Haareschneiden im Lockdown

Friseurin spricht über ihre Lage

Sonderbehandlung: Für Kunden, die Angst haben, sich anzustecken, hat Duha El-Hadjomar einen eigenen Raum eingerichtet.	Fotos: Bunte
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Sonderbehandlung: Für Kunden, die Angst haben, sich anzustecken, hat Duha El-Hadjomar einen eigenen Raum eingerichtet. Fotos: Bunte

Corona und die Friseure - das ist mittlerweile eine lange Geschichte. Wir haben mit einer Friseurin über die Auswirkungen der Pandemie auf ihr Geschäft gesprochen.

Werl – In einem Nebenzimmer hinter verschlossener Tür wird eine Kundin gesondert frisiert. Nicht, weil es sich um eine Promimente handelt, die von Autogrammjägern abgeschirmt werden muss. Dieser Raum ist reserviert für Kunden, die Angst haben, sich im eigentlichen Salon möglicherweise doch anzustecken – trotz der Masken, trotz der Abstände, trotz der Desinfektionsmittel. „Ich fühle mich hier sicher, kann jederzeit das Fenster aufmachen und entspannt sitzen, ohne Angst haben zu müssen, mich anzustecken“, meint sie.

Duha El-Hadjomar lächelt, doch eigentlich „stehen mir die Tränen seit Tagen in den Augen, mein Herz rast“. Die Inhaberin des Salons Duha Hair Fashion in der Bäckerstraße wisse nicht, wie lange sie ihn unter den gegenwärtigen Bedingungen aufrecht erhalten könne.

Viele Stammkunden bleiben weg

Denn wer in den Lockdown gehen muss, könne zumindest auf die Gelder vom Staat hoffen, die 75 Prozent der Einnahmen vom November 2019 betragen sollen. Hingegen wer öffnen darf, müsse sehen, dass die Kundschaft nicht ausbleibt. Und genau hier liege das Problem: „Seit Beginn der Pandemie haben wir 270 unserer Stammkunden nicht mehr gesehen“, meint sie.

„Wir haben noch das Glück, eine relativ große Fläche zu haben. Unsere Stühle sind weit genug von einander entfernt, um keinen freilassen zu müssen – wir tun es aber dennoch“, meint sie und zeigt auf einen Platz, der mit gelbem Klebeband markiert ist. „Dennoch, wir haben 30 Prozent Verlust, und Kollegen mit kleineren Salons, die weniger Kunden gleichzeitig bedienen können, sicherlich noch mehr.“

Sie habe Angst, erzählt sie, „weniger vor der Krankheit. Die gibt es, daran besteht für mich kein Zweifel.“ Nein, vielmehr Existenzangst, und sie spreche für viele Saloninhaber, mit denen sie gesprochen habe, in Werl, im Kreis Soest, im Land und bundesweit.

Menschen werden nicht informiert

Wöchentlich gingen sie und ihre Mitarbeiter zum freiwilligen Corona-Schnelltest, erzählt sie und weist auf Wunsch auch die Atteste vor. Das koste natürlich zusätzliches Geld, das ihr niemand erstatte. Ihr Team trägt durchgängig Maske, sie selber als einzige nicht, sie hat aus gesundheitlichen Gründen ein Attest: „In der Fußgängerzone oder beim Einkaufen trage ich eine, aber zehn oder elf Stunden am Stück, das steht meine Lunge nicht durch, und dann bekomme ich Panikattacken.“

Sie geht davon aus, dass die Menschen aus Angst vor einer Infektion nicht mehr kommen, auch aus Unsicherheit, weil man aufgrund der sich ständig ändernden Vorschriften rasch den Überblick verliert, was gerade erlaubt ist und was verboten. Vor allem aber vermisse sie, dass die Menschen nicht informiert werden, warum der Gang zum Friseur erlaubt ist und der ins Restaurant nicht: „Der Kellner steht jeweils zwei Minuten am Tisch, um die Bestellung aufzunehmen, zu servieren oder abzukassieren. Wir dagegen stehen eine halbe Stunde mindestens direkt am Kunden. Wenn wir nicht schließen müssen, warum dann die Restaurants? Warum klärt man die Leute nicht über die Gründe dafür auf?“

Obendrein werde durch diese Maßnahmen die Schwarzarbeit gefördert: „Selbst im ersten Lockdown, der auch die Friseure betraf, sah man Menschen mit frisch frisierten und gefärbten Haaren.“ Manch einer habe sich wohl heimlich und privat daheim die Dauerwelle legen lassen. Oder greife zu billigen Haarfärbemitteln, „die wir dann wieder auswaschen müssen.“

Weihnachtsgeld ist nicht drin

Als Selbstständige mit eigenem Salon wirke sie nach außen, als hätte sie einen großen finanziellen Puffer: „Aber dem ist nicht so. Was bleibt denn übrig nach Abzug der Steuern und anderer laufenden Kosten wie Miete, Versicherung, Löhnen sowie natürlich der über die Jahre gestiegenen Kosten für Strom, Gas und Wasser? Wenn ich 30 Prozent Verlust mache, dann kann ich doch meinen Mitarbeitern nicht 30 Prozent Lohn abziehen. Viel lieber würde ich ihnen mehr zahlen können. Aber nicht einmal Weihnachtsgeld ist gerade drin. Würden wir Stundenlöhne wie andere Handwerksbranchen nehmen, müssten wir das Doppelte verlangen. Ich arbeite nur noch, um Kosten zu decken und ohne mich als selbstständige Kleinunternehmerin fürs Alter absichern zu können.“

Mit den Preisen herunterzugehen sei daher auch keine Alternative, „dazu hätten wir bereits vor der Pandemie höhere Preise verlangen müssen, um uns so ein Polster zu verschaffen – aber dann rennen viele stattdessen den Billigsalons, die gerade wie Pilze aus dem Boden sprießen und wo nicht einmal jemand einen Meistertitel hat.“

Jetzt geht es auf Weihnachten zu. Und sie fürchtet, dass sich die Kunden, wenn überhaupt, allesamt erst in den kurz vor dem Fest dazu aufraffen, sich für die Verwandtschaft obenrum hübsch zu machen, was gerade dieser Tage einen nicht zu verarbeitenden Andrang bedeuten würde. Daher appelliert sie: „Bitten Sie bei ihren Frisiersalons frühzeitig um Termine.“ Und wenn ein Kunde nachweisen könne, dass er im Moment selber finanziell angeschlagen ist, dann gehe sie auch mit dem Preis runter: „Wir sind ja keine Sadisten.“

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