Frauen, Schwule und Andersgläubige in den Vereinen?

So äußern sich die heimischen Bruderschaften zum Thema Liberalisierung der Satzung

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In welche Richtung marschieren die Werler Bruderschaften und der Hilbecker Verein beim Thema „Liberalisierung der Satzung“?

Werl - Es tut sich was im Schützenwesen: Der Schützenverein Berwicke/Stocklarn/Hacheney hat zwölf Frauen aufgenommen, die Marien-Bruderschaft aus Waltringen will mit einer Satzungsänderung im Schützenbezirk Werl-Ense künftig eine Vorreiterrolle einnehmen. Wie gehen die heimischen Bruderschaften und der Hilbecker Verein mit diesem Thema um?

Frauen in Bruderschaften, Königinnen-Schüsse, homosexuelle Königs- oder Hofstaat-Paare, nicht-christliche Regenten – all das ist für die Schützenvereine möglich.

Den Anfang machte Mithat Gedik 2014. In Sönnern errang er als muslimisches Schützenmitglied die Königswürde. Dadurch fand ein Prozess des Umdenkens statt, der vor knapp zwei Jahren in einem Beschluss des Bundes Historischer Deutscher Schützenbruderschaften mündete.

Alles kann, nichts muss

Der Schützenbezirk Werl-Ense setzte durch, dass ausgetretene Getaufte, Atheisten sowie Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften in den Schützenbruderschaften aufgenommen werden dürfen. Das kann aber jede Bruderschaft individuell entscheiden. Alles kann, nichts muss.

Der Anzeiger fragte bei den sechs heimischen Bruderschaften und beim Schützenverein Hilbeck nach, wie diese es mit der Liberalisierung nehmen – und ob eine Satzungsänderung für sie infrage kommt. Der Tenor bei vielen: Abwarten und schauen, was die anderen machen.

"Gehen das Thema in aller Ruhe an"

Johannes Schröter von der Bruderschaft St. Kunibert aus Büderich erklärt: „Wir gehen das Thema in aller Ruhe an und wollen nichts überstürzen. Noch haben wir keine Mitglieder in unseren Reihen, die eine neue Satzung unbedingt durchsetzen wollen.“ Sollte sich das ändern, wolle man das Thema mit der Kirche – in diesem Fall mit Pater Shijo von der Propsteigemeinde – besprechen. Sollte Ähnliches wie in Sönnern passieren, wolle man da jedoch „keinen Strich durch die Rechnung“ machen.

Die Liberalisierung werde sicher auch Thema bei der Generalversammlung zwei Wochen nach Ostern sein, sagt Schröter. Zudem führen die Blaukittel momentan Gespräche mit dem Bauamt. Die bestehende Garage soll noch in diesem Jahr um das Doppelte vergrößert werden.

Sonderstellung für Hilbeck

Der rund 400 Mitglieder starke Schützenverein Hilbeck um Hauptmann Dirk Reinold kann sich entspannt zurücklehnen, muss sich Fragen zur neuen Satzung nicht stellen. Die Möglichkeiten, über die diskutiert wird, gebe es in Hilbeck schon immer, so Reinold. Dort gibt es keine Bruderschaft, sondern einen Verein. In diesem hat mit Astrid Korte im Jubiläumsjahr 2004 eine Frau den Vogel abgeschossen.

Bei den Holtumer St.-Michael-Schützen sieht die Sache anders aus. „Das wir etwas machen müssen, ist klar“, sagt Brudermeister Michael Fehr gt. Hoberg. Dort wolle man bis zur nächsten Generalversammlung im kommenden Jahr regeln, inwieweit die Satzung geändert werden muss. Man müsse aber erst mit dem Vorstand und dem Präses Rücksprache halten, so Michael Fehr gt. Hoberg.

"Bin dafür, dass wir mit der Zeit gehen"

„Eigentlich wollten wir das schon im vergangenen Jahr regeln“, sagt der Brudermeister. Doch Ereignisse wie zum Beispiel das Stadtschützenfest hätten viel Zeit in Anspruch genommen. „Ich bin dafür, dass wir mit der Zeit gehen“, betont er. Der Holtumer Bruderschaft gehe es gut, es sei kein Mitgliederschwund bemerkbar – im Gegenteil: „In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder um über 100 erhöht“, schildert der Brudermeister, „von 220 auf 325.“

Die St.-Georg-Bruderschaft Sönnern hat momentan ganz andere Sachen auf der Agenda. So muss die Halle nach dem Brandschaden vor zwei Jahren weiter in Schuss gebracht werden. Außerdem warten die Schützen noch immer auf eine Entscheidung des Finanzamtes. Dieses hat der Schützenhalle die Gemeinnützigkeit abgesprochen.

Einspruch gegen Grundsteuer-Bescheid

Die Bruderschaft hat Einspruch gegen den vorliegenden Grundsteuer-Bescheid eingelegt. Es gilt, dem Finanzamt nachzuweisen, dass die wirtschaftliche Nutzung keinesfalls, wie im Steuerbescheid unterstellt, überwiegt. Auch müsse man sich um die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) kümmern.

„Wenn wir in ruhigeres Fahrwasser kommen, können wir uns um das Thema Satzungsänderung kümmern“, erklärt Brudermeister Olaf Schmitz. In der Schützenhalle sei man momentan mit der Elektronik beschäftigt, auch müsse der Thekenbereich geplant werden. „Das hat jetzt erst einmal Vorrang“, so Schmitz.

"Frauen sind bei uns schon lange Mitglieder"

Burkhard Schröder, Chef der Werler St.-Sebastianus-Schützen, macht deutlich: „Frauen sind bei uns ja schon lange Mitglieder.“ Den anderen Themen der neuen Satzung wolle man sich „mit der nötigen Ruhe und Sorgfalt widmen“, sagt Schröder. „Es geht ja um grundsätzliche Sachen, das müssen wir genau sondieren.“ In diesem Jahr steht aber erst einmal das 525-jährige Jubiläum der Werler Schützen auf dem Programm.

Auch bei den Westönner St.-Sebastianus-Schützen bleibt Liberalisierung „immer ein Thema“, wie Brudermeister Christoph Zeppenfeld sagt. Es werde bei den verschiedenen Sitzungen angesprochen. Er sagt aber auch: „Wir wollen keinen blinden Aktionismus, uns drängt ja auch nichts.“ Und weiter: „Wenn wir etwas machen, dann wollen wir es einheitlich haben.“

"Werden das Thema nicht einschlafen lassen"

Wichtig sei vor allem, die Stimmungslage in der Mitgliederschaft auszuloten. Die Bruderschaft sei auch noch nicht sicher, ob überhaupt etwas geändert werden soll. „Wir werden das Thema nicht einschlafen lassen. Schließlich ging der Ausgangspunkt für die Debatte vom Bezirk Werl-Ense aus“, betont Zeppenfeld. Dennoch wolle man sich Zeit lassen.

Theodor Hünnies, Brudermeister der Mawicker St.-Hubertus-Schützen, sieht zurzeit nicht den Wunsch nach einer Liberalisierung in seinen Reihen, wie er bereits im Gespräch mit dem Anzeiger erklärte. Er sagt aber auch: „Wir stehen einer Debatte offen gegenüber und suchen weiterhin den Austausch mit unseren Mitgliedern.“

Kommt nicht Drumherum, "sich zu öffnen"

Man werde „auf gar keinen Fall drum herum kommen, sich zu öffnen“, müsse aber die Versammlung als oberstes Entscheidungsorgan respektieren. Eine Liberalisierung stehe aktuell auch wegen des ausbleibenden Interesses von Frauenseite nicht zur Debatte. „Wenn aber die ersten bei uns klopfen, müssen wir reagieren“, so der Mawicker Brudermeister.

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