Interview mit dem Werler Bürgermeister

"Wie schlimm eine Corona-Infektion enden kann, war mir immer bewusst"

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"Einige Narben bleiben": Werls Bürgermeister Michael Grossmann hat seine Corona-Infektion gut überstanden und die Amtsgeschäfte wieder aufgenommen

Werl - Bürgermeister Michael Grossmann hat seine Corona-Erkrankung überstanden. Seine Abschlussuntersuchung hatte er jetzt im Soester Marienkrankenhaus. Mit Anzeiger-Redakteur Gerald Bus spricht er über seine Erkrankung, Verschwörungstheorien und den ersten Werler Corona-Todesfall.

Nun hat auch Werl das erste Corona-Todesopfer zu beklagen. Wie sehr trifft Sie das auch aus der Sicht eines Menschen, der den Kampf gegen das Virus gewonnen hat?
Ich denke, wenn man selbst mit dem Virus infiziert war und die Krankheit überwunden hat, hat man grundsätzlich eine schärfere Sicht auf die Gesamtsituation. Dass wir in Werl das erste Todesopfer zu beklagen haben, gewinnt für mich eine zusätzliche Bedeutung, weil ich den Verstorbenen gut gekannt habe, ich verknüpfe dies aber nicht mit meiner eigenen Situation. 

Macht es Sie zusätzlich nachdenklich, durch diesen Fall nochmal vor Augen geführt zu bekommen, wie schlimm eine Corona-Infektion enden kann?
Wie schlimm eine Corona-Infektion enden kann, war mir immer bewusst, das stand für mich immer außer Frage. Obwohl ich aufgrund des Lebensalters zu den Risikogruppen gehöre, hatte ich trotz der doppelseitigen Lungenentzündung, die ich neben anderen Krankheitssymptomen hatte, keine übertriebenen Ängste, in der Hinsicht, dass ich die Krankheit nicht überstehen könnte. Dabei half mir, wie mir von ärztlicher Seite mehrfach bestätigt wurde, einfach eine gute Grundgesundheit und ein gutes Immunsystem. Weil es keine Medikamente und bis auf die Gabe von Sauerstoff keine Therapie gibt, musste letztendlich der eigene Körper selbst mit der Krankheit fertig werden. 

Wie geht es Ihnen heute, ein paar Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt? 
Heute, nach über sechseinhalb Wochen seit dem Krankenhausaufenthalt und acht Wochen, nachdem das Virus bei mir festgestellt wurde, kann ich sagen, dass es mir wieder gut geht. Durch dosierte körperliche Belastung, auch schon während der Zeit der häuslichen Quarantäne, konnte ich meine Kräfte annähernd wieder auf den alten Stand bringen. Das geht sicherlich nur mit Disziplin und es fällt leichter, wenn man sich auf einen guten körperlichen Zustand verlassen kann. Ich hatte jetzt meine abschließende Untersuchung in der Lungenabteilung des Marienkrankenhauses in Soest, in der ich auch stationär gewesen war. Die Diagnose war, dass ich nun dort, wo das Virus „tätig“ war, in der Lunge nun dauerhaft einige Narben zurückbehalten würde. Diese haben aber keine dauerhafte Beeinträchtigung oder zukünftige Risiken zur Folge. Meine Lungenwerte seien topp, so die Aussage des Arztes, und auch diesbezüglich habe ich keine Beeinträchtigungen zu befürchten. 

Die Amtsgeschäfte haben Sie ja wieder aufgenommen – ging das ohne Probleme?
Die Amtsgeschäfte habe ich offiziell bereits nach Ende der häuslichen Quarantäne am 20. April wieder aufgenommen. Größere Probleme hatte ich dabei nicht, aber ich musste natürlich erst den Substanzverlust, den ich erlitten hatte, wieder ausgleichen. Dazu brauchte man auch Geduld, was ich nicht immer habe, und manchmal eine etwas längere Pause. 

Merken Sie noch Spätfolgen durch das Virus? Welche möglichen Spätfolgen haben die Ärzte Ihnen vermittelt?
Spätfolgen durch das Virus merke ich nicht und sind wohl nach Meinung der Mediziner nicht zu erwarten. 

Stichwort „Stigmatisierung“: Bemerken Sie unabhängig vom ohnehin geltenden Kontaktverbot Zurückhaltung bei Menschen, die Ihnen begegnen?
Eine „Stigmatisierung“ in dem Sinne, dass Menschen mir über die ohnehin geltenden Regeln zu Kontakten mit Zurückhaltung begegnet wären, habe ich nicht festgestellt. 

Sie sind sehr offen mit ihrer Infektion umgegangen. Gab es Anlässe, das zu bereuen?
Im Gegenteil, ich habe so viel an Zuspruch erlebt und an Freundlichkeit, dass ich mich sehr gefreut habe. Auch heute noch fragen mich Menschen aller Altersgruppen, die ich teilweise gar nicht persönlich oder vielleicht nur vom Sehen kenne, ob es mir gut gehe, ob ich wieder gesund sei, und es passiert mir, dass mir von einem Fahrradfahrer oder einem Autofahrer aus dem offenen Fenster zugerufen wird, dass es schön ist, mich wieder gesund zu sehen. Letzte Woche habe ich zum Beispiel ein Gespräch mit Jungs auf der Skateranlage geführt und das erste, was mich die Gruppe gefragt hat, ob ich denn wieder gesund sei und dass sie sich freuen, dass es mir wieder gut geht. Für die vielen guten Wünsche auch im Vorbeigehen möchte ich mich ganz herzlich bedanken. In diesem Zusammenhang muss ich einfach feststellen, dass es völlig richtig war, von Anfang an offen mit dieser Infektion umzugehen. Einmal um Missverständnisse, aber auch um das Aufkommen von Gerüchten zu vermeiden und auch weil ich meine, dass die Öffentlichkeit einen Anspruch darauf hat. Viele haben mich nach dem Presseartikel im Anzeiger angesprochen und mir gesagt, und zwar ohne, dass ich sie gefragt habe, dass sie es sehr gut finden, dass ich diesen Schritt getan hätte, auch weil dadurch für sie das Virus und seine Auswirkungen erst so richtig konkret geworden wären, weil man das Ganze dann eben mit einem Gesicht verbinden konnte. 

Was sagen Sie Menschen, die nun in Deutschland auf die Straße gehen und Verschwörungstheorien verbreiten?
Menschen, die in Deutschland auf die Straße gehen und reine Verschwörungstheorien verbreiten, denen kann ich nur sagen, dass sie damit weder sich selbst noch der Allgemeinheit einen guten Dienst erweisen. Sie meinen, etwas zu wissen, was die Fakten völlig ausblendet. Aber ohne überheblich zu klingen: Ich weiß es besser. Gleichwohl weiß ich, dass Verschwörungstheorien durchaus einen Reiz für viele Menschen haben. Denken wir doch an die vielen erfolgreichen Romane, über Verschwörungstheorien, die millionenfach verkauft und verfilmt werden. Viele dieser Theorien, die im Zusammenhang mit der Pandemie verbreitet werden, sind ganz einfach Lügen. 

Wie sehr hat sich durch Ihre eigene Infektion und Gesundung der Blick auf die Pandemie verändert?
Mein persönlicher Blick auf die Pandemie hat sich nicht verändert, da ich den Virus von Anfang an sehr ernst genommen habe. 

Ein Wort zur Kommunalwahl: Befürworten Sie eine Verschiebung? Immerhin könnten Sie dann länger im Amt bleiben...
Ich gehe davon aus, dass die Kommunalwahl durchgeführt wird. Die Rahmenbedingungen sollen allerdings so sein, dass die Parteien sich auch gebührend zeigen können. Dazu gehört für mich auch die öffentliche konstruktive Auseinandersetzung mit den für die Stadt wichtigen Themen. Aus einer Verschiebung abzuleiten, dass ich dann ein Jahr länger im Amt bleiben könnte, ist völlig abwegig. Warum? Wenn ich das Bedürfnis für eine längere Amtszeit gehabt hätte, hätte ich nicht am 01.10. letzten Jahres deutlich gesagt, dass ich eine weitere Amtszeit nicht anstrebe. Dabei habe ich recht deutlich die entsprechenden Gründe artikuliert. Mangelnde körperliche und geistige Leistungsfähigkeit oder fehlende mentale Belastbarkeit spielten bei der Entscheidung sicherlich überhaupt keine Rolle, genau so wenig wie mein Lebensalter.

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