Gewitter, Stürme & Co. 

Jagd auf Unwetter: Eine Werlerin erzählt vom Hobby "Stormchasing"

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Tobias Mieseler aus Hamm ist Sturmjäger. Sein Hobby: Unwetter fotografieren. Gleichgesinnte findet er bei der Gruppe "Stormchaser Ruhrgebiet".

Werl - "Für morgen sind schwere Unwetter angekündigt. Mindestens vier von uns planen, das zu nutzen,“ kündigt Chantal Anders an. Die Werlerin gehört zu einer kleinen Gruppe von hochmotivierten Menschen aus dem Ruhrgebiet: Sie sind Stormchaser oder Sturmjäger. Ihr Hobby: Unwetter beobachten.

Also machten sie sich am Donnerstag wieder auf die Jagd – auch genannt Chasing. „Wir haben uns bereits um kurz nach 13 Uhr in Hamm getroffen. Anschließend sind Elmar, Ricardo, Tobias und ich bis kurz hinter Greven gewesen. Begleitet wurden wir noch von einem ZDF-Fernsehteam,“ berichtet Chantal Anders von der jüngsten Unwetter-Tour. 

Da sich das Wetter noch immer nicht langfristig vorhersagen und extremes Wetter sich häufig auch erst am Tag des Ereignisses besser abschätzen lässt, sei es nicht immer möglich, ein gemeinsames Chasing zu organisieren, erläutern die Werlerin und ihre Kollegen. 

Zeitlich eingeschränkt durch ihre Berufs- oder Studientätigkeit finde das Chasing sowieso in der Freizeit statt. So werde häufig spontan über eine WhatsApp-Gruppe organisiert, wann und wo man sich trifft und wie die Strategie aussieht. „Oder es fahren mehrere alleine zu unterschiedlichen für sie strategisch gelegenen Chasingpunkten,“ erläutert die Werler Sturmjägerin.

Die Werler Sturmjägerin Chantal Anders mit ihren Kollegen Elmar, Ricardo und Tobias (von links), die am Donnerstag bis kurz hinter Greven unterwegs waren.

Dabei gibt natürlich das Wetter die Richtung vor. „Über Apps wie Kachelmannwetter und Blitzortung.org sind die aktuellen Wettersituationen und Satellitenbilder immer und fast überall abrufbar.“ Chantal Anders versichert: „Die Stormchaser aus dem Ruhrgebiet suchen bei ihren Unternehmungen aber keinesfalls den Nervenkitzel.“ Eigensicherung habe für sie höchste Priorität. 

Wenn es zu brenzlig werde, suche man natürlich entsprechend Schutz. Dies werde vor allem dann nötig, wenn es auf Grund der Größe eines Gewitters nicht möglich sei, den Kern zu umfahren. „Dann wird das Auto auch schon mal unter einer Brücke oder einem Tankstellen-Dach möglichst sicher geparkt. Hierbei können dann auch schon mal Dritte geschützt werden.“ 

So berichten die heimischen Sturmjäger vom legendären Pfingstunwetter 2014, als sie einen Rollerfahrer davon abhielten, die sichere Zuflucht Tankstelle zu verlassen. „Nur wenige Minuten später war die Straße um uns herum übersät mit dicken Ästen und sogar umgestürzten Bäumen“. 

Leidenschaft für das Wetter schon als Kind entdeckt

Seit 2017 gehört die Werlerin Chantal Anders zum Team der Sturmjäger Ruhrgebiet. Die 27-Jährige hat ihre Leidenschaft für das Wetter allerdings schon viel früher entdeckt. Bereits als kleines Kind habe sie zusammen mit ihrem Vater das Wetter beobachtet. Dennoch entwickelte sich eine gewisse Gewitterangst, die sie in Gewitternächten nicht schlafen lässt. 

Die Anzeiger-Leserbild-Aktion hatte bereits 2008 Chantal Anders zum Fotografieren gebracht, als ein Sonnenuntergangsbild von ihr gedruckt wurde. In einer schlaflosen Nacht hatte sie dann durch Zufall einen Blitz fotografiert. „Danach war das Feuer endgültig entfacht,“ schreibt die Werlerin über ihren Werdegang als Stormchaserin. 

Neben Sonnenuntergängen und Tieren sind seitdem nun auch Gewitter ihre liebsten Fotomotive. Manches spektakuläre Bild ist ihr inzwischen gelungen. „Da kam mir der weite Blick auf den Haarstrang aus dem Fenster im elterlichen Haus sehr gelegen,“ sagt sie. 

Im Juli 2015 wurde ein Facebook-Kommentar von ihr im Fernsehen eingeblendet. In der Sendung gaben auch die Stormchaser Ruhrgebiet ein Interview zum Thema Gewitter. Bei der Gelegenheit wurde Chantal Anders auf die Sturmjäger aufmerksam und blieb seitdem mit ihnen in Kontakt. 

Als die Werlerin in dem Sommer aus dem elterlichen Zuhause in die eigenen vier Wände zog, war es allerdings vorbei mit der schönen (Gewitter-)Aussicht. Für Chantal Anders war aber klar: Eine Lösung musste her. Seitdem lässt sie die Gewitter nicht nur auf sich zukommen, sondern nimmt auch aktiv die Verfolgung auf. 

Im Juli 2017 verfolgten sowohl die Stormchaser als auch Chantal Anders ein Gewitter. Auf der Seite Meteopool.org können sich Stormchaser registrieren und über das GPS-Signal ihrer Handys gegenseitig sehen und finden. Sowohl die Stormchaser Ruhrgebiet als auch Chantal Anders waren an dem Tag im Ruhrgebiet unterwegs. Kurzerhand traf man sich auf einem Feldweg und fuhr gemeinsam weiter. Seither ist Chantal Anders fester Bestandteil der Gruppe.

Neue Leidenschaft: Astrofotografie

Wenn mal keine Schlechtwetterwolken in Sicht sind, hat sie noch ein weiteres fotografisches Fachgebiet für sich entdecken können: Seit Januar 2018 versucht sich die Werlerin an der sogenannten Astrofotografie.

Dazu werden Langzeitbelichtungen mit Hilfe eines Star-Adventurers (dieser gleicht die Erdrotation aus) angefertigt. Unterstützung findet sie dabei stets durch ihre Eltern und durch die Sternfreunde Soest.

Zurück zum Donnerstag, als sich Chantal Anders erneut mit Weitwinkel- und Teleobjektiven und selbstverständlich ihren Kollegen auf die Jagd machte. „Leider war unser Chasing gestern nicht sehr erfolgreich,“ musste die Werlerin zugeben. Aber das gehöre eben dazu.

„Elmar, Ricardo, Tobias und ich sind bis kurz hinter Greven gewesen. Wir konnten uns wie geplant vor die Kaltfront setzen, deren Auszug jedoch leider ziemlich unfotogen verkaufen ist. Es gab kaum Strukturen in den Wolken, da sich vor den Gewittern bereits viele Wolken gebildet hatten. Die Gewitter selber schoben leider schon Regen vor sich her, der einen Aufbau der Ausrüstung verhinderte. Die Gefahr von Wasserschäden war zu groß. 

In den Gewittern zeigten sich nahezu nur cloud-cloud-lightnings, also Blitze die von einer zur anderen Wolke springen und nicht in die Erde einschlagen. Tagsüber sind diese fotografisch nur schlecht darstellbar. Da die Erleuchtung der Wolke, die sie auslösen, im Umgebungslicht untergeht. In dem Gebiet, in dem wir waren, konnten wir sonst keine weiteren nennenswerten Ereignisse feststellen,“ fasst Chantal Anders die jüngste Unwetter-Tour zusammen.

Wetter bestimmt Zeitplan und Richtung

 „Wir konnten weder nennenswerte Sturmböen, noch Hagel oder Starkregen beobachten,“ berichtet sie. „Zum Glück, so ist es uns natürlich auch lieber, als wenn es Zerstörung gibt.“ Und während die einen im Grevener Raum auf spektakuläre Szenen hofften, waren die Teammitglieder Bastian und Daniel im niederländischen und belgischen Grenzgebiet unterwegs, Christoph legte sich im Hagener Raum auf die Lauer. 

Alle sind sich dabei stets bewusst: Das Wetter kann immer sowohl den Zeitplan als auch die Richtung der Tour spontan ändern. Das Wetter hält nämlich meist nicht viel davon, sich so zu verhalten, wie es die Modelle am Vortrag berechnet haben... - ca/ak

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