550 Jobs weg

Kettler „nicht lebensfähig“: Das sind die vielen Gründe für den Niedergang

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Nach der Betriebsversammlung gingen viele Beschäftigte wortlos davon. Andere standen noch zusammen und diskutierten – und es gab auch Tränen.

Werl/Ense – Für die Mitarbeiter ist es nun bittere Gewissheit: Kettler stellt die Produktion in Werl und Ense ein, 550 Beschäftigte verlieren ihren Job. Kettler sei „nicht mehr lebensfähig aufgestellt“, das Aus alternativlos.

Das Aus wurde den Mitarbeitern in einer Betriebsversammlung am Montag in der Schützenhalle in Ense-Bremen mitgeteilt.

144 Kettler-Beschäftigte sollen zum „Ausproduzieren“ noch für ein paar Monate zur Arbeit kommen; sie wurden von ihren Anleitern darüber informiert. Die anderen werden ab Mittwoch „widerruflich freigestellt“ und damit von der Arbeitspflicht entbunden. 

An allen drei Standorten soll ausproduziert werden, um bestehende Warenkapazitäten und Kundenaufträge abzuarbeiten. Angefangene Produkte sollen fertig gestellt werden. Das kann sich ein paar Monate hinziehen, auch über den Januar hinaus. Das Ziel: Die Masse bestmöglich zu verwerten und noch etwas Geld erarbeiten. 

Dabei geht es aber auch um die Frage, wie lang und wie gut die Liquidität ist, um den Lohn zu gewährleisten. Sobald die Vereinbarung eines Interessenausgleichs mit dem Betriebsrat steht, werden die Kündigungen für den Rest der über Jahre geschrumpften Belegschaft ausgesprochen. Wenn das wie geplant noch im Oktober gelingt, wird den Mitarbeitern zum 31. Januar 2020 gekündigt.

Martin Lambrecht (Rechtsanwalt) erläuterte den Mitarbeitern und der Presse die Gründe für den Niedergang des Traditionsunternehmens.

Das Insolvenzverfahren soll noch in dieser Woche eröffnet werden. Die Insolvenzordnung lässt eine verkürzte Kündigungsfrist zu, selbst bei jahrzehntelang Beschäftigten. Auch die freigestellten Mitarbeiter haben zwar grundsätzlich einen vollständigen Anspruch auf ihr Gehalt, bis die Kündigung greift. Da Kettler aber kein Geld dafür hat und Masseunzulänglichkeit anzeigen wird, kommt das Gehalt als „Gleichwohlgewährung“ von der Arbeitsagentur, entsprechend dem Arbeitslosengeld 1. 

Der Betriebsrat hielt sich am Montag mit Stellungnahmen zurück. Er wolle nun „lieber bei den Mitarbeitern sein“, als in Mikrofone zu sprechen, sagte zum Beispiel Antonio Solerno. „Da ist mir nicht nach.“ Den Betriebsräten stand die Fassungslosigkeit und die Enttäuschung über den Kettler-Niedergang ins Gesicht geschrieben. Sie müssen nun weitere Gespräche zum Interessenausgleich führen. 

Und während nach der Betriebsversammlung draußen verbitterte Mitarbeiter zu verdauen versuchten, dass sie nun dauerhaft vor den Toren des Traditionsunternehmens bleiben müssen, versuchte drinnen im Kettler-Hauptsitz Martin Lambrecht von der gleichnamigen Düsseldorfer Kanzlei, die Kettler zuletzt beratend zur Seite stand, der versammelten Presse die Misere und die nächsten Schritte zu erläutern.

- „Massiver Investitionsstau“

Letztlich habe das Traditionsunternehmen keine Chance auf einen Fortbestand gehabt, sagt Lambrecht. „Die Lage war noch viel schlechter, als wir es erwartet hatten.“ Man habe eine Firma vorgefunden, „die nicht mehr funktionierte“. Und die nicht profitabel war. Neben Managementfehlern habe es einen „massiven Investitionsstau“ gegeben und einen nicht effizienten Maschinenpark. Hinzu kamen zuletzt Lieferprobleme.

- Geld fehlte vorne und hinten

Obwohl all das in der Branche bekannt gewesen und der neuerliche Versuch einer Rettung als nahezu aussichtslos galt, habe man es dennoch mit Motivation versucht. Man sei mit dem wirklichen Willen in das dritte Insolvenzverfahren gegangen, den Kopf des Unternehmens doch noch mal aus der Schlinge zu ziehen. Vergebens. Der Sanierungsversuch scheiterte krachend – was gewiss nicht an den Mitarbeitern gelegen habe. Aber Kettler sei von der Blütezeit mit rund 3000 Mitarbeitern im Lauf der Jahre immer weiter „runtergedampft“ worden, sagte Lambrecht. 

Letztlich fehlte die unverzichtbare Kreativität und Genialität, die das Familienunternehmen einst geprägt habe. Vor allem aber fehlte es vorn und hinten am Geld. Der jüngste Investor Lafayette Mittelstand Capital hatte allein in den letzten acht Monaten noch 12 Millionen Euro in das Unternehmen gepumpt. Oder besser „damit Verluste finanziert“, wie Lambrecht anmerkte. Lafayette habe sich engagiert; aber der erhebliche Geldfluss habe nicht dazu geführt, Kettler am Leben zu halten. Zuletzt habe es auch Überlegungen einer Eigensanierung gegeben. „Aber dafür muss ein Unternehmen profitabel sein.“ Und das war es nicht. 

Martin Lambrecht nannte ein Beispiel des Liquiditätsproblems: Nach der dritten Insolvenzanmeldung waren 4,5 Millionen Euro Insolvenzgeld in das Unternehmen geflossen. Zweieinhalb Monate lang wurde mit diesem Geld produziert. „Und selbst danach gab es keinen Liquiditäts-Überschuss. Da weiß man, wie es aussieht.“ „Wir haben um Liquidität gerungen“, sagte der Berater. Aber nichts mehr habe zuletzt der Kettler Freizeit GmbH gehört. Die Warenbestände sind Sicherungseigentum der Kettler-Stiftung, die Gebäude gehören ohnehin der Stiftung.

- Fehlende Auslastung

Die Maschinen waren geleast. Die Vorzeichen seien bei diesem dritten Insolvenzverfahren deutlich schlechter als bei den ersten beiden gewesen, sagt Martin Lambrecht – zumal Dr. Karin Kettler vor ihrem Tod noch Millionen über Millionen in die Firma gesteckt und das Überleben damit verlängert hatte. 

Kettler habe in den vergangenen 15 Jahren mehr und mehr Produktionsbereiche nach Fernost verlagert, um Kosten zu senken. Das habe aber auch zu fehlender Auslastungen in den deutschen Werken gesorgt, die Kostendeckung sei nicht mehr gegeben gewesen. Fortlaufende Verlagerung habe auch zur Schieflage geführt, dass in Werl und Ense nicht mehr profitabel zu arbeiten war.

- „In Massen in China gefertigt“

Heinz Kettler mit seinem Unternehmergeist der Nachkriegsgeneration habe 50 Jahre lang „extrem viel richtig gemacht“, sagte Lambrecht. Campingstühle, das legendäre Kettcar, Aluräder – all das seien „geniale Ideen“ gewesen. Dann aber starb der Patriarch – und der Stern sank. Auch zuletzt seien die Produkte in vielen Bereichen wie Sport oder Gartenmöbel gut gewesen. „Aber sie wurden eben in Massen in China gefertigt nicht mehr hier.“ Verlagerung sei zwar oft notwendig, aber in Sachen Kettler nicht richtig zu Ende gedacht worden. Auch gefragte Produkte hätten nicht mehr den Ertrag gebracht, um die Kosten zu tragen und wettbewerbsfähig zu sein. Es habe auch an Weiterentwicklungen und innovativen Ideen gefehlt. 

Unternehmertum lasse sich eben nicht vererben. Der kreative Kopf und geniale Ideengeber fehlte. „Vielleicht wurde Kettler nur noch verwahrt“, sagt Lambrecht mit Vorsicht. Dass seit der Dauer-Schieflage viele Millionen Euro an viele Berater flossen, ohne dass das Kettler wirklich half, sei ein „nicht ganz unberechtigter Vorwurf“. Das habe die Firma nicht genug vorangebracht. Dabei sei Kettler eine „tolle Marke“ mit „tollen Produkten“. Für all das können sich die Beschäftigten der beiden Werler Werke in Sönnern und im Gewerbegebiet Mersch sowie am Stammsitz in Ense-Parsit nichts kaufen. „Wir haben ihnen gesagt, dass es uns leid tut, es nicht hinbekommen zu haben“, sagt Lambrecht. Die Stimmung sei wie erwartet gewesen: Wirklich überrascht habe das Aus am Montag niemanden mehr.

- Holding hat die Markenrechte

Das endgültige Aus für Kettler hatte spätestens am Freitag nach der Gläubigerversammlung festgestanden. Für Wut oder Frust war nicht mehr viel Platz bei den Beschäftigten. „Leere“, sagten gleich mehrere Betroffene nach der Versammlung auf die Frage, was sie fühlen. Die Markenrechte liegen bei der Kettler Holding, die anders als die „Kettler Freizeit“ und „Kettler Plastics“ keine Insolvenz angemeldet hatte. 

„Der Markt und die Marke funktionieren“, sagt Lambrecht. Und jene Marke mit dem Regenbogen-K sei nicht insolvenbefangen. Gut möglich also, dass es auch in Zukunft Produkte mit dem Namen „Kettler“ geben wird – aber sie werden nicht aus Werl und Ense kommen. Ein Stempel wird sicher fehlen: „Made in Germany“.

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