Vielfach Aufnahmestopp in Praxen

Hausärztemangel in Werl verschärft sich

Arzt misst in einer Praxis einer Patientin den Blutdruck
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Der Hausärztemangel verschärft sich in Werl.

 Wegen weiterhin fehlender Ärzte haben viele Hausarztpraxen mittlerweile einen Aufnahmestopp verhängt, was eine Umfrage unter den Ärzten (Infokasten) bestätigt.

Werl -  Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Dortmund räumt ein: „Das Problem ist nicht beseitigt.“ Eine bittere Pille für Werl: Der Versorgungsgrad ist weiter gesunken, wenn auch nur marginal, von 87,9 Prozent im November 2019 auf jetzt 87,1 Prozent (Stand November 2020).

Die Zahlen beziehen sich auf den „Mittelbereich Werl“ (mit Wickede und Ense); rein städtische Zahlen kann die KV nicht liefern. Demnach war im Mai 2020 mit einem neuen Mediziner eine leichte Verbesserung eingetreten – die ein weiterer Gang in den Ruhestand eines anderen Arztes kurz darauf wieder zunichte machte. Die Anzahl der Hausärzte im Mittelbereich Werl liegt laut KV bei 30 und damit auf dem Stand des Vorjahres; im Mai waren 31 gezählt worden. Klagen von Bürgern, dass Praxen sie nicht annehmen wollen, gibt es schon lange.

Das Problem bei der hausärztlichen Versorgung ist keines, das sich auf Werl beschränkt, sagt Vanessa Pudlo, Sprecherin der KV Westfalen-Lippe, auf Anfrage. Erst bei einem Grad von unter 75 Prozent gilt eine Region als unterversorgt. Solche Fälle gebe es im KV-Gebiet auch. Davon sei Werl mit einem „stabilen Wert“ noch entfernt. „Aber die subjektive Empfindung vor Ort ist eine andere.“.

Anhand der Quote lässt sich sehen, ob ein Bereich über- oder unterversorgt ist. Durch einen neuen Schlüssel bei der Bedarfsplanung Anfang 2020 vom Gemeinsamen Bundesausschuss sei ein direkter Vergleich der Zahlen 2019/ 2020 nicht passgenau. Bei Überversorgung (ab 110 Prozent) wird ein Bereich für Neuzulassungen gesperrt, bei Hausärzten gilt das in Westfalen-Lippe ab 100 Prozent.

„Erfreulicherweise“, so Pudlo, sei es 2020 gelungen, eine Förderung über das Förderverzeichnis für die hausärztliche Versorgung in Werl auszusprechen. Sprich: Ein Arzt oder eine Ärztin hat sich durch gezielte Unterstützung der KV im Mittelbereich Werl niedergelassen. „Dadurch konnte die Versorgung in der Stadt zunächst gestärkt und die Altersstruktur der Ärzte verbessert werden“, sagt die Sprecherin. Dennoch beobachte die KV die Entwicklungen in Werl „weiterhin sehr genau“. Denn in Werl sind mehr Hausärzte als in Westfalen-Lippe 60 Jahre alt oder älter: rund 43 Prozent (Westfalen-Lippe 39 Prozent).

„Das Problem, das uns umtreibt, ist, dass viele Hausärzte in naher Zukunft altersbedingt in den Ruhestand gehen, während sich immer noch zu wenig junge Mediziner für eine eigene Praxis entscheiden.“ Dies gelte für die Hausärzteschaft in allen deutschen ländlichen Regionen. Die KV sei deshalb aktiv in der Nachwuchsförderung. Zugleich seien für Jungärzte, die sich für Niederlassungen interessieren, Standort-Faktoren entscheidend wie ausreichend Praxisräume, Baugrundstücke, Kinderbetreuung oder Jobs für Partner.

Wer Haus- oder Kinderarzt für die dauerhafte Behandlung benötigt, dem empfiehlt die KV die Terminservicestelle unter der 116117.

Das sagen die Werler Hausärzte

Dem „Tut weh“ der Patienten setzen viele Praxen ein „Tut-Tut-Tut“ am Telefon entgegen: Oft ist dauerbesetzt bei Anrufen. Wenn ein Patient doch durchkommt, bleibt er dennoch oft bei der Suche nach einem neuen Hausarzt außen vor, denn in vielen Werler Hausarztpraxen gibt es mittlerweile einen Aufnahmestopp, wie eine Umfrage zeigte:

Praxis am Kletterpoth: „Wir haben keine Kapazitäten mehr“, heißt es bei der Anzeiger-Frage. Man habe viele Patienten anderer Praxen aufgenommen, „aber irgendwann ist die Wanne voll“. Anfragen gebe es zuhauf für Stefan Zahedi und Dr. Christiane Lipps.

Praxis Marina Khusid: „Wir nehmen keinen mehr an, das ist nicht möglich“, sagt Marina Khusid. Sie ist mittlerweile allein in der Praxis – und zum Wochenstart nach Urlaub habe sie 100 Menschen auf der Liste gehabt. „Irgendwann brechen die Kapazitäten weg.“ Mehr Personal einstellen geht nicht. „Wir sind alle am Limit“, sagt die Ärztin. Wenn Kinder von Patienten erwachsen werden und nicht mehr zum Kinderarzt können, nehme sie sie schon mit auf. „Wo sollen die denn hin?“ Und auch bei Familienmitgliedern gebe es Ausnahmen.

Praxis Dr. Heidtmann: „Wir sind relativ voll, aber es gibt keinen Aufnahmestopp“, heißt es am Praxistelefon von Marcus und Gabriele Heidtmann. Familienangehörige von Patienten werden neu aufgenommen, in anderen Fällen werde mit den Ärzten Rücksprache gehalten, was noch geht.

Praxis Dr. Dorothee Dicke: Die Praxis hat einen Aufnahmestopp, vor allem bei Patienten, die den Hausarzt wechseln wollen. „Da geht gar nichts.“ Patienten von anderen Hausärzten oder neu Zugezogene, werden notfallmäßig versorgt. Aber man könne sie nicht langfristig unterbringen, „leider“. Nach dem Ruhestand vieler Ärzte gebe es zu viele Anfragen. Wenn aber die Eltern schon Patient sind, prüfe man das. „Aber es ist schwierig.“

Gemeinschaftspraxis Thomas Roden/Sevim Yücel: „Wir können nichts versprechen, was man nicht halten kann“, sagt Roden. Aber man sei gezwungenermaßen „sehr zurückhaltend“. Überweisungen zum Facharzt-Gebiet der Praxis nehme man an. Aber hausärztliche Anfragen „eigentlich nicht, da muss man schon gute Argumente haben“. Für Patienten auf der Suche gebe es lange Wartezeiten, bis sie irgendwann aufgenommen werden könnten. Die Lage? „Angespannt“. Ein Problem: Die Praxis bildet Hausärzte aus, die Stelle der Weiterbildungsassistentin ist aber derzeit nicht besetzt. „Wir sind in lockeren Gesprächen.“

Dr. Rena Niederhafner: In der ehemaligen Praxis Özdemir an der Rustigestraße mit einst zwei Ärzten ist nun Rena Niederhafner allein tätig. Hier gilt ein Aufnahmestopp, nachdem die Medizinerin von beiden Ärzten Patienten übernahm. Auskunft am Empfang: „Wir nehmen leider keine Patienten mehr auf.“

Dr. Winfried Schickentanz betont die Übernahme vieler Patienten von geschlossenen Praxen. „Gefühlt wird es immer mehr und wir sind am Limit.“ Deswegen sage auch seine Praxis in Büderich Vielen ab. „Wir schauen uns aber jeden Einzelfall an.“ Bei Umzug werde ein Patient wohl noch aufgenommen. Arztwechsel innerhalb Werls lehne er aber grundsätzlich ab. 2022 will der Arzt in Rente gehen, die Nachfolgeregelung ist unklar.

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