Branche sorgt sich

Friseure in Angst: „Die Not ist groß“

Duha El´Hadjomar, selbstständige Friseurin aus Werl mit Team in ihrem Salon
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Duha El´Hadjomar, selbstständige Friseurin aus Werl, sagt: „Wir müssen doch auch von etwas leben.“

Die Friseure bekommen schon lange einen Föhn. Und zwar nicht, um den Kunden die Haare schön zu machen. Den haben sie erst seit kurzem wieder in der Hand. Sondern den sprichwörtlichen; sprich: Dauer-Ärger durch die Corona-Pandemie. 

Immer neue Regelungen, neue Anträge, Sorgen und Ängste: In der Branche geht die Angst um die Zukunft schon lange um. Den Friseuren bläst der Wind ins Gesicht. Und apropos Föhn: „heiße Luft“ bei Versprechen schneller staatlicher Hilfen, die dann doch eher zäh fließen, kann man schon gar nicht gebrauchen, sagen Duha El’Hadjomar (Werl) und Silke Sandknop-Limbrock (Hovestadt) unisono.

Beide haben einen Friseursalon, die eine in Werl, die andere im Lippetal. Und beide fordern klarere Regelungen und Hilfe für Kleinunternehmer nach monatelangem Kampf zwischen Lockdown, Überbrückungshilfen, Kurzarbeitergeld und purer Existenzangst. Ein drohender neuer Lockdown, womöglich wieder unter Einbezug der Friseure?

Davor graut es den Friseurinnen. „Es muss Schluss sein, mit den Maßnahmen immer auf dieselben Gruppen zu zielen“, sagt Frank Baader, Partner von Duha El’Hadjomar. Gleichbehandlung sehe anders aus. Die Friseurbranche habe ihren Beitrag wahrlich geleistet, nicht alle würden überleben. Das gelte auch für den Einzelhandel, die Gastronomen. Da liege vieles im Argen, was nun womöglich noch weiter gebeutelt wird. „Sollte es erneut zu Schließungen kommen, müssen andere Branchen dran sein.“ Die Industrie dürfe arbeiten, das Handwerk auch – das müsse man hinterfragen dürfen. Zuletzt habe es immer die gleichen Branchen getroffen, wenn es um Schließungen ging – ohne den gewünschten Effekt dauerhafter Infektionssenkungen zu erzielen. „Die Ungleichbehandlung ist ein Schlag ins Gesicht für uns Friseure.“

Auch Duha El’Hadjomar sieht andere Branchen bevorzugt. „Aber wir müssen doch auch von etwas leben.“ Mittlerweile komme sie sich vor wie ein Bettler, sagt die Werlerin. „Das ist entehrend, man schämt sich.“ Langsam platze der Kragen nach zwei Zwangsschließungen. „Ich kann kaum noch vernünftig schlafen, wir können unser Handwerk nicht richtig ausüben und fühlen uns wie Versuchskaninchen.“

Stimmt, man müsse mal schauen, was die Regierung bislang nicht geschlossen habe, sagt Silke Sandknop-Limbrock, Friseurin aus dem Lippetal. Dass es „ständig neue Bestimmungen“ bei den Überbrückungshilfen gebe, ärgert sie. Und dass Friseure nun schon angeben sollen, welche Umsatzergebnisse und -einbrüche sie bis zum Sommer erwarten, sei ein Unding. „Das können wir doch gar nicht abschätzen.“ Die ständigen Unsicherheiten, in denen auch die Mitarbeiter leben, sei belastend. „Wir kennen heute die Voraussetzungen nicht, unter denen wir morgen arbeiten sollen“, sagt die Geschäftsfrau. Eigentlich wolle man nun nach dem zehnwöchigen Lockdown mit dem ganzen Team möglichst viele Kunden bedienen, könne das aber wegen der Abstandsvorgaben nicht. Also hat sie fünf Plätze rausnehmen müssen, hat jetzt noch sechs Plätze. Ihr Fazit: „Die Not ist groß.“

Eine grundsätzliche Kritik übt Frank Baader: Der Unternehmer an sich werde nicht unterstützt, bleibe auf der Strecke. Dabei müsse er doch auch sehen, wo er bleibt, wie er überlebt. Eine Einschätzung, die Silke Sandknop-Limbrock teilt: „Wir als Unternehmer haben keinen Pfennig Geld bekommen.“ Nun müsse ihr Mann für sie aufkommen, „dabei habe ich immer eigenes Geld verdient.“ Ein „Unternehmerlohn“ fehle.

Die Überbrückungshilfe für den zweiten Lockdown habe sie noch gar nicht beantragt vor dem Hintergrund ständig wechselnder Regelungen, sagt die Hovestädterin. Das Kurzarbeitergeld fließe zäh, hinzu komme ein Ausbildungszuschuss für Azubis, die sechs Wochen lang kein Kurzarbeitergeld bekommen dürfen, sondern ein Anrecht auf Lohnfortzahlungen haben. Viel Papierkram also. Das überfordere selbst die Steuerberater. „Was heute stimmt, ist morgen schon nicht mehr richtig. Es ändert sich quasi stündlich“, sagt die Unternehmerin, die den Salon Limbrock (vier Mitarbeiter) betreibt.

Unterm Strich bleibt nichts übrig

Duha El’Hadjomar bezeichnet das Finanzamt als „stillen Teilhaber“ ihres Salons in der Bäckerstraße, den sie seit zehn Jahren betreibt. Nichts bleibe in diesen Monaten der Pandemie unterm Strich für die Friseure („Ich rede für viele Salons“) übrig. Wo nicht gearbeitet werden kann, kann auch kein Gewinn erzielt werden. Im Gegenteil: Sie habe einen Kredit in fünfstelliger Höhe aufnehmen müssen, um den Betrieb im zweiten Lockdown über Wasser zu halten. Denn die Fixkosten bleiben ja. Die ersten Hilfen vor einem Jahr im März seien noch schnell gekommen, danach aber hätten sich die Vorgaben zur Verwendung immer wieder geändert, zum Beispiel bei der Frage des Eigenbedarfs des Unternehmers.

Und so klagen die Friseure über schwere Verluste durch die Gesamtentwicklung und Zwangsschließungen, zudem über spürbare Verunsicherungen bei Kunden. Mit dem zweiten Lockdown habe die Regierung der Branche das Weihnachtsgeschäft genommen. Die neuerlichen Überbrückungshilfen, die im Januar greifen sollten, habe man erst am 10. Februar beantragen können, sagt Baader. Selber machen dürfe man das nicht, man müsse einen Steuerberater beauftragen. „Das sind wieder zusätzliche Kosten.“ Rücklagen seien längst aufgebraucht.

Bis zu 90 Prozent der absetzbaren Fixkosten könne man zwar geltend machen, aber einen Gewinn habe man nicht. Und Krankenkassenbeiträge oder auch Darlehen fallen nicht unter Fixkosten, müssten aber bedient werden, kritisiert der Werler.

Die absetzbaren Fixkosten seien nur ein Bruchteil der Gesamtkosten. Hinzu komme die zu leistende Vorleistung für das Kurzarbeitergeld. „Uns wird die Geschäftsfähigkeit entzogen, dabei wollen wir eigenes Geld verdienen, um unsere Kosten zu decken“, ergänzt er. Der Unternehmer an sich werde gar nicht berücksichtigt. „Und es wird billigend in Kauf genommen, dass eine ganze Branche kaputt geht.“

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