Mitarbeiter gibt spannende Einblicke

JVA-Werl: So sieht der Alltag hinter Gittern aus

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So frei können sich in der JVA nur die Vollzugsbeamten bewegen: Sie haben die Schlüssel für Tore und Türen.

Sechs Meter hoch sind die Mauern der Justizvollzugsanstalt in Werl. Einen Blick in den Anstalts-Alltag werfen ist da kaum möglich. Gefängnis-Filme berichten von korrupten Beamten und flüchtigen Gefangenen.

Benedikt Schumacher zeichnet ein Berufsbild weit weg von täglicher Gewalt. Er ist seit 13 Jahren in der JVA Werl tätig.Dass man sich in einem Gefängnis befindet, wird einem schnell bewusst. Sämtliche Türen, Tore und Durchgänge sind verschlossen.

Benedikt Schumacher hält zwei große silberne Schlüssel in seiner linken Hand. An einer Kette baumelt ein bunter Strauß weiterer, kleinerer Schlüssel. Schumacher zählt zu den Menschen in der JVA, die sich dort frei bewegen können – den Vollzugsbediensteten. Benedikt Schumacher tritt auf einen Innenhof, nahe der alten Pforte, die 2016 durch einen Neubau ersetzt wurde. Eine dicke Eisenkette verschließt die Hälften der Gittertore miteinander. Dahinter ist ein weiteres massives Tor.

„Hallo“, ruft ihm ein Kollege aus der Kanzel, einem Wachturm, entgegen. „Morgen“, grüßt Schumacher zurück. Ein kurzes Gespräch entwickelt sich. Wenige Sekunden später wird Benedikt Schumacher aufmerksam auf einen Insassen, der mit einem großen Rollwagen vor einem verschlossenen Tor wartet. Eine nette Begrüßung, dann schließt Schumacher das Tor mit einem der großen Schlüssel auf. Als der Gefangene den Wagen durch das Tor geschoben hat, zieht Schumacher es wieder zu und dreht den Schlüssel rum. Das Tor ist wieder verschlossen. „Der Insasse hat Hofdienst“, erklärt der Beamte knapp. Den Hofdienst erledigen nur Insassen, die seit längerer Zeit in Werl einsitzen. Es ist eine der privilegierteren Arbeiten, denen ein Insasse in der JVA nachgehen kann, denn die Arbeit ist an der frischen Luft.

Ausbilder für Azubis

Seit acht Monaten ist Benedikt Schumacher Ausbildungsleiter in der JVA. Er ist für Nachwuchskräfte des Allgemeinen Vollzugsdienstes in der Anstalt zuständig. In einem modernen Tagungsraum, in der Nähe seines Büros in einem ruhigen Trakt des Gefängnisses weit weg von Hafthäusern und Insassen, bereitet er die Auszubildenden auf die Aufgabe im Vollzug vor. „Er gestaltet den Unterricht sehr praxisbezogen“, sagt Milosz Pak. „Das hat es mir viel einfacher gemacht in den Beruf zu finden.“ Pak ist seit Juni in der JVA angestellt und wird seither von Schumacher betreut. Seine Ausbildung im Allgemeinen Vollzugsdienst startet in knapp zwei Jahren.

Benedikt Schumacher will seine Erfahrungen und Wertvorstellungen weitergeben. „Das Menschliche in diesem Beruf ist mir ein Anliegen“, sagt der knapp zwei Meter große Beamte. Das hat ihn vor Monaten dazu veranlasst, sich auf die freie Stelle als Ausbilder zu bewerben. Zuvor hat Schumacher lange selber in den Hafthäusern gearbeitet, zuletzt in einer Abteilung mit erhöhten Sicherheitsanforderungen.

Früher zuständig für den "Bunker"

Dort war er unter anderem für den besonders gesicherten Haftraum ohne gefährdende Gegenstände zuständig. „Umgangssprachlich wird der Bunker genannt“, sagt Benedikt Schumacher. Kein dunkles Kellerloch, sondern ein Haftraum, der spärlich ausgestattet ist: Eine Matratze auf dem Boden und eine in den Boden eingelassene Toilette – mehr nicht. „Die Unterbringung in diesem Haftraum ist eine besondere Sicherungsmaßnahme.“ Dort landen Häftlinge, die übergriffig werden, als aggressiv auffallen – beispielsweise das Inventar in ihrem Haftraum auseinandernehmen, oder selbstmordgefährdet sind. Im normalen Vollzug kann dann keine ausreichende Sicherheit mehr gewährleistet werden. Das ist keine Strafe, macht Schumacher deutlich klar, sondern zum Schutz für den Insassen und die Bediensteten. „Es kann vorkommen, dass es in einer Woche zu drei Vorfällen kommt und dann passiert ein halbes Jahr lang gar nichts“, erklärt der Familienvater.

Ständig über die Schultern gucken müsse man in Werl keinesfalls. Die größte Sicherheit ist die „soziale Sicherheit“. Damit meint Benedikt Schumacher den Umgang in der Anstalt. Der ist zwischen Beamten und Insassen sehr respektvoll. Läuft Schumacher durch ein Hafthaus, grüßen die Insassen ihn mit Namen – und er grüßt zurück. Das ist der Alltag. Trotzdem sind die Justizvollzugsbediensteten technisch gesichert. An seinem Gürtel trägt Benedikt Schumacher ein Personennotrufgerät. Das sieht aus wie ein Handy und funktioniert auch ähnlich. Bedienstete können einen Alarm geben, ihr Standort ist dauerhaft abrufbar und miteinander telefonieren ist ebenfalls möglich. Auch, wenn der Alltag hinter den Gefängnismauern weitgehend harmonisch abläuft, dürfe man nicht vergessen, wo man arbeitet, sagt Schumacher. Ausnahmesituationen können immer auftreten. Einmal sei er in seiner Laufbahn von einem Insassen attackiert worden. Die Situation ist glimpflich ausgegangen.

"Wir sind eine Beamten-Familie"

Schumacher macht seinen Beruf immer noch leidenschaftlich gerne. Das kommt an – bei Kollegen und Insassen. „Er ist ein humorvoller Mensch“, sagt Sandra Seidel, die wie Milosz Pak derzeit ausgebildet wird. Aus dem Stegreif könne er Situationen mit seiner Art auflockern. Zudem strahle er eine natürliche Autorität aus. „Er steht immer hinter dem, was er sagt“, fügt Sandra Seidel hinzu. Mit seiner Frau und den beiden Kindern, zwei und acht Jahre alt, lebt Schumacher in Ense-Bremen. „Meine Frau kennt mich seit meiner ersten Ausbildung zum Heilerziehungspfleger“, sagt Schumacher.

Und auch die Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten habe sie unterstützt. „Wir sind einfach eine Beamten-Familie“, sagt Benedikt Schumacher. Sein Bruder ist Polizist. Der Vater arbeitet ebenfalls in der JVA. Ist Schumacher privat eingeladen, ist regelmäßig sein Beruf das Top-Thema. Dann leistet er Aufklärungsarbeit. Die Vorstellung von korrupten Beamten und flüchtigen Insassen komme aus Hollywood. „In Filmen wird der Vollzug immer negativ dargestellt. Die Realität ist eine andere. Dann fehlt es den Kinobesuchern aber an Action.“ Der letzte Ausbruchsversuch sei schon Jahrzehnte her, „da habe ich noch gar nicht an Vollzugsdienst gedacht.“ Schumacher überlegt ein paar Sekunden, dann kommt die Antwort: „Mir fällt überhaupt nicht ein, wie man hier ausbrechen könnte.“ Das sind Geschichten, die ältere Kollegen erzählen. Der moderne Strafvollzug sei durch technischen Fortschritt sehr sicher.

Drogenprobleme in der JVA

Die Probleme verschweigt Schumacher nicht. Natürlich gebe es eine Drogenproblematik in der JVA. Mittlerweile sei man dazu übergegangen, mehr Insassen zu substituieren, um den illegalen Drogenhandel einzudämmen. Viele Insassen hätten eine langjährige Suchtproblematik. Und moderne Drogen fördern auch psychische Erkrankungen. Das macht den täglichen Umgang mit den Insassen zu einer anspruchsvollen Aufgabe. „Es ist eine wichtige Funktion, die Benedikt Schumacher ausübt. Er unterstützt nicht nur den Unterricht der Nachwuchskräfte, sondern bereitet sie auch praktisch auf die Arbeit vor. Und das ist ein qualifizierter Beruf mit fundierter Ausbildung“, sagt der Werler Anstaltsleiter Thomas König. „Die Arbeit hinter den Mauern sieht man nicht“, sagt er. Deswegen wird er auch nicht müde, immer wieder zu erklären, was dort genau vor sich geht.

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