„Wählt keine Monster!“

Hitzige Podiums-Diskussion zur Europawahl im Forum der Ursulinenschulen in Werl

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Oberstufenschüler beider Gymnasien waren zu der zweistündigen Diskussion eingeladen

Werl - Fünf Politiker aus fünf Parteien trafen am Dienstag im Forum der Ursulinenschulen bei einer Podiums-Diskussion zur Europawahl aufeinander.

Dr. Peter Liese war als Vorsitzender der CDU-NRW Europagruppe der Einladung gefolgt, obwohl er zuvor bereits einem Termin mit Julia Klöckner in Olpe zugesagt hatte, weshalb er bereits 45 Minuten vor Ende den Saal verlassen musste.

Doch vorher ließ er Dampf ab. „Diesem Typen bitte nicht glauben“, sagt er mit Verweis auf den Vertreter der AfD, Sebastian Schulze, Stellvertretender Sprecher im Bezirk Arnsberg.

Von "Fake News" und "Massenmedien"

Zuvor hatte er zwar sachlich argumentieren wollen, doch nach seinem Aufruf, nicht zu glauben, „was Ihr in den Massenmedien“, die er später auch als „Nanny-Medien“ und „betreutes Denken“ bezeichnete, „lest, denn das sind meist nur Fake News“, ging ein erstes Raunen durch die Reihen.

Er warb für eine AfD-nahe Doku, die sich die Schüler stattdessen anschauen sollten. Der Euro säe nur Unfrieden, brüskierte er seine Kollegen, und bald ließ das Mindestmaß an Applaus, das jeder Teilnehmer für seine Wortmeldungen erhielt, in seinem Falle merklich nach.

"Habe geholfen, ein Monster zu züchten"

„Wir haben im Europäischen Parlament sieben Abgeordnete der AfD“, fuhr Liese fort. „Bei jeder Veranstaltung, auf der ich auftrete, frage ich, ob mir jemand sagen kann, was sie für Deutschland oder unsere Region erreicht haben, und niemand kann es mir sagen. Es geht ihnen nicht um Lösungen von Problemen, sondern um Populismus und Dagegensein. Die Partei ist immer weiter nach rechts gerückt, es sind echte Nazis dabei, und sechs dieser Abgeordneten sind mittlerweile ausgetreten. Einer ist der frühere Vize-Vorsitzende Hans-Olaf Henkel, er hat gesagt: Ich habe geholfen, ein Monster zu züchten.“

Bei der Podiumsdiskussion diskutierten mit Moderator Marcel Westervoß (Mitte) und den Schülern die Politiker (von links) Dr. Peter Liese, Birgit Sippel, Tim Behrendt, Jan Ovelgönne, Fotis Matentzoglou und Sebastian Schulze.

Unter Störrufen des AfD-Kreissprechers Dr. Wilfried Jacobi, der von der ersten Reihe aus zuhörte, fuhr er fort: „Wählt keine Monster, wählt nicht die AfD.“ Fotis Matentzoglou, europapolitischer Sprecher der Linken aus Castrop-Rauxel, ließ sich später dazu hinreißen: „Von mir aus wählt lieber die FDP als die AfD.“

Souverän moderierte der ehemalige Ursulinenschüler Marcel Westervoß die Veranstaltung. Nach seinem Abitur vor sechs Jahren steht er jetzt am Ende seines Masterstudiums in Sozialwissenschaften. Zum Auftakt hatte er jedem Politiker die Frage gestellt, warum man zur Wahl gehen soll.

"Informiert euch gründlich"

Auch hier zeichnete sich bereits jene Übereinstimmung ab, die Tim Behrendt, Möhneseer EU-Kandidat der FDP, am Ende zusammenfasste: „Wir liegen in unseren Zielen nicht weit voneinander entfernt, nur darin, wie wir sie erreichen wollen. Das lässt sich aber nicht in 140 Zeichen zusammenfassen, daher informiert Euch gründlich.“

Sonst drohe eine Situation wie bei den Briten, meinte Liese: Junge Menschen, die nun mit den Folgen leben müssten, seien kaum zur Wahl gegangen. Viele, die vor drei Jahren für den Brexit gestimmt hätten, seien inzwischen tot, „überlasst den Alten nicht die Zukunft“.  Birgit Sippel, die für die SPD im EU-Parlament saß, sagte: „Zu wählen heißt, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen, statt es anderen zu überlassen.“

Fragen zum Upload-Filter

Nun durften die Schüler Fragen stellen. Bei der Ersten geht es um den Upload-Filter. Liese sah die Notwendigkeit, Urheberrechte zu schützen, den Filter jedoch nicht als probates Mittel und war damit erstaunlich nah bei dem Arnsberger Jan Ovelgönne, der für die Grünen kandidiert. Er fürchtet, die Meinungsfreiheit könne erheblich eingeschränkt werden durch Algorithmen, die entscheiden, was im Netz erscheinen darf und was nicht.

Schulze dagegen verspielte seine Möglichkeit, zum Thema zu sprechen, weil er seine Redezeit für eine Antwort auf Lieses Attacke nutzte: „Wer unsere bürgerliche Partei so betitelt, der verharmlost diese Zeiten. Das sind offenbar die letzten Zuckungen, die Sie haben, so etwas hätte ich von Ihnen als promoviertem Arzt nicht erwartet.“

AfD-Kritik an "Fridays for Future"

Auch mit einer Äußerung zur Frage, wie die Politiker zu „Fridays for Future“ stehen, machte er sich nicht beliebt: Greta Thunberg sei ein reines Marketingprodukt einer Kampagne, die darauf abziele, höhere CO2-Steuern durchzusetzen und „den Bürger dadurch noch mehr auszuquetschen“.

Die übrigen Politiker unterstützten die Proteste oder zeigten zumindest Verständnis, selbst Behrendt widersprach seinem Bundesvorsitzenden, als er sagte, er sei von den Protesten „absolut überzeugt“. Gegen Ende sorgte auch er noch für einen Lacher. In den letzten Runden haben die Politiker nur noch 30 Sekunden Zeit, um auf die Fragen zu antworten, und als ein Schüler eigentlich nur AfD-Mann Schulze eine Frage stellen wollte und Moderator Westervoß sie auch an die übrige Runde gab, meinte Behrendt: „Ich gebe meine 30 Sekunden gerne an ihn ab. Denn er redet so viel Unsinn, dass er gerne doppelt so viel Zeit dafür haben darf.“

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