Ex-Grobschnitt-Rocker Eroc investierte 1000 Arbeitsstunden

Musiker stellt Doku zu früherem Militärsender CAE online

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Etliche Fotos hat Eroc für seinen Film koloriert. Dieses zeigt das Team der letzten Jahre.

Werl – Radio CAE war sein Lieblingssender. Zum 50. Jahrestag der Einstellung des Sendebetriebs hat Joachim Heinz Ehrig alias "Eroc" nun einen Dokumentarfilm über den einstigen kanadischen Militärsender aus Werl erstellt.

"Und jetzt: das Ende. Zum letzten Mal schließen wir einen Sendetag bei Radio CAE. Wir hoffen, dass unsere Unterhaltung Ihnen gefallen hat. Wir unsererseits haben den Kontakt mit Ihnen sehr geschätzt, und es ist uns eine Freude gewesen, Ihnen auf diese Weise dienen zu können. Wir alle hier bei Radio CAE wünschen Ihnen eine gute Nacht, goodbye und alles Gute.“ 

Das Tonbandgerät, noch immer funktionstüchtig, und die Bänder von einst besitzt Eroc noch heute.

Mit diesen Worten und leicht bebender Stimme verabschiedete sich Intendant Barclay McMillan erst von seinen deutschen Zuhörern, dann auf französisch und auf englisch von seinen kanadischen Landsleuten. Ein letztes Mal erklang deren Nationhymne, der Rest war Schweigen. Oder vielmehr: Rauschen, weißes Rauschen. Um Punkt 0 Uhr in der Nacht zu Montag, 19. Oktober 1970, stellte Radio CAE (Radio Canadian Army Europe) nach 14 Jahren den Sendebetrieb ein, da die kanadischen Truppen, für die die kleine Station aus dem Werler Stadtwald sendete, abgezogen und in den Schwarzwald verlegt wurden. 

Doch nicht nur für sie sendete das zwölfköpfige Team. Es gab ein sogenanntes „Shadow Audience“, ein Schattenpublikum, also Zuhörer, die eigentlich nicht zur Zielgruppe gehörten: die Deutschen. Einer von ihnen war gerade einmal 18 Jahre alt, hatte die Station im Sommer zuvor besuchen dürfen, wusste daher, dass ihre Tage gezählt waren, saß nun vor seinem Röhrenradio, an das der Tüftler ein Tonbandgerät angeschlossen hatte, um die letzten vier Stunden aufzuzeichnen, und heulte Rotz und Wasser, als sein Lieblingssender den Betrieb einstellte. Joachim Heinz Ehrig heißt er, und genau zum 50. Jahrestag präsentiert er nun einen Dokumentarfilm, der am späten Sonntagabend auf Youtube Premiere feiern wird. 

Bei der Jugend war der Sender wegen seines Musikprogramms extrem beliebt.

„Musikalisch sozialisiert“ von Radio CAE, spielte Ehrig mit seiner ersten Band vor den Kanadiern und war als Schlagzeuger später Gründungsmitglied einer Krautrockband, die Musikgeschichte schreiben sollte: Grobschnitt. Unter seinem Spitznamen „Eroc“, abgeleitet vom Nachnamen, landete er 1979 mit der Instrumentalnummer „Wolkenreise“ einen Riesenhit. 

Heute ist Eroc 68, lebt südlich von Hagen in Breckerfeld und poliert in seinem Studio alte Musikaufnahmen für Wiederveröffentlichungen auf. „Remastern“ nennt man das im Fachjargon. Seine Originalaufnahmen von damals hat er heute noch, ebenso das Tonbandgerät, noch echte Wertarbeit, „das wird mich noch überleben“, dazu zig Bänder, die ihm überlassen wurden. Aufnahmen, die von CAE an die britischen Kollegen von BFBS geschickt wurden, die auf diese Weise komplette Sendungen übernahmen. Zudem die Original-Schallplatte mit der Nationalhymne, die allabendlich zum Sendeschluss gespielt wurde. Alles noch in mono. 

Über hundert alte Fotos koloriert

Seit Jahrzehnten hält Eroc Kontakt zu früheren Mitarbeitern, ermöglichte ihnen, als die verfallenden Baracken im Stadtwald noch standen, Besuche im Sperrgebiet. Als Anerkennung hat die kanadische Armee ein Minensuchsystem nach ihm benannt. Doch so langsam sterben die Veteranen von einst weg. Deshalb will Eroc ihnen ein filmisches Denkmal setzen. Mehr als 1000 Stunden habe er seit Januar in den 50-minütigen Film investiert. 

Das Team von 1956 feiert Geburtstag.

„Der letzte lebende der vier Techniker, Ludwig Ruhs, lebt zwar immer noch in Werl“, fährt er fort. „Doch vom früheren Programmdirektor Ted Wood höre ich aus gesundheitlichen Gründen seit drei Jahren nichts mehr. Mein enger Freund, der Tontechniker ‘Texas’ Heinz Gunnesson, starb vor einigen Jahren, und als auch Barclay McMillan im November plötzlich verstarb, das war ein Schock. Wir standen bis zuletzt in Kontakt.“ McMillan war letztmalig 2011 nach Werl gekommen, blickte betroffen auf seine völlig heruntergekommene frühere Wirkungsstätte. 

Barclay McMillan (Mitte), letzter Intendant von Radio CAE, besuchte letztmalig in 2011 mit Eroc (rechts) und Werls Umweltbeauftragtem Andreas Pradel die verfallenden Victoria Barracks im Werler Stadtwald. Am 2. November vergangenen Jahres verstarb McMillan im Alter von 87 Jahren.

Eroc: „Und dann merkte ich, dass das Ende von Radio CAE sich in 2020 zum 50. Mal jährt. Ich bin der einzige, der Material hat und etwas zu dem Thema machen kann.“ Zunächst wollte er nur alte Fotos online stellen. Dann kam ihm die Idee, jene letzten vier Stunden am morgigen Sonntag ab 20 Uhr per Kurzwelle noch einmal über den Äther zu jagen – was er auch tun wird. Doch daraus entwickelte sich letztlich der Dokumentarfilm. 

Gut mit Helmuth Euler befreundet

Er besteht ausschließlich aus Archivmaterial. Kein Moderator, keine Stimme aus dem Off. Ausschließlich untertitelte Originaltöne, alte Videos und Fotos. Und hier kommt ein weiterer „Veteran“ ins Spiel: der im März verstorbene Werler Fotograf und Chronist Helmuth Euler. Auch er ist im Film zu sehen. Mit ihm hatte sich Eroc rasch angefreundet, durfte viele seiner alten Fotos verwenden. Im Film finden sich so einige wieder. Mit einem markanten Unterschied: Eroc hat fast alle koloriert, „sicherlich mehr als hundert“. Das alleine habe rund die Hälfte der Arbeitsstunden ausgemacht. 

Bei Radio CAE erforschte man auch gerne urdeutsche Kulturgüter - wie zum Beispiel Karneval.

„Werl war das Ohr zur Welt“, blickt Eroc zurück. Er hätte natürlich auch den WDR hören können, „aber der hatte damals kein Gefühl für die Musik. Die Moderatoren waren einfach nicht in der Musik drin: ,Und nun unterhalten wir Sie mit leichter Musik bis zu den Nachrichten‘ – das war nichts für die Jugend. Die bekam ja auch über BFBS mit, was in den Charts lief. Wer eine lange Antenne im Garten hatte, bekam auch die Amerikaner von AFN aus Frankfurt rein. Aber CAE lag am nächsten, hatte auf UKW die beste Tonqualität und spielte Sachen, die wir im WDR nicht zu hören bekamen. Neue Stücke der Yardbirds, meiner Lieblingsband, hörte ich bei CAE zum ersten Mal.“ 

Da er zu den wenigen gehörte, die zwei Tonbandgeräte besaßen, konnte er seine Aufnahmen schon damals mit Schulkameraden teilen. Doch er ging einen Schritt weiter und jagte sie über einen kleinen Piratensender raus, damit alle anderen selber mitschneiden konnten: „Heiligabend 1966 habe ich den ganzen Tag die heißeste Musik gesendet“, lacht er. Als jedoch auf einmal ein Peilwagen durch sein Viertel kurvte, schaltete er ganz fix ab. Nun hofft er, dass am Sonntag möglichst viele einschalten: damit zumindest die Erinnerung an Radio CAE „on the air“ bleibt.

Links und Frequenzen 

Mehr zu Eroc und Radio CAE sowie der Link zum Video auf Erocs Homepage. Ab Sonntag, 20 Uhr sendet Eroc auf 7 500 kHz (7.5 MHz) über Kurzwelle im 41-Meter-Band die letzten vier Stunden Programm von Radio CAE. Der Film wird auf Youtube am Sonntag um 23.30 freigeschaltet – so, dass der Moment, in dem das Abschalten des Senders dokumentiert ist, bei der Premiere der Doku genau auf Mitternacht fällt. Mehr zu Radio CAE auch auf Wikipedia.

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