Das sagen heimische Mediziner

Coronavirus: Test-Welle stellt Ärzte im Kreis Soest vor Probleme

Coronavirus - Plauen
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Die Corona-Tests bei Reiserückkehrern stellen die Hausärzte vor Probleme.

Die Corona-Tests bei Reiserückkehrern stellen die Hausärzte vor Probleme, zudem die sich ständig ändernden Vorgaben, auf die man reagieren müsse. Ein Grummeln in der Ärzteschaft ist vernehmbar.

Werl/Soest - Die Ärzte rechnen ab. Einige sprichwörtlich mit der Politik, da sie sich im Stich gelassen fühlen. Und andere ihre ärztlichen Leistungen, nachdem sie sich durch das Dickicht unterschiedlicher Vorgaben gearbeitet haben.

 „Das ist schon heftig“, sagt Dr. Dorothee Dicke. Vor allem, weil sich die Verunsicherung bei den Patienten enorm auf den Praxisalltag auswirkt. „Menschen stehen unvermittelt in der Praxis und wollen sich testen lassen“, schildert die Medizinerin. Ihr Appell: auf jeden Fall vorher anrufen, um sich eine Zeit geben zu lassen, wann die Abstriche bei Reiserückkehrern gemacht werden können. „Das würden wir gerne bündeln“.

Am besten ans Ende der Sprechstunde. Denn natürlich wolle man verhindern, dass ein Patient das Coronavirus in die Praxis schleppt. Dass sich zunächst nur Rückreisende aus Risikogebieten und nun alle Rückkehrer kostenlos testen lassen können, wirkt sich aus in der Werler Praxis. „Es gibt so viele Abstriche wie noch nie.“ Testwillige sollten Nachweise wie Hotelbuchungen mitbringen, dass sie tatsächlich im Ausland waren, betont Dorothee Dicke. Innerhalb von 72 Stunden nach der Rückkehr aus dem Ausland sollte der Abstrich erfolgen.

Zudem müsse man an die Menschen appellieren, dass sie nach dem Test Zuhause bleiben. Schon einige Patienten habe sie informieren wollen über das Ergebnis, sie aber nicht erreicht. Immerhin: Es gibt genug Röhrchen für die Abstriche „und es steht nicht zu erwarten, das der Vorrat ausgeht.“ Und: Bislang waren alle Testes negativ. Wer die Tests bezahlt, ist eine andere Frage, mit der die Ärzte sich beschäftigen müssen. Sie wolle zwar keine Vorwürfe in Richtung Politik formulieren, sagt die Ärztin. „Aber das ist holterdipolter gekommen.“ Es brauche Lösungen, zumal die ohnehin knappe Versorgungslage mit Hausärzten in Werl nun voll durchschlage.

Es fehlt an Nachfolgern für Hausärzte

Immer mehr Ärzte beenden ihre Tätigkeit, Nachfolger fehlen. Hinzu kommen Vertretungen im Urlaub und damit 60-Stunden-Wochen für Hausärzte, die eh „am Limit“ agieren. Und jetzt auch noch Corona und die Folgen sowie kurze Vorlaufzeiten und sich ständig ändernde Vorgaben, mit denen Ärzte zu kämpfen haben. „Wir machen unsere Arbeit mit Herzblut“, sagt Dorothee Dicke. „Aber da müssen Lösungen her.“

Zumal ein Ende der Corona-Pandemie nicht in Sicht sei. Und von den Patienten? Wünscht sie sich Geduld und Verständnis. Man habe allerhand Zeit in die Logistik der Abläufe stecken müssen, sagt auch Mechtild Rath aus der Praxis am Hansaplatz Soest. „Aber wir haben das geregelt in Absprache mit der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Gesundheitsamt.“ Nun gibt es eigene Sprechzeiten für Reiserückkehrer, die sich testen lassen wollen oder müssen, damit sie nicht durchmischt werden mit anderen Patienten. „Wir können sie schließlich nicht neben einer Seniorin mit Blasenproblemen sitzen lassen“, sagt die Allgemeinmedizinerin.

Dass die Praxis groß ist, sei ein Glück. So könne man die Regelungen leichter treffen. Auch für die anstehenden Abstriche bei Lehrern oder Beschäftigten aus Kindergärten sowie für Seniorenheime hat die Praxis am Hansaplatz eigene Kapazitäten geschaffen. Nach wie vor gilt: Infektiöse Menschen werden nicht in die Praxis bestellt. Kompliziert seien aber die Abrechnungsmodalitäten für die ärztliche Leistung. Denn die sind in den einzelnen Kategorien unterschiedlich. So wird zum Beispiel der Abstrich bei einem Reiserückkehrer mit 15 Euro anders entlohnt als der bei anderen Patienten.

Bis zu 20 Anrufe täglich mit Coronavirus-Anliegen

Auch die Labore müssen einbezogen werden. Aber klagen nütze ja nichts, sagt Mechtild Rath. „Sicher mussten wir uns mächtig strecken, aber wir haben es geschultert.“ Bis zu 20 Corona-Anrufe pro Tag mit verschiedenen Corona-Anliegen zählt die Soester Praxis. Immerhin: Testkapazitäten seien ausreichend vorhanden. Dr. Susanne Beckmann geht härter mit der Politik ins Gericht, die die Regelungen beschlossen, aber den Medizinern keine Vorbereitungszeit gegeben habe.

„Das war aus meiner Sicht zu schnell geschossen“, sagt die Soester Medizinerin. Zwar ist sie privatärztlich tätig und damit weniger betroffen als Kollegen. Gleichwohl sei die Entwicklung „ein Riesenproblem“; in ihrem Fall seien vor allem die Abrechnungsmodalitäten unklar; etliche Telefonate mussten geführt werden. Ein Problem: „Ich bekomme die Formulare nicht, da ich keine Vertragsärztin bin.“ Die Frage sei auch, ob es ausreichend Testmaterial gebe, wenn es einen Ansturm gebe. Extra-Sprechzeiten seien darüber hinaus für Mediziner logistisch schwierig; die Patienten zu trennen, sei aus Platzgründen nicht einfach, sagt die Soesterin. Ihre Forderung: „Es braucht Unterstützung und klare Regeln aus der Politik und vom Kreisgesundheitsamt über die Vorgehensweise und die Vergütung.“ Ihre Kritik: „Wir sind vor vollendete Tatsachen gestellt worden.“ Es sei nachvollziehbar, dass sich Ärzte in diesem „Chaos“ alleingelassen fühlen müssen.

Kreisgesundheitsamt äußert Sorge

„Mit Sorge“ sieht das Kreisgesundheitsamt die aktuelle Corona-Entwicklung im Kreis, „nicht zuletzt im Hinblick auf die Reiserückkehrer und die angekündigten Lockerungen, Ende der Schulferien und Beginn des Regelbetriebs an den Schulen“, sagt Kreis-Sprecher Wilhelm Müschenborn. Auch die „zunehmende Acht- und Sorglosigkeit mancher Menschen und zunehmendes Unverständnis hinsichtlich erforderlicher Quarantänemaßnahmen“ beunruhigen das Gesundheitsamt.

„Das ist bei uns nicht anders“, sagt Müschenborn zur Klage vieler Städte und Kreise, dass die Gesundheitsämter hinsichtlich steigender Corona-Infektionszahlen bis zum Anschlag beschäftigt sind, es an personellen Ressourcen mangelt und die Arbeit an der Kapazitätsgrenze liegt. Zu den Hauptproblemen zählen wie allerorts die Reiserückkehrer. Der Kreis kritisiert aber auch „diverse Testmöglichkeiten, die angekündigt werden, bevor die Durchführenden informiert sind und erforderliche Regelungen und Freigaben zum Beispiel durch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe getroffen wurden“.

Müschenborn bemängelt darüber hinaus Kommunikationsdefizite und fehlendes Personal – und das alles vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen. Bisher allerdings könnten Kontaktketten nach Infektionen noch ausreichend nachverfolgt werden. Die Koordination der Testungen von Reiserückkehrern auch aus Risikogebieten sei keine Aufgabe des Gesundheitsamts, betont der Kreis-Sprecher. „Die Kassenärztlichen Vereinigungen regeln die freiwilligen Testungen, die niedergelassene Ärzteschaft führt sie durch.“

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