Corona erschwert ehrenamtliche Arbeit

Zahl der geduldeten Flüchtlinge steigt

Die Zahl der Geduldeten unter den Werler Flüchtlingen steigt.
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Die Zahl der Geduldeten unter den Werler Flüchtlingen steigt.

Die Zahl der Geduldeten unter den Flüchtlingen in Werl hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Zum Stichtag 31. Dezember 2020 lebten in der Wallfahrtsstadt 103 Flüchtlinge, bei denen die eigentlich anstehende Abschiebung aus unterschiedlichen Gründen ausgesetzt wurde. 2019 waren es 78, 2018 noch 49. Das geht aus einem Bericht der Verwaltung für den jüngsten Sozialausschuss hervor.

Werl - In dem Bericht der Verwaltung heißt es: „Die Anzahl der geduldeten Personen kann sich auch in den nächsten Jahren weiter erhöhen, da immer mehr Asylverfahren abgeschlossen werden und die Menschen, deren Antrag negativ entschieden wurde, aufgrund unterschiedlichster Abschiebungshindernisse nicht ausreisen werden.“ Das hat unter anderem finanzielle Folgen für die Stadt, vor allem aber leben immer mehr Menschen in Werl, die vor einer ungewissen Zukunft stehen und jederzeit damit rechnen müssen, doch abgeschoben zu werden.

Gründe, die einer Abschiebung entgegenstehen, gebe es viele, sagt die städtische Fachbereichsleiterin Iris Bogdahn. Dazu zählten zum Beispiel eine ungeklärte Herkunft, fehlende Papiere, Krankheiten oder akute Krisensituationen in den Herkunftsländern. Meist handele es sich dabei um langwierige Verfahren, die sich nicht in einem halben Jahr klären lassen. Entsprechend steige die Zahl der Geduldeten. Abgeschoben wurden im vergangenen Jahr sechs Flüchtlinge. Im Vorjahr waren es 14. Dem stehen 50 Zuweisungen im Jahr 2019 und 52 Zuweisungen im vergangenen Jahr gegenüber.

Wohnsituation

Von den 746 geflüchteten Menschen wohnen 223 in städtischen Unterkünften. Darunter viele, die eigentlich gar keinen Anspruch mehr auf eine städtische Unterkunft haben, auf dem freien Wohnungsmarkt aber nur schwer etwas finden, wie Regina Matteikat von der Stadt berichtet. Die städtischen Einrichtungen sind relativ voll. In den Unterkünften für Einzelpersonen sind zurzeit 78 von 100 Plätzen belegt. Sechs von acht Wohnungen für Familien sind bewohnt, die anderen beiden werden als Isolierstation für Corona-Fälle vorgehalten. Von den 32 angemieteten Wohnungen sind wiederum 27 belegt. Um flexibler reagieren zu können, hat die Politik im vergangenen Jahr beschlossen, für 560.000 Euro 20 Wohncontainer in Modulbauweise zu kaufen. Diese sollen im Laufe dieses Jahres an der Straße „Zur Mersch“ errichtet werden.

Für die städtische Integrationsarbeit mache es erstmal keinen Unterschied, ob ein Flüchtling anerkannt oder nur geduldet ist, sagt Bogdahn. Für die Betroffenen selber sei dies aber natürlich eine schwierige Lebenssituation. Und nicht alle Geduldeten dürfen an den offiziellen Sprach- und Integrationskurse teilnehmen, erläutert die städtische Abteilungsleiterin Regina Matteikat. Sie sind dann auf privat organisierte Hilfe, etwas die Sprachkurse der Initiative „Garten der Kulturen“ angewiesen.

746 Flüchtlinge leben in der Stadt

Zum Ende des vergangenen Jahres lebten insgesamt 746 geflüchtete Menschen in Werl. Ende Oktober 2020 waren es noch 754. Von den 746 Flüchtlingen befanden sich zu diesem Zeitpunkt 102 im laufenden Asylverfahren. 541 besitzen eine (befristete) Aufenthaltserlaubnis. Wenn sie nicht alleine ihren Lebensunterhalt bestreiten können, bekommen sie gegebenenfalls Leistungen vom Jobcenter. Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhielten Ende Dezember 163 Personen.

Das Land zahlt der Stadt nach dem Flüchtlingsaufnahmegesetz für jeden Flüchtling im laufenden Verfahren 10.400 Euro. Die tatsächlichen jährlichen Kosten pro Flüchtling taxiert die Stadt allerdings auf 11 400 Euro. Allein das ergibt einen Mehraufwand für die Stadt von 102.000 Euro im Jahr. Kommt es zur Duldung, zahlt das Land nach drei Monaten gar nichts mehr. Die Stadt bleibt vollends auf den Kosten sitzen. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund arbeite zwar mit dem Land an einer Reform, so Matteikat. Noch sei diese aber nicht beschlossen. Diese Reform sieht unter anderem vor, dass die Dreimonatsfrist entfällt und stattdessen künftig pro Geduldeter ein Pauschalbetrag von 12.000 Euro an die Kommunen gezahlt wird.

Einmalige finanzielle Hilfe bekam die Stadt vom Land durch die Weitergabe der Integrationspauschale. Wegen der Corona-Pandemie wurde zudem der Verwendungszeitraum bis 30. November 2021 verlängert. Knapp die Hälfte der rund 790 000 Euro darf die Stadt verwenden, um die Kosten für Geduldete abzufedern.

Geld für Gitarren

Der Rest soll in konkrete Integrationsmaßnahmen fließen. So wurden zum Beispiel neue Gitarren für die Musikschule für Gitarrenkurse für Kinder mit Flüchtlingshintergrund gekauft. Das Jugendzentrum, das inzwischen viel von Jugendlichen mit Migrationshintergrund genutzt wird, bekam einen neuen Medienraum, eine neue Küche und einen Billardtisch. Die Stadt kaufte zudem einen Kleintransporter für Unterstützungsfahrten von Flüchtlingen.

Bewilligt, aber noch nicht abgerufen sind Gelder für den Kauf eines neuen Pagoden-Zeltes für den „Garten der Kulturen“ und eines Beamers sowie Lizenzen für die Computerkurse, Hausaufgabenhilfe und Sprachkurse für Menschen mit Flüchtlingshintergrund.

Lockdown erschwert Ehrenamtlern die Integrationsarbeit

„Wir befinden uns zurzeit im Lockdown -Schlaf“, sagt Franz Fischer vom Werler Integrations-Projekt „Garten der Kulturen“. „Außer individueller Beratung passiert im Moment nichts.“ Der Lern-Container, in dem normalerweise die Sprachkurse stattfinden, sei gesperrt. Auch die Treffen im namensgebenden Garten an der Hammer Straße ruhten wegen des Wetters und der Corona-Bestimmungen. Sobald der Lockdown gelockert werde, wolle man aber wieder loslegen. „Wir haben einiges auf dem Zettel“, sagt Fischer. Dazu zählen neben Sprach- und Computerkursen auch ein Nähkurs und die Hausaufgabenhilfe. Die kostenlosen Angebote richten sich nicht nur an Flüchtlinge, sondern an alle Menschen mit Migrationshintergrund. Auch die Treffen im Garten sollen in der zweiten Märzwoche zumindest in kleinen Gruppen wieder anlaufen – immer vorausgesetzt, das Wetter und die Infektionslage spielen mit. Aus Sicht von Fischer ist der Neustart dringend notwendig. Denn durch den Lockdown seien viele der rund 60 Menschen, die vorher die Angebote der Initiative nutzten, auf sich allein oder den Kreis der Familie zurückgeworfen. Integration und Spracherwerb setze den Austausch mit anderen voraus. Genau das ist aufgrund von Corona nun kaum noch möglich: „Wir werden in vielen Bereichen von vorne anfangen müssen.“ Zumindest telefonisch versucht ein Team von vier Ehrenamtler Hilfe zu leisten. Allein Fischer habe ein bis zwei Anrufe pro Woche und versucht dann bei der Wohnungssuche, bei Wohngeldanträgen oder Nebenkostenabrechnungen zu helfen. Denn für Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, sei der Kontakt mit Behörden per Telefon und Internet noch viel schwieriger als ohnehin schon. Wer Kontakt zum Projekt aufnehmen möchte, kann dies am einfachsten per E-Mail an gartenderkulturenwerl@gmail.com tun.

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