten bedrohten.
  • Hütten-Renovierung
    Die kleinen Holzhütten für die Enten auf der Insel im Teich seien alt und morsch, müssten dringend renoviert werden. Außerdem seien fünf Hütten für die Anzahl an Enten zu wenig. 

Zu weiteren Vorschlägen gehört inzwischen unter anderem eine Wildtierkamera. Die Polizei müsse außerdem präsenter werden, denn im Kurpark werde gekifft und mit Drogen gedealt. Doch die Beamten seien zur falschen Uhrzeit da, meist vormittags statt abends. 

Ein weiteres großes Problem sieht Julie Wieling in dem Zustand des Gewässers: „Der Teich kippt, das Wasser gammelt und stinkt im Sommer.“ Das liege zwar zum Teil an der Dürre im vergangenen Sommer, aber eben auch an der Vermüllung. Der Teich sei „eine reine Kloake“. Hirschfeld und Wieling hätten der Stadt ihre Hilfe angeboten, bräuchten dazu allerdings wenigstens die entsprechende Ausrüstung: „Wenn man mir eine Anglerhose zur Verfügung stellt, würde ich sofort reinsteigen und das Zeug rausholen“, sagt Wieling. Aber ihr seien die Hände gebunden. 

Der zweite Schwan bleibt verschollen

Die Antwort der Verwaltung, vom Umweltbeauftragten Andreas Pradel und Bürgermeister Michael Grossmann, sei ernüchternd gewesen: „Uns wurde nur gesagt, dass man darüber nachdenke“, so die 26-Jährige enttäuscht. Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen und es hat sich nichts getan. 

Sie appelliert nun nochmals an die Mitarbeiter im Rathaus: „Es ist viel passiert zuletzt. Die Stadt muss endlich Verantwortung übernehmen. Es gibt genug Leute, die sich einbringen würden und den KBW unterstützen möchten.“ Wieling erwartet, dass der Teich noch im Frühjahr gesäubert wird. Außerdem wünscht sie sich fürs Erste die Schilder: „Das wäre schön und ein Schritt in die richtige Richtung.“ Im Rathaus war am Freitag kein Ansprechpartner für eine Stellungnahme zu erreichen. 

Schlechter Zustand: Die Schilder sind verdreckt, die Hütten der Enten marode. Die Stadt ist aufgefordert, zu handeln.

Wenn Julie Wieling Leute am Teich trifft, die Enten mit Brot füttern, spricht sie sie sofort an: „Ich weiß, Sie meinen es gut und ich finde das auch toll. Aber das ist nicht gut für die Tiere.“ Oft werde sie deshalb angemeckert. Doch sie macht weiter. Immer wieder aufs Neue – für einen schöneren Kurpark und zum Schutz der Tiere.

Tod von Cleo bleibt ein Rätsel

Die Frage, ob der Schwan Cleo vor einer Woche von Tierquälern getötet wurde, bleibt wohl ungeklärt. Julie Wieling ist sich allerdings sicher: „Wir müssen davon ausgehen, dass das Menschen waren.“ Der Schwan sei ein solch großer und kräftiger Vogel und zudem sei keine Stelle gefunden worden, an der eine Verletzung möglicherweise entstanden sein könnte. Andererseits wurde ebenso keine Waffe gefunden, weshalb die Tat schwer nachzuweisen sei. Dennoch sagt Wieling: „Das kann nur durch Gewalt verursacht worden sein.“ Auch die behandelnde Tierärztin stellte bereits klar: „Dafür war große Wucht notwendig.“ Inzwischen stehe ein Topf von rund 300 Euro Belohnung für denjenigen, der entscheidende Hinweise zum Täter geben kann.

Schwester Claire verschwunden

Neben zahlreichen Reaktionen auf den Tod von Schwan Cleo wird im Netz auch über das Verschwinden der Schwester spekuliert. Claire sei vermutlich weggeflogen, sagt Julie Wieling. „Sie hat nichts mehr hier gehalten, und sie war sowohl jung als auch fit.“ Sie hofft, dass das Tier nicht tot aufgefunden wird – „das wäre unerträglich“. Ein einzelner Schwan sei kürzlich bei Bönen gesichtet worden, inzwischen aber unverletzt weitergezogen. Dass Tierschützer den Schwan in Sicherheit gebracht haben sollen, schließt Wieling aus: „So ein gesunder Schwan lässt sich nicht einfach einfangen. Da braucht es mehrere Leute für. Und das wäre aufgefallen.“ Claire war flugfähig – im Gegensatz zu Schwester Cleo, die nach einem Hundeangriff nicht mehr fliegen konnte.

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