60. Hochzeitstag

Diamantene Hochzeit: Freitag, der 13., wurde zum Glückstag für Werler Ehepaar

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In ihrem Garten: Annelies und Franz-Josef Grote feiern am 13. Mai 2020 ihren 60. Hochzeitstag.

75 Jahre nach dem Kriegsende kamen gerade diejenigen zu Wort, die den Krieg, die Befreiung und die Nachkriegsjahre als Kinder erlebten. Auch Annelies und Franz-Josef Grote erinnern sich an eine entbehrungsreiche Zeit. Doch letztlich führte sie der Krieg auch erst zusammen. Jetzt feiern sie ihren 60. Hochzeitstag.

Werl - Annelies Grote, geborene Hötzel, hatte mit ihren Eltern, den beiden Schwestern und einem Bruder die Heimat in Niederschlesien verlassen müssen. In Reichenbach im Eulengebirge ließ die Familie ein großes Haus und allen Besitz zurück. „Unsere Mutter hat jedem von uns einen Rucksack genäht. Darin kam nur das Nötigste mit“, erinnert sich Annelies Grote, die damals zehn Jahre alt war.

Ihre Mutter hatte bereits als Kind mit ihrer Familie nach dem Ersten Weltkrieg die oberschlesische Heimat verlassen müssen. In Güterwaggons ging es 1945 Richtung Westen – bis nach Werl. In der Turnhalle der Volksschule, der späteren Overbergschule, kam die Familie schließlich an, bevor sie einem Bauernhof in Holtum zugewiesen wurden. „Vier Jahre haben wir dort gelebt, ich bin in Holtum zur Schule gegangen“, sagt Annelies Grote. Die Familie wohnte überm Stall in einfachsten Verhältnissen. An den Futtertrögen für die Schweine, in denen es vor Ratten wimmelte, ging es vorbei zur Toilette. Geschenkt wurde der Familie nichts.

Am Waltringer Weg fand sie schließlich ihre erste Wohnung. Vater Erich baute sich als Kaufmann ehrgeizig eine neue Existenz auf. Franz-Josef Grote, der in der Liebrauenstraße zur Welt gekommen war, hatte mit seinem Bruder Heribert und seiner Mutter Maria die Kriegsjahre allein überstehen müssen. Der Vater war früh gestorben. Da waren die Jungen noch kleine Kinder. Um als Mutter allein überstehen zu können, halfen die Familie und der große Garten, dessen vielfältige Ernte für das ganze Jahr reichen musste. Der Keller stand voller Einweckgläser mit Gurken, Roter Bete, Kirschen, Birnen, Stachelbeeren, Pfirsichen und Marmelade.

Als die Sirenen heulten klapperten die Einmachgläser

Als auch in Werl die Sirenen zum Fliegeralarm heulten, floh die Familie jedes Mal in den Keller. „Da klapperten die Einmachgläser“, erinnert sich Franz-Josef Grote noch heute. Wenige hundert Meter entfernt schlugen Bomben ein. „Das Haus vom Zahnarzt Böhmer am Lüenbrink war zerstört.“ Doch auch die schweren Angriffe auf den wichtigen Güterbahnhof in Hamm hätten noch in Werl die Erde beben lassen.

Nach dem Krieg besetzten amerikanische Soldaten das Elternhaus am Salinenring. Den alten Küchentisch, auf dem die GIs Löcher in die Linoleumplatte brannten, gibt es noch heute. Annelies war 17, als sie einen Tanzkurs besuchte. Dort lernte auch Heribert Grote die Tanzschritte. Irgendwann brachte er seinen älteren Bruder Franz-Josef mit. Annelies fand ihren Tanzpartner und schließlich den Partner für das ganze Leben. Bis zur Hochzeit dauerte es noch eine Weile. „Wir hatten ja beide nicht viel“, sagt Annelies Grote. Sie hatte eine Lehre beim Versandhaus Werner Werl gemacht und im Wulf-Hefewerk gearbeitet.

Franz-Josef Grote fand nach seiner Ausbildung im Ford-Autohaus Siedler in Soest schließlich eine Anstellung bei der Stadtverwaltung Werl, wo er bis zur Rente mehr als 30 Jahre lang tätig war. Am 13. Mai 1960 war es schließlich so weit. Annelies und Franz-Josef traten in St. Walburga vor den Traualtar. „Es war ein Freitag, der 13.“, betonen beide gern, dass es für sie ein Glückstag war. Auch der Regen, der am Nachmittag fiel, bestätigte die Sprichworte, nach denen Regen am Tag der Trauung viele Kinder und viele glückliche Jahre beschere. Drei Söhne und eine Tochter brachte das Paar zur Welt.

Fünf Enkelkinder und eine Urenkeltochter

Inzwischen gibt es fünf Enkelkinder und eine Urenkeltochter. Die ersten Jahre hatte die junge Familie mit den beiden ersten Kindern in Overberge (heute Stadtteil von Bergkamen) gelebt. Annelies betrieb dort einen kleinen Lebensmittelladen. Als die Tante-Emma-Läden von Supermärkten verdrängt wurden, gab sie das Geschäft ab, die Familie zog nach Werl ins Elternhaus von Franz-Josef.

Die Familie wuchs, die Gartenarbeit blieb. Bis heute erledigt Franz-Josef Grote jeden Tag mit Gartenschere oder Schaufel in der Hand einige Arbeiten. Fit gehalten hat ihn über Jahrzehnte auch das Singen beim Männergesangverein „Concordia“ Werl. Jeden Mittwochabend wurde geprobt und geklönt, früher bei Roffhack in der Kämperstraße, zuletzt „Im Winkel“. Hinzu kamen Auftritte, Reisen und ausgelassene Karnevalsfeiern. Im Januar wurde der Verein nach 167 Jahren aufgelöst.

Annelies Grote hat sich früher in einer Turngruppe fit gehalten und sitzt heute noch jeden Tag zu Hause auf dem Ergometer. Nun können Annelies, gerade 85 Jahre alt geworden, und Franz-Josef (87) Grote in Gesundheit ihre Diamantene Hochzeit feiern. Die Jahre seien so schnell vergangen. Dabei erlebte das Paar neben dem familiären Glück, guten und schwierigeren Jahren Epochen deutscher und europäischer Geschichte mit.

Geplante Feier fällt aus

So wie jetzt die Pandemie, die das Ehepaar, das Krieg, Vertreibung, Not und Entbehrung erlebte, zwar nicht aus der Ruhe bringt, aber doch vor neue Herausforderungen stellt. Die Einkäufe erledigt zum Glück die Familie. Doch die mit den Kindern und Enkeln geplante Feier zum 60. Hochzeitstag am 13. Mai 2020 fällt aus. Die Messfeier in der St.-Norbert-Kirche wurde abgesagt, als die Kirchen verschlossen waren. Es wird keine Umarmungen geben, doch mit Abstand oder in Gedanken wollen Familie, Verwandte und Freunde dabei sein, wenn Annelies und Franz-Josef heute auf gemeinsame sechs Jahrzehnte zurückblicken.

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