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Gastronomen fehlt die Perspektive: Liefern bringt nur Bruchteil des normalen Umsatzes

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Von: Dominik Maaß, Holger Strumann

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Meinolf Griese inmitten seines Restaurants, in dem schon seit Wochen keine Gäste mehr waren. © Dahm

Kreis Soest - Das Schlimmste für die Gastronomen im Kreis Soest ist im Moment die Ungewissheit. „Wir haben keine klare Marschrichtung, wir hängen völlig in der Luft“, sagt Thorsten Pälmer, Wirt des „Wilden Mann“ in Soest.

In der fünften Woche kein Gast – weder im Hotel, noch in den Gaststuben oder der weitläufigen Außengastronomie mitten auf dem Markt. Diese Ungewissheit plagt auch Pälmers Kollegen im Kreis Soest, die wir zu Corona und den Folgen befragt haben.

Wichtig in dieser Zeit, so berichtet Meinolf Griese, sei der Kunden- und Gästekontakt. „Der darf nicht abreißen.“ Der Hotelier und Gastwirt aus Möhnesee bietet – auch wenn es nur marginalen Umsatz auslöst – Essen zum Mitnehmen an und freut sich, gerade an Wochenenden immer wieder in vertraute Gesichter blicken zu können, die sich hier mit den Menüs to go eindecken. 

Es gibt tatsächlich noch Hotel-Gäste

Besonderheit in Körbecke: Tatsächlich gibt es hier doch noch sieben Gäste, die übernachten. Touristen ist das verboten, nicht aber den fünf Waldarbeitern, die im Wald aushelfen müssen, die Folgen der Borkenkäfer-Plage zu beseitigen. Hinzu kommen noch zwei Dänen, die für ein Unternehmen Wartungsarbeiten erledigen müssen. Die klassischen Geschäftsreisenden aber bleiben aus. Die stecken im Home-Office – auch deshalb, weil die Unternehmen möglichst wenig direkten Kontakt im Moment wünschen, erläutert Griese. 

Seine Mannschaft hat der Körbecker Gastwirt in Kurzarbeit geschickt, bis auf die vier Auszubildenden, für die es in den ersten sechs Wochen der Einschnitte kein Kurzarbeitergeld geben würde. Die Lehrlinge und ihr Chef wuppen also gerade den auf Sparflamme laufenden Betrieb. 

Wasserschaden war angenehmer

Thorsten Pälmer aus Soest hat schon einmal eine längere Auszeit durchstehen müssen. Ein riesiger Wasserrohrbruch-Schaden legte vor drei Jahren für 15 Wochen den Betrieb lahm. Doch das sei noch weitaus angenehmer gewesen als der Stillstand heute. Zum einen habe die Versicherung damals alle Schäden ersetzt, zum anderen sei absehbar gewesen, wann das Malheur behoben sein würde. 

Pälmer beklagt den „Wirrwarr“ der Politik, die unterschiedlichen Regelungen von Region zu Region, die fehlende Perspektive. Just jetzt platzt die Meldung herein, das Oktoberfest in München wird abgesagt. Prompt klingelt das Telefon, und Mitstreiter wollen von ihm wissen, was aus der Soester Kirmes wird. 

Denkbar schlechter Start fürs neue Restaurant

Anfang April wollten Vito und Rosa Minafra ihr neues Restaurant „Il Mulino“ in der historischen Werler Windmühle eröffnen. Einen schlechteren Zeitpunkt kann man sich kaum vorstellen. Pizza, Pasta, Salate und Schnitzel liefern Minafras nun zu ihren Kunden oder können an der Neheimer Straße abgeholt werden. Doch das machen gerade viele: „Die Konkurrenz ist groß“, weiß Vito Minafra. Der Außer-Haus-Verkauf decke so gerade die Fixkosten. 

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Vito und Rosa Minafra stellen den Gästen das Essen in den Vorraum ihres Restaurants „Il Mulino“ in Werl. Die Klingel wird nach jedem Gebrauch desinfiziert. © Maaß

Für eine volle Stelle in seinem Vierer-Team hat Minafra Kurzarbeit beantragt, außerdem wartet er noch auf die Direkt-Hilfe des Landes. „Wir halten uns über Wasser.“ Vor allem unter der Woche sei es sehr ruhig. Es gebe aber auch Kunden, die bewusst bestellen, um die heimische Gastronomie zu unterstützen. „Wir sind unseren Kunden sehr dankbar. Zumal im Moment ja alle aufs Geld gucken müssen.“ Besonders schmerzlich sei der Verlust sämtlicher Kommunionfeiern und Hochzeiten.

Im Hotel gibt es nur noch Einzelzimmer

Marilies Seithe, mit Franz Poggel Eigentümerin der Hotels Melstergarten in Werl und Seithe in Scheidingen, hat unter der Woche durchaus noch Buchungen von Verkäufern, Geschäftsleuten und Monteuren. Der Umsatz sei trotzdem eingebrochen. So vermiete sie nur noch Einzelzimmer. Und die Privatreisenden, vor allem am Wochenende, fehlten komplett. Mit der Absage der Wallfahrten werden nun auch die Pilger ausbleiben. 

"Gesundheit geht vor Umsatz"

Seithe hat ihrem Team trotzdem eine Arbeitsplatzgarantie gegeben, Kurzarbeit sei bislang nicht nötig gewesen, weil beide Häuser saniert würden und die Mitarbeiter danach die Zimmer wieder herrichten müssen. Lockerungen fordert sie nicht: „Gesundheit und Menschenleben gehen vor Umsatz und Geld.“

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