Arbeitsagentur nennt das eine „gute Zahl“ / Bei Unterlagen hat es gehakt

Kettler-Insolvenz: 70 haben bereits neuen Job

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Werl – Nach der Kettler-Kündigung in einen neuen Job: Rund 70 ehemalige Mitarbeiter haben das bereits geschafft.

Das teilt Jürgen Sumpmann, Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit Werl, auf Anfrage mit. Das sei eine „gute Zahl“. Denn viele der Kettler-Mitarbeiter seien „relativ alt“, der Durchschnitt liege bei über 50 Jahren. Nicht nur in Werl, Wickede und Ense, sondern zum Teil auch in Nachbarstädten hätten Betroffene eine Anstellung gefunden. Zum Teil habe die Arbeitsagentur Vorschläge gemacht, zum Teil habe es aber auch gezielte Anfragen von Arbeitgebern nach Kettler-Mitarbeitern gegeben, sagt Sumpmann. Und noch eines: „Ich denke, dass wir für viele der Kettler-Mitarbeiter etwas tun können, dass wir sie mittelfristig wieder in den Arbeitsmarkt integrieren können.“

Aber, auch das verschweigt Jürgen Sumpmann nicht: Es gebe halt auch Probleme. Das oft hohe Alter ist die eine Seite, hinzu kommen nicht selten gesundheitliche Einschränkungen und fehlende Qualifikationen. Um diese „Hemmnisse“ bei der Neuvermittlung in Arbeit wisse man. Gerade gemessen daran sei die Zahl von 70, die schon wieder in Lohn und Brot sind, positiv zu werten.

Anders als bei früheren Entlassungswellen bei Kettler war nun beim endgültigen Aus des Freizeitartiklers keine Transfergesellschaft mehr eingerichtet worden. Dafür, so Sumpmann, habe schlicht das Geld gefehlt. Noch vor einem Jahr hatte eine Transfergesellschaft sich der damals Gekündigten bei Kettler angenommen und sie durch Qualifizierung in neue Jobs begleitet. Damals hatte es 216 Entlassungen gegeben, als der Investor „Lafayette Mittelstand Capital“ Kettler für den vermeintlichen Neustart übernommen hatte. 119 Gekündigte waren in die Transgergesellschaft gewechselt, gut die Hälfte fand bis Mitte 2019 einen neuen Job. Nur wenige Monate ging das Unternehmen komplett in die Knie, die Lichter gingen endgültig aus für dich noch verbliebenen rund 560 Beschäftigten.

Dass das auch für den Arbeitsmarkt im Geschäftsstellenbezirk Werl ein schwer zu bewältigender Schlag war und ist, verhehlt Jürgen Sumpmann nicht. Vor dem Hintergrund der Masse an betroffenen sei auch zu erklären, warum es bei der Ausstellung mancher wichtiger Unterlagen, die man benötige gehakt hat. Zum Beispiel gab es ein langes Warten auf die Arbeitsbescheinigungen, die Grundlage für die Auszahlung des Arbeitslosengeldes sind. „Das Geld fließt jetzt aber“, versichert der Geschäftsstellenleiter. Dass manches nicht sofort funktionierte nach dem Aus bei dem Freizeitartikelunternehmen mit Werken in Ense und Werl, hänge an den Umständen der hohen Zahl von Entlassenen.

„Gute Aussichten“

Nach wie vor biete der Werler Arbeitsmarkt „gute Aussichten“, vor allem, was Fachkräfte angeht, sagt der Geschäftsstellenleiter. Auch im gewerblich-technischen Bereich, im Bereich der Elektrotechnik, beim wachsenden Markt der Pflege oder auch im handwerklichen Bereich seien die Aussichten auf eine neue Anstellung gut. „Auch Helfer haben Chancen, aber da wird es schon schwieriger“, sagt Jürgen Sumpmann. Man sei bemüht, entsprechend zu beraten, um jedem Mitarbeiter den Schritt in eine berufliche Zukunft zu ermöglichen. Verrentung komme bei den aktuell gekündigten Kettler-Mitarbeitern kaum in Frage. „Das war schon bei früheren Entlassungen berücksichtigt worden.“

Tendenz rückläufig

Insgesamt zeige sich der Arbeitsmarkt noch recht robust, allerdings sei der Höhepunkt überschritten; nach einer langen zeit positiver Entwicklungen sei die Tendenz nun leicht rückläufig. Das zeige sich an der Entwicklung der Arbeitslosenzahlen, vor allem aber in den Angeboten der neuen Stellen. Offene Stellen vor allem im Industriebereich gibt es nicht mehr in der Anzahl wie noch vor kurzer Zeit.

Auch zur Zeitarbeit als Instrument der Überbrückung greifen Firmen noch immer. Die Zahl sei stabil – und sie helfe Firmen, Spitzen abzudecken, ohne gleich neue Kräfte einstellen zu müssen.

Zeugnis-Probleme

Bei den Zeugnissen für die ehemaligen Beschäftigten von Kettler hakt es offenbar gravierend. So gibt es mehrere Klagen von Gekündigten, dass sie diese Papiere nicht erhalten haben und die Betriebsräte oder den Personalchef nicht erreichen können. „Und dann hat man uns auch noch gesagt, wir sollen die Zeugnisse doch selber schreiben – und Kettler setzt dann den Stempel drunter“, schildert ein Betroffener. Nun stehe er vor einem Bewerbungsgespräch und könne keinen Arbeitsnachweis liefern. „Das kann doch nicht sein.“

Ein Zeugnis selber schreiben? Das, so erläutert Jürgen Sumpmann, Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit Werl, sei ein gar nicht mal unübliches Verfahren bei Firmen. Denn das macht es den Firmen erst mal leicht. Arbeitnehmer wüssten schließlich am besten, womit sie beschäftigt waren. Wenn sie dann eine Einschätzung auch ihrer Arbeitsleistung schreiben, könne der Arbeitgeber es auf Firmen-Briefpapier übernehmen – oder aber er muss sich die Mühe machen, eine andere Beurteilung zu schreiben. So oder so: Ein Arbeitnehmer hat ein gesetzliches Recht auf ein Arbeitszeugnis. „Das kann er einklagen“, sagt Sumpmann. Für Mitglieder der Gewerkschaft übernehme das auch die IG Metall.

Natürlich sei es nicht gut, zu lange auf ein Zeugnis warten zu müssen. Im Fall Kettler werde aber sicher jeder Arbeitgeber Verständnis haben, wenn ein Gekündigter das noch nicht vorlegen kann, zumal viele Vorgesetzte nicht mehr greifbar und auch die Betriebsräte schwer erreichbar sind. „Dann sollte man es nachreichen.“ Auf keinen Fall sollte man wegen eines fehlenden Zeugnisses ein Bewerbungsgespräch sausen lassen.

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