1. Soester Anzeiger
  2. Lokales
  3. Werl

Hunde als „Corona-Rückläufer“: Menschen geben Tiere nach Lockdown ab

Erstellt:

Von: Uta Müller

Kommentare

Der menschenbezogene „Corona-Rückläufer“ Bella gibt gern Küsschen und hat vorerst Unterschlupf bei der Vereinsvorsitzenden von Viva la Hund, Natalie Plagemann, gefunden.
Der menschenbezogene „Corona-Rückläufer“ Bella gibt gern Küsschen und hat vorerst Unterschlupf bei der Vereinsvorsitzenden von Viva la Hund, Natalie Plagemann, gefunden. © Uta Müller

Gerade mal vier Wochen durfte sie bleiben. Bella ist das erste „Corona-Opfer“ beim Tierschutzverein Viva la Hund. 

Werl - Seit Beginn der Corona-Pandemie verzeichnet der eingetragene Verein um die Hilbecker Vorsitzende Natalie Plagemann deutlich erhöhtes Interesse, ein vierbeiniges Familienmitglied zu adoptieren. In der zurückliegenden Zeit haben sie und ihr Team aus Pflegestellen bei der Vermittlung Hauptaugenmerk auf die Frage gelegt: „Was ist nach der Pandemie mit dem Hund?“

StadtWerl
KreisSoest
Bevölkerungca. 30.700

Hunde als „Corona-Rückläufer“: Menschen geben Tiere nach Lockdown ab

Bella ist jetzt zur Leidtragenden geworden, hat eine Familie nach dem Homeoffice die Verantwortung für einen lebhaften Junghund unterschätzt. „Die Maus hat nichts falsch gemacht“, betont sie den umgänglichen und freundlichen Charakter des Mischlings mit Mensch und Tier. Dabei sah es „auf den ersten Blick super aus“: Haus mit Garten und ein volljähriges Kind – der Verein hat sich ein verantwortungsvolles neues Zuhause für den Hund erhofft.

„Situationen, wo mal ein Hund zurück kommt, gibt es immer mal“, schildert Plagemann Situationen wie Änderung der Familiensituation oder Krankheit der Halter. Denn darauf wird bei Viva la Hund Wert gelegt: „Unsere Hunde werden nicht zum Wanderpokal“, sollen sie bei unumgänglicher Notwendigkeit der Rückgabe immer ihr Körbchen beim Verein haben: „Dafür haben wir unsere Pflegestellen.“ Aber die Sorge über eine eventuelle „Blauäugigkeit“ bei der Anschaffung des Tieres wird sie und ihr Team noch eine Weile begleiten.

Die Sorge, dass Hunde nach ihrer Anschaffung in der Corona-Krise wieder in Tierheimen landen, ist auch beim Tierschutzbund in Deutschland groß.

Hunde in der Corona-Krise: Erst holen, dann wieder abgeben

Spontan hat der Verein sich auch noch einer rumänischen Vermittlung angenommen. Ein Wuppertaler Tierarzt, der mit dem Verein zusammenarbeitet, hat das Sorgenkind bei ihnen unterbringen können. Natalie Plagemann und andere seriöse Vereine blicken mit Sorge auf einige „schwarze Schafe“, die nach erfolgter Vermittlung nicht mehr zu erreichen sind, als die Nachfrage für Hunde so anstieg.

Denn es fällt eine Vermittlungsgebühr an, die ein seriöser Verein in Mittelmeercheck, Impfungen, Kastrationen oder auch Arzt- und Medikamentenkosten refinanziert. „Da steht manchmal kein Verein wie unserer hinter“, betont sie. Tierheime müssten oft genug Haustiere aus diesen „Spontan-Vermittlungen“ aufnehmen. Manchmal bringen diese Hunde „Altlasten“ mit, die Geduld und Training seitens der Halter erfordern, um Scheu und schlechte Erfahrungen zu verarbeiten. Dazu ist nicht jeder bereit, und es ist für Neulinge in der Hundehaltung schwierig.

Weitere Infos

Mehr dazu gibt es auf der Vereins-Homepage www.vivalahund.de.

Durch die Lockerungen und die niedrige Inzidenz hat sich die Arbeit des Vereins fast schlagartig gewandelt, verzeichnet man sogar „weniger Vermittlungen als sonst in Sommermonaten“. Der Fokus der Menschen scheint sich gewandelt zu haben nach den Einschränkungen der vergangenen Monate. Zwischenzeitlich hatte die Nachfrage Ausmaße angenommen, dass die Vorsitzende sogar ihren Frust über unvernünftige Interessenten loswerden musste. Auf Unverständnis und sogar Anfeindungen war man gestoßen, wenn jemand den spontan ausgesuchten Hund nicht bekam.

Hunde in der Corona-Krise: Positives aus Werl-Hilbeck

Aber auch Positives gibt es aus Hilbeck und Portugal zu vermelden. Nach eineinhalb Jahren Abstinenz kann man im Juli endlich wieder die Schützlinge im portugiesischen Beja besuchen. Wie „nach Hause kommen“ schildert Natalie Plagemann die über Jahre gewachsene Freundschaft zwischen dem jahrelang von Tierschützern als privates Tierheim in Beja geführten Anlaufstelle für heimat- und herrenlose Hunde.

Die Situation vor Ort hat sich gebessert, hat die Stadt, die etwas größer ist als Werl, die Einrichtung mittlerweile unter ihr städtisches Dach genommen. Dadurch ist die finanzielle Situation etwas entspannter. Trotzdem hält der Verein an ihren Kastrationsprojekten vor Ort fest. „Da kann auch der Bauer gegen eine kleine Spende seinen Hofhund kastrieren lassen“, betont die Hilbeckerin.

Unsere Hunde werden nicht zum Wanderpokal.

Natalie Plagemann

Aber trotzdem muss man immer wieder Neuzugänge verzeichnen. Denn nach wie vor gibt es noch streunende Hunde in den ländlichen Bereichen und manches Hundeleid. Auch wenn die Situation mittlerweile eine andere ist als zu Beginn ihrer Tätigkeit vor über 20 Jahren. Auch in Portugal, ebenso wie in Spanien, wohin der Verein Kontakte pflegt, wurden während der Corona-Pandemie viele Hunde vermittelt.

In größeren Städten hätten sich Netzwerke für freilaufende Hunde gebildet und hinterfragt auch dort deren Herkunft. Besonders freuen kann sich Plagemann, „dass auch Langzeitinsassen jetzt eine Chance bekommen haben“. Ein Beispiel sind die beiden ungefähr zehn Jahre alten Hunde Brad und Serano. Sieben Jahre davon haben sie im Tierheim verbracht und endlich seit diesem Jahr einen Couchplatz in Deutschland für ihren Lebensabend bekommen. Bella tobt derzeit wieder in Hilbeck, wenn auch nur kurzfristig, hofft die Vorsitzende auf eine baldige Vermittlung des „typischen Corona-Rückläufers“.

Auch interessant

Kommentare