"Darf ich rein?"

Coronavirus in Werl: Einzelhandel fährt wieder hoch - mit Abstand

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Bianca Prinz und Julia Mitko sind wieder im Dienst für die Kunden, sogar mit Handdesinfektion.

Werl - „Darf ich rein?“ Das war die wohl meistgestellte Frage am Montag. Der Werler Einzelhandel fährt wieder hoch. Unsere Redaktion hat sich auf den Weg gemacht, das Leben in der Fußgängerzone wiederzufinden.

Noch ist der Betrieb in Werls Bummelmeile verhalten. Die Lücken zwischen den ohnehin vorhanden Ladenleerständen haben sich aber wieder mit geschäftigem Treiben gefüllt. Warenständer der Textiliten und Schuhgeschäfte stehen vor den Türen, die Frühjahrs- und Sommerware muss endlich an den Mann und die Frau gebracht werden.

Birgit Peter treffen wir vor dem Kräuter- und Gewürzgeschäft Steinweger. Nein, bummeln sei sie nicht. Sie war in der Apotheke und hat gerade zwei Töpfe Kräuter eingekauft. „Ich bin bin da eher vorsichtig mit dem Rausgehen“, sagt die Werlerin noch abwartend.

„Immer zuhause sitzen ist nicht schön,“ sind sich dagegen Sivri und Karakeoze Sedat einig, die sich ein paar Meter weiter das Schuhangebot in der Steinerstraße anschauen. Sie genießen es, mal was anderes zu sehen.

Coronavirus in Werl: Sehnsucht nach Kaffee in der Sonne

Ebenso Waltraud Stefania, die nach 14 Tagen nun den Umtausch ihrer schwarzen Hose persönlich erledigen kann. Sie trifft auf ihre Bekannte Anni Tillmann. Beide bedauern, dass sie (noch) keinen gemeinsamen Kaffee in der Sonne trinken können.

In der Damenboutique „La donna“ ist frau mit etwas eingeschränkten Öffnungszeiten wieder am Start. Die Kundinnen sind wieder da – und „das ist richtig gut“, so Inhaberin Patricia Prisco.

Coronavirus in Werl: Sechs Wochen im Krisenmodus

Gegenüber in der Buchhandlung Stein kann man die Kundschaft erst am Donnerstag „in Empfang“ nehmen. An der Händedesinfektion im Eingangsbereich vorbei ist dann nur ein festgelegter Rundgang möglich. Daran arbeiten Sabine Meister und Barbara Rinsche, rücken Mobiliar zurecht. „Wir sind froh, dass wir wieder öffnen“, sagen sie.

Ihr Chef Alexander Stein, der neben dem Stammhaus in Werl auch die weiteren Standorte und rund 100 Mitarbeiter im Blick behalten muss, gibt sich verhalten nach den jetzt rund „sechs Wochen im Krisenmodus“. Kurzarbeit sei seit dem 1. April zwar angemeldet, täglich aber sei die hauseigene Situation neu bewertet worden. „So konnten wir sukzessive hochfahren“, so Stein, denn der Versandhandel lief ja weiter. 

Coronavirus in Werl: Disziplinierte Menschen unterwegs

Damit habe man die schwierige Lage ganz erfolgreich überbrücken können. In Kundenservive, Logistik und Buchhaltung sei darum auch fast Vollzeit gearbeitet worden. Was er sich wünscht? Dass die Stadt (und Politik) Wege findet, dass die Werler Geschäftswelt nach der Krise nicht noch weiter ausblutet. Was er nicht will? Dass die Leute den erforderlichen Abstand zueinander – und zu seinen Mitarbeitern – nicht einhalten: „Dann ist der Laden ganz schnell wieder zu.“

 Aber es scheint zu klappen mit der Disziplin der Menschen, die in der Fußgängerzone unterwegs sind. Viele mit, viele ohne Mundschutz. Renate Patzer treffen wir vor den weiterhin geschlossenen Kaufhäusern C&A und Woolworth. „Ich habe mehr Leute in der Stadt erwartet.“ Nein, sie habe nur einen Gang zur Bank erledigt. „Ich möchte in diesen Tagen noch keine Kleider anprobieren“ und lieber noch auf Nummer sicher gehen. 

Coronavirus in Werl: Hoffentlich keine neue Krankheitswelle

„Wir sind gekommen, um zu bleiben,“ geben sich Bianca Prinz und Julia Mitko in der Parfümerie Pieper optimistisch, dass die Lockerungen Bestand haben. Auch sie arbeiten wie viele im Einzelhandel jetzt erstmal zu leicht verkürzten Öffnungszeiten – im festen Zweierteam. 

Pflegeprodukte, Dekoratives, Düfte – ob als Geschenk oder für den Eigengebrauch – sind rege gefragt. „Vier Wochen zuhause zu sitzen und ungewissen Zeiten entgegen zu sehen“, das fiel beiden schwer. „Wir hoffen nicht, dass es eine neue Krankheitswelle gibt und dass die Leute einsichtig sind.“ 

Coronavirus in Werl: Zu viel Süßes vor dem Fernseher

Im Modemarkt Cruse hinter Distanzstreifen am Boden und Spuckschutz an der Kasse staunen Jutta Müller-Scholz und ihre Kollegin Monika Gersthagen über die Kunden-Disziplin. „Vorbildlich“. Beide freut es, wieder unter Menschen zu sein – im festen Zweierteam auch hier. 

Auch sie waren „in Zwangspause“. Jutta Müler-Scholz hat die viereinhalb Wochen mit intensivem Frühjahrsputz überstanden. Hat aber auch – sie schmunzelt – drei Kilo zugelegt. Zuviel Süßes vor dem Fernseher bei „Shopping Queen“.

Die Wiederbelebung des Handels läuft auch hier. Lieferanten hatten bis jetzt Ware teilweise zurückgehalten, jetzt rollt’s wieder an. Damit auch Margret Bremkes, Stammkundin aus Fröndenberg, ihre „Seele ein bisschen befriedigen“ kann, wie sie sagt. Solange zuhause, das war „ganz schrecklich, man bekam einen Koller“.

Coronavirus in Werl: Warteschlange vor der Tür

Vor dem Drogeriemarkt dm steht eine korrekte Warteschlange draußen. Eine Maskenträgerin appelliert deutlich: „Mundschutz sollte jeder tragen“. Ein weiter hinten stehendes Duo ohne Mundschutz reagiert zickig: „Ist doch dann unsere Schuld, wenn wir krank werden.“ Ende der Diskussion, da die Maskenträgerin sich auf keine weiteren Auseinandersetzungen einlässt und im Laden verschwindet. 

Unser roter (Bummel-)Faden endet am Ende der Fußgängerzone: im Wollgeschäft. Auch hier gelten nach fünf Wochen Stillstand wieder die üblichen Öffnungszeiten mit nun üblichen Abstandsgeboten. Es geht weiter – auch mit Stricken und Häkeln. Die Mitarbeiterin „hat gut zu tun“. Aber bitte weiterhin vorsichtig.

Coronavirus in Werl: Günstige Klamotten à la Dieter Bohlen

Übrigens: Das Virus, das am Montag bei einem Discounter in Werl grassierte, scheint noch schneller um sich zu greifen als Corona: der sogenannte Schnäppchen-Wahn. Allein der Anblick der günstigen Camp-David-Klamotten reichte offenbar aus, um sich zu infizieren. Da halfen auch keine Einlassbeschränkungen, Spuckschutzwände und Klebestreifen. 

Kunden drängten sich dicht an dicht an das etwa 1,5 Meter breite Angebotsregal, griffen übereinander her und untereinander hindurch. Selbst ein Mann, der mit Mundschutz den Laden betreten hatte, scherte sich – die Schnäppchen vor Augen – nicht mehr um Kontaktverbot und Mindestabstand. 

Bei der Aussicht, die selbe Klamottenmarke wie Dieter Bohlen tragen zu dürfen, endet offenbar der gesunde Menschenverstand. Aber vielleicht eignet sich die Pop-Titan-Mode ja auch nur besonders gut, um daheim auf dem Quarantäne-Sofa herumzulümmeln.

Und so lief der erste Tag mit vielen geöffneten Geschäften in Soest.

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